Westen. Das Festspielhaus in der Schaperstraße hat die Scheiben derzeit bronze getönt, wie einst der Palast. Foto: Berl. Festspiele/Burkhard Peter

Haus der Berliner Festspiele Noch einmal eintauchen in die Zeit der Wende

Elske Rosenfeld

Revolution gestern und morgen: Die Berliner Festspiele laden ein in ihren „Palast der Republik“ zum Diskurs über Formen des Protests und der Demokratie.

In einem symbolisch neu errichteten Palast der Republik, einem „Palast der Gegenerzählungen“, tauchen die Berliner Festspiele noch einmal in die Zeit der Wende ein. Damals, so behaupten die Kuratoren, habe es Formen des Protests und der Demokratie gegeben, die heute wieder aktuell und brauchbar sind. An diesem Freitag beginnt der Diskurs um 18 Uhr, u. a. mit Bénédicte Savoy und Bernhard Schlink. Am Samstag ab 12 Uhr heißt es „Come Together“, u. a. mit Thomas Krüger, Andrej Holm. Am Sonntag geht es um „Neue Allianzen für ein anderes Europa“, dabei ist auch Yanis Varoufakis. Abends folgt der „Musikpalast“, wo man z. B. Anna Calvi hören kann.

Als die Mauer geöffnet wurde, trank Bärbel Bohley einen Cognac und ging schlafen. Sie hatte am Vormittag mit anderen Mitstreitern die erste Pressekonferenz des Neuen Forums abgehalten. Vielen von ihnen erscheint die Maueröffnung als ein Versuch der SED, das aufgebrachte Volk zu befrieden. Zwei Tage später mahnt das Neue Forum: „Ihr seid die Helden einer politischen Revolution, lasst euch jetzt nicht ruhigstellen.“

Diese politische Revolution hatte ab Oktober 1989 als eine rasant anwachsende Massenbewegung Gestalt angenommen. In einem Prozess der radikalen Selbstermächtigung hatten die Menschen auf den Straßen, auf der Arbeit, in den Schulen begonnen, die Gegenwart und Zukunft des Landes zu besprechen. Die Bürgerbewegungen boten der Bevölkerung dafür eine Plattform. Für dieses von den Oberen gefürchtete gemeinsame Projekt sollte die abrupte Grenzöffnung tatsächlich zu einer Art Anfang des Endes werden. Viele Menschen begannen sich jetzt anderen politischen Angeboten zuzuwenden – und Angeboten, die schon nicht mehr politisch waren. Aber damit war noch nichts vorüber.

Mehrheit der Ostdeutschen spricht sich für den Fortbestand der DDR aus

Zwar müssen sich die Mitbegründer des Neuen Forums in Leipzig montags nun, weil sie aus Protest gegen die nationale Wende demonstrativ entgegen der Hauptlaufrichtung um den Leipziger Ring laufen, als „rote Socken“ beschimpfen lassen. Aber noch sprechen sich, laut einer „Spiegel“-Umfrage vom Dezember 1989, 71 Prozent der Ostdeutschen für einen Fortbestand der DDR aus. Der von DDR-Intellektuellen initiierte „Aufruf für unser Land“ wird von 1,17 Millionen Bürgerinnen unterschrieben.

Der so folgenreiche Wandel von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ wurde nicht auf der Straße und nicht im Osten, sondern am 10. November in Hamburg von den Chefredakteuren von „Bild“ und „Welt“ vollzogen. Die Bundes-CDU machte anschließend im Geleit dieser Kampagne wirkungsvoll Wahlkampf. Die Kohl-Regierung verhandelte die Konditionen einer raschen Einheit sowieso lieber mit Partnern in der SED-Regierung als mit den bürgerbewegten Neulingen. Die Bürgerinnen organisierten indessen weiter die Demokratisierung der Institutionen, Medien und Betriebe an Runden Tischen, in Bürgerkomitees.

