Kühler Chromstahl. In der Grafschaft Gloucestershire nahe London stehen Lynn Chadwicks Tierwesen wie dieses „Beast alerted“ aus dem Jahr 1996. Foto: Courtesy The Estate of Lynn Chadwick and Blainsouthern / Jonty Wilder
©  Courtesy The Estate of Lynn Chadwick and Blainsouthern / Jonty Wilder

Haus am Waldsee und Kolbe Museum Zum Sprung bereit

„Biester der Zeit“: Das Kolbe Museum und das Haus am Waldsee würdigen den britischen Bildhauer Lynn Chadwick erstmals in Deutschland mit einer Doppelretrospektive.

Das Biest hat weder Augen noch Zähne, sein Maul gähnt als dunkle Öffnung im glänzenden Metall. Dennoch wirkt es verblüffend lebendig. Die kleinen und großen Plastiken, denen Lynn Chadwick immer wieder den Namen „Beasts“ gab, scheinen gerade zum Sprung anzusetzen. Dabei sind sie reinstes Konstrukt: Eine Ansammlung spitz- wie stumpfwinkliger Dreiecke, die Chadwick überzeugend in Form gebracht hat. Abstrakt und dabei so assoziativ, dass ihre Interpretation nur einen Schluss zulässt: Der britische Bildhauer tendiert trotz aller Einflüsse der Moderne zur erzählerischen Figur.

Mit seiner Kunst gewann er 1956 den ersten Preis für Skulptur auf der Biennale von Venedig. Vier Jahre später wanderten kleinere Arbeiten aus Gips für eine Ausstellung ins Duisburger Lehmbruck-Museum und von dort über das Berliner Haus am Waldsee nach Kopenhagen. Eine Tour, die sich nun ähnlich wiederholt. Bloß entfaltet sich Chadwicks Werk diesmal in zwei Berliner Institutionen – dem Haus am Waldsee und dem Kolbe Museum – und geht anschließend ins Ruhrgebiet.

Es ist die erste museale Retrospektive mit über 70 Beispielen aus allen Phasen seiner Arbeit (Sensburger Allee 25, bis 15. 9., tgl. 10 – 18 Uhr / Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 25. 8., Di bis So 11 – 18 Uhr). Was erstaunt, denn gerade in Deutschland wurden seine Wächter, Tänzer und eben Biester genannten Skulpturen bis weit in die 60er Jahre sehr verehrt. Dann überholten ihn andere, weniger narrative Ausdrucksformen, Chadwick geriet in den Hintergrund. Zu Unrecht, wie die aktuelle Doppelausstellung „Biester der Zeit“ eindrucksvoll belegt.

Im Kolbe Museum sind frühe Arbeiten zu sehen

Den Auftakt macht das Kolbe Museum mit frühen Arbeiten. Es folgt dem Künstler, der ab 1933 eine Ausbildung zum technischen Zeichner absolvierte, durch die Anfangszeit und präsentiert ein Mobile, das wahlweise an einen skelettierten Flügel erinnert - oder an die frei schwingenden Kunstwerke Alexander Calders.

Doch den Amerikaner, der seine Skulpturen schon zwei Jahrzehnte zuvor schwerelos gemacht hatte, will Chadwick nicht gekannt haben. Er war Autodidakt, tauschte seine Karriere als Architekt für ausgefallene Messestände erst als 30-Jähriger gegen die des Bildhauers und übertrug sein konstruktives Wissen ins Atelier, ohne sich vorher viel mit anderen Künstlern beschäftigt zu haben. Ein frühes Foto zeigt ihn bei Schweißarbeiten für „Stranger III“, einer Figur mit massig eckigem Unterbau. Ein bisschen sieht es aus, als stünde Chadwick mit Schutzbrille und in Overall hinter dem Metallskelett eines kühnen Fluggefährts.

Diese Konzentration auf den Körper, seine Tektonik, wird im Kolbe Museum immer wieder sichtbar. Das Haus stellt Chadwicks Gipsmodelle neben die fertige Arbeit, ergänzt das skulpturale Werk durch Zeichnungen und fächert das wiederkehrende Formvokabular auf: Neben den Biestern sitzen Paare, im Untergeschoss steht der wunderbare „Moon of Alabama“ auf staksigen Beinen im Raum, halb Himmelskörper, halb ins Groteske vergrößerte Amöbe. Auch wenn der Künstler seine Gestalten akribisch konstruiert und verfremdet, wirken sie wie Kreaturen. Eine Qualität, die Beziehungen zwischen den Bronzewesen und ihrem Betrachter schafft.

Im Haus am Waldsee flankieren ihn andere Künstler

Im Haus am Waldsee tritt mit den Werken Hans Uhlmanns ein Zeitgenosse hinzu, ergänzt um die Arbeiten von Katja Strunz, deren künstlerische Biografie erst weit nach Uhlmanns Tod 1975 beginnt. Beide verbindet, neben Berlin als Lebensort, über die Jahrzehnte ein konstruktiver Ansatz in der Bildhauerei. Dynamik und Rhythmus sind ihre Konstanten, mit denen sie Raum, Schwerkraft und Zeit immer wieder ausloten. Was daraus entsteht, lässt sich nicht direkt mit Chadwicks Objekten vergleichen: Eher legt es die feinen Unterschiede dreier künstlerischer Strategien offen, die ähnliche Materialien nutzen und deren formale Parallelen manchmal verblüffen.

Chadwick schafft Körper, die – mit Ausnahme seiner späten Biester aus glattem Chromstahl – narbige, in Falten gelegte, schrundige Häute haben. Uhlmann dagegen schneidet metallene Elemente aus und verbindet die nach oben strebenden Einzelteile wie ein Ingenieur. Auch seine aus Stahlrohr gebogenen „Vogelwesen“ erinnern mehr an räumliche Zeichnungen denn plastische Figuren. Chadwick hätte sie wohl als statische Basis genutzt und mithilfe von Gips für die obligate Körperlichkeit gesorgt.

Wie verschieden beide das plastische Arbeiten verstehen, zeigt ein Blick ins Freie. Uhlmanns bekanntestes Werk findet man vor der Deutschen Oper in Charlottenburg direkt an der verkehrsreichen Bismarckstraße. Chadwick dagegen kaufte sich Ende der 50er Jahre ein verfallenes Anwesen in Gloucestershire nahe London, päppelte das neugotische Schloss wieder auf und stellte zahllose Skulpturen in den ungezähmten Park.

Chadwick liebte die Natur

Hier stehen sie bis heute als Vermächtnis des 2003 verstorbenen Künstlers, ein Dokument seiner Liebe zur Natur, die sich tatsächlich in den Berliner Ausstellungsräumen widerspiegelt: Beide verfügen über Gärten und präsentieren die Paare und Tierwesen des Briten im Dialog von drinnen und draußen.

Den Arbeiten von Katja Strunz begegnet man im Haus am Waldsee schließlich ganz unmittelbar. Im ersten Stockwerk scheint eine große, schwere Arbeit direkt auf die Treppe zuzuschießen: wie ein Pfeil, dessen Spitze sich in die Luft bohrt. Aktiv und gefährlich. Das Dynamische prägt ihren Ausstellungsteil, der von Verdichtung und Vernichtung handelt. Wo Strunz Holz und Metall zu dreidimensionalen Skulpturen faltet, scheint Material zu verschwinden. Man sieht es nicht mehr, weiß aber um seine Existenz. Daraus erwachsen ebenso komplexe wie spannende Überlegungen zur Wahrnehmung, die sich mit jeder Situation strukturell verändert. Die Künstlerin, Jahrgang 1970, holt das schauende Individuum in ihre Kunst. Was für ein Generationen-Unterschied zu Chadwick und Uhlmann, die bei aller Sensibilität immer nur ein Zentrum kennen, von dem alle Impulse ausgehen: sich selbst.

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