Trat sogar in Wacken auf. Der gebürtige Düsseldorfer Heino.  Foto: Daniel Reinhardt/dpa
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Heino wird 80 Vollkommen ironiefrei, aber mit Karacho

Die Musikmaschine Heinz Georg Kramm alias Heino wird 80 Jahre alt. 2019 will die Ikone der Volksmusik mit einer letzten Tour endgültig Abschied nehmen.

Gleich wird Heino gen Himmel emporsteigen. Jedenfalls musste man das befürchten. 2009 war das, Heino hatte sich gerade mal wieder neu erfunden, jedenfalls ein kleines bisschen, spielte also zur Adventszeit in Kirchen. Der Sänger betritt an diesem Abend das Gotteshaus, Spotlight, weißer Anzug, er breitet die Arme aus, singt „Ave Maria“, als wäre er der weißblonde Messias höchstselbst.

Aber er fuhr nicht gen Himmel, sondern blieb. Bis heute. Und feiert nun seinen 80. Geburtstag. 80 Jahre, von denen er etwa 50 auf Bühnen verbrachte, bei Schlagerparaden und Volksmusikfesten, in Stadien und sogar in Wacken, einem der größten Metalfestivals der Welt.

Heino hat mit der Zeit vieles an sich verändert und blieb im Grunde doch immer gleich: Da ist die dunkle Sonnenbrille, die er zunächst wegen einer Erkrankung tragen musste und später einfach aufbehielt. Dann die hellblonde Frisur, die schon seit vielen Jahren ein Toupet ist. Die kräftige Statur, die er sich zulegte, nachdem sein Entdecker Ralf Bendix ihm in den 60ern geraten hatte: „Pump dich auf wie ein Maikäfer.“ Die mächtige Baritonstimme, die zuletzt manches von ihrem Wumms verloren hat.

Heino ist insgesamt völlig ironiefrei

Das sind die Bauteile, aus denen sich die Musikmaschine Heino zusammensetzt. Von Zeit zu Zeit wechselt Heinz Georg Kramm, wie der gebürtige Düsseldorfer mit bürgerlichem Namen heißt, die Platten aus und belegt die Tasten neu.

1989 etwa, als der Erfolg schon eine Weile abgeklungen war, brachte er eine Dancefloor- Version von „Blau blüht der Enzian“ heraus. Platz 1 in den Charts. Wieder wurde es ruhig um ihn. 2005 verkündete er zum ersten Mal seinen Abschied, wollte 2008 ein Comeback, wurde krank, musste die Tournee absagen, geriet in einen Streit mit der Versicherung und blieb am Ende auf den Kosten von 3,5 Millionen Euro sitzen. 2009 dann die Kirchentour, eher unbeachtet. Das große Karamba-Karacho gelang ihm erst wieder 2013. Da tauschte Schlagerheino den Rollkragen gegen Lederjacke und Totenkopfring – ein Geschenk seiner dritten Ehefrau Hannelore.

Rockerheino veröffentlichte also ein Album, auf dem er Songs von Rammstein, den Sportfreunden Stiller und den Ärzten coverte. Vollkommen ironiefrei, weil Heino insgesamt vollkommen ironiefrei ist oder die Ironie jedenfalls sehr gut versteckt. Doch womöglich ist ihm damit, ohne dass es ihm heute klar ist, das größte Werk seiner Karriere gelungen. Denn Rammstein ohne Feuerwerk, die Ärzte ohne Sarkasmus und die Sportfreunde Stiller ohne Trainingsjacken sind letztlich auch bloß Volksmusik.

Heino ist das egal. Hauptsache, die Musik stimmt. Es sei immer klar gewesen, dass er für seine Texte „nie den Nobelpreis kriegen würde“, sagte er 1996 dem „Zeit-Magazin“. „Und ich weiß auch, dass der ,Blaue Enzian‘ nicht klug sein muss. Der muss nur erfolgreich sein.“

Eine Jukebox ist eine Maschine, die funktioniert

Wenn man sie mit genug Münzen füttert, spuckt eine Jukebox irgendwann die Musik aus, die man hören will. Die wandelnde Jukebox Heino klingt jedoch manchmal etwas schief. Schenkte der NRW-Heimatministerin im Frühjahr eine CD mit Liedern, die zum Teil auch im Gesangbuch der SS standen. Nahm vor einigen Jahren das Deutschlandlied mit allen drei Strophen auf. Rechtfertigte sich damit, Musik könne nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert wird (was nicht als Musikerwitz gemeint war). Bediente sich im „FAZ“-Interview des Hitler-Zitats vom flinken Windhund. Und spielte während des Apartheid-Regimes Konzerte in Südafrika, obwohl die UN ein Embargo verhängt hatten. Rechtfertigte sich damit, dass er Verträge einhalten wolle.

Seine Kritiker warfen ihm vor, Verträge seien ihm wichtiger als Haltung. Als sich 1998 seine Tochter das Leben nahm und er gerade auf einer Kreuzfahrt engagiert war, soll er trotzdem aufgetreten sein, weil er das eben zugesagt hatte. Eine Jukebox ist eine Maschine, die funktioniert. Dabei kann ihre Chromverkleidung manchmal unangenehm kalt wirken.

Es ist diese Kühle, es ist das Unnahbare, das den Menschen hinter den dunklen Brillengläsern so schwer greifbar macht. Auch nach 50 Jahren ist unklar, ob Heino nun maßlos über- oder unterschätzt wurde. Die nächste Tour samt Album 2019 soll definitiv sein Abschied werden. Die einen werden es lieben, die anderen hassen. Dazwischen gibt es nichts. „Was stört es eine alte Eiche, wenn sich die Sau dran kratzt“, sagt er oft. Heino ist das egal. Hauptsache, die Musik stimmt.

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