Chefkoch für das Berliner Schloss. Hartmut Dorgerloh in der Küche von Sanssouci. Foto: Hirschberger/dpa
p

Hartmut Dorgerloh ins Humboldt-Forum Über den künftigen Intendanten freuen sich zur Abwechslung - alle

3 Kommentare

Die Wahl Hartmut Dorgerlohs zum Generalintendant in zwei Wochen gilt als Formsache. Er kennt sich aus im "Dschungel der Berliner Kulturpolitik".

Strahlende Gesichter sieht man beim Humboldt-Forum nicht so häufig. Es herrscht um die Kulturgroßbaustelle, auch zu anderer Jahreszeit, ein Shakespeare’scher Winter des Missvergnügens. Undurchsichtige Organisation, zu große Staatsnähe, der politische Druck auf die Sammlungen (Provenienz!), die offensichtliche Diskrepanz von biederer Schlosshülle und Museumsdesign des 21. Jahrhunderts – die Liste der Erregungen und Vorwürfe ist lang.

Jetzt aber könnte der Moment für eine größere Wetterveränderung gekommen sein. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Hartmut Dorgerloh als künftigen Generalintendanten des Humboldt-Forums vorgeschlagen. Dorgerloh, 1962 in Berlin geboren und aufgewachsen in Potsdam, ist seit 2002 Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Seine Wahl im Stiftungsrat – in zwei Wochen – gilt als Formsache, er ist auch der Kandidat der Humboldt-Gründungsintendanten Neil MacGregor, Horst Bredekamp und Hermann Parzinger. Sie sind sich einig.

Und wie es der Zufall will: In der Humboldt-Box eröffnet an diesem Donnerstag die Ausstellung „Laut – die Welt hören“. Auf der eigentlich nicht gar so wichtigen Pressekonferenz, die mit einem Mal die volle Aufmerksamkeit erfährt, lobt MacGregor Hartmut Dorgerloh als einen „besucherorientierten Wissenschaftler, der komplexe Themen einem breiten Publikum vermitteln kann“.

Ein typisches Humboldt-Forum-Gemenge: Personalfragen überlagern die Inhalte, und die Problematik einer im Umzug befindlichen Riesensammlung verschattet das Personelle. Nur scheint es diesmal ins Positive zu gehen, funktioniert das Timing: Dorgerlohs Berufung wird ringsherum begrüßt und für gut befunden. Oder wie es MacGregor mit seinem Feinsinn formuliert: „Dorgerloh hat bereits eine Institution von höchster, ja von deutscher Komplexität geleitet“ und auch das Humboldt-Forum sei ein hochkomplexes Haus. Und: „Hartmut Dorgerloh kennt sich im freundlichen Dschungel der Berliner Kulturpolitik sehr gut aus.“

Besser eine märkische Persönlichkeit als ein Wundermann von außen

Ein bemerkenswerter Satz von MacGregor. Man kann ihn auch so interpretieren, dass eine Persönlichkeit aus den märkischen Untiefen und Abgründen vielleicht sogar besser geeignet ist, das Humboldt-Forum aus der ewigen Legitimationsklemme zu führen, als ein Wundermann oder eine Wunderfrau von außerhalb. MacGregor war bis Ende 2015 Direktor des British Museum in London und kam dann nach Berlin, auf heißen Wunsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Monika Grütters. Der Schotte hat die Tücken preußischer Bürokratie kennengelernt, ganz wie die Brüder Humboldt, die sich immer wieder staatlichen Zwängen und Ämtern zu entziehen wussten. Die Erwartungen an MacGregor waren so immens, dass er in Teilen nur enttäuschen konnte.

Mit der dann plötzlich doch schnell erfolgten Entscheidung für Dorgerloh, der wahrscheinlich Ende 2019 sein Amt antritt, fallen zwei andere Mitteilungen zusammen, über die das Humboldt-Forum frischen Optimismus verbreitet. Es ist ja nicht ganz unerheblich, dass der Bau immer noch im Zeit- und Kostenplan ist. Und mit Lars-Christian Koch ist Anfang der Woche auch der neue Sammlungsleiter für das Humboldt-Forum gefunden worden. Er steht nun dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst vor. Es handelt sich um eine hausinterne Berufung, wofür allein die wissenschaftliche Befähigung ausschlaggebend gewesen sein soll. Für die Gesamtpräsentation des Humboldt-Forums wird Dorgerloh zu sorgen haben.

Es bleibt das ambitionierteste Kulturprojekt der Bundesrepublik. Das Humboldt-Forum will – aus den Sammlungen heraus – auch das immaterielle Erbe der Menschheit präsentieren und pflegen, ein „Haus der Sprache, der Klänge, der Musik, der Rituale und der Tänze sein“, wie MacGregor betont.

Töne sichtbar machen

Wie das aussehen, wie das klingen kann, darauf gibt die Studio-Ausstellung in der Box einen Vorgeschmack. Hier gibt es bereits seit anderthalb Jahren Testläufe für das große Forum, und anders als bei den vorangegangen