Auch mit dem durchschlagenden Erfolg der „Allianz für Deutschland“ bei den Volkskammerwahlen war diese Revolution nicht vorüber. Das Wahlergebnis vom 18. März wird heute gern als Blankoscheck für genau jenen Weg zur Einheit interpretiert, den diese dann unter westdeutscher Federführung einschlug. Parlamentarische Entscheidungen und Bevölkerungsmeinung gingen in Sachfragen jedoch teils nachweislich weit auseinander. Die Verhandlungen zur deutschen Einheit blieben bis zu ihrem Ende von dem hartnäckigen Bemühen ostdeutscher Akteure geprägt, wenigstens einige der an den Runden Tischen entwickelten ökologischen und basisdemokratischen Vorschläge und soziale Aspekte der DDR in ein vereintes Deutschland einzubringen.

Eine Kabeltrommel aus Oberschöneweide fungiert als Runder Tisch

Als die Volkskammer am 20. September 1990 im Palast der Republik den Einigungsvertrag annimmt, versammeln sich draußen Bürgerrechtler an einem Runden Tisch, bestehend aus einer Kabeltrommel der von Entlassungen bedrohten Kabelwerke Oberschöneweide. Am 4. November fordert ein „Runder Tisch von Unten“, die politische Selbstermächtigung der Bürgerinnen von 1989 nun auch als eine soziale und wirtschaftliche umzusetzen.

Der revolutionäre Impuls wirkte noch lange fort, nachdem die Politik den demokratischen Gestaltunganspruch der Ostdeutschen mit dem treuhandgewordenen Credo des „wirtschaftlichen Sachzwangs“ für obsolet erklärt hatte. Der Wunsch, über die eigene Zukunft selbst zu entscheiden, manifestierte sich in den Anti-Treuhand-Protesten, Streiks und Betriebsbesetzungen der frühen 1990er Jahre, ebenso wie in den 1991 zunächst gegen Betriebsschließungen und 2004 gegen die Hartz-IV-Gesetze wieder aufgenommenen ostdeutschen Montagsdemos.

Nachdem die Geschichte von 1989/90 aber einmal als Erfolgsstory von Mauerfall und Wiedervereinigung festgeschrieben worden war, waren diese Momente nicht mehr als Fortsetzung einer 1989 begonnenen emanzipativen Bewegung zu erkennen. Aus dem kollektiven Bewusstsein in Ost wie West sind sie seither so gründlich verschwunden, dass der Rechtsruck Ostdeutschlands heute oft ausgerechnet mit einer „Demokratieunfähigkeit“ der Ostdeutschen erklärt wird.

Eine freudige Erregung, ein Aufleuchten der Augen

Für die Erfahrung der Selbstermächtigung, die Erinnerung an das Uneingelöste der Revolution von 1989/90, fehlt uns heute die Sprache. Als Künstlerin suche ich diese. Ich suche sie in den Körpern der Menschen, in denen die Erfahrung des Herbstes 1989 unter den auf sie hinaufgeschichteten Erzählungen archiviert ist: als eine freudige Erregung, ein Aufleuchten der Augen, das sich beim Erinnern Bahn bricht.

Mit dem „Palast der Republik“, wollen die Berliner Festspiele eine Revision und Ergänzung des Erzählens über 1989/90 anregen. Wir wollen mit damals Beteiligten über ihre Visionen eines gemeinsam organisierten Zusammenlebens sprechen. Es geht um genau jene Fragen – der Ökologie, der radikalen Demokratisierung, der sozialen und globalen Gerechtigkeit –, welche die ab 1990 neu formierte Gesellschaft heute am deutlichsten herausfordern. Wir wollen einen politischen Erfahrungsschatz heben, der in der Erzählung von Mauerfall und Wiedervereinigung verschwindet – den wir 2019 aber gut brauchen können.

Die Revolution von 1989/90 hat gerade erst begonnen.

Elske Rosenfeld forscht zur Geschichte der Dissidenz in Osteuropa und den Ereignissen von 1989/90. Ihre Arbeiten wurden u. a. ausgestellt beim f/stop-Festival Leipzig, beim Herbstsalon vom Maxim Gorki Theater, beim Steirischen Herbst in Graz. Sie gehört zum Kuratorenteam vom „Palast der Republik“.

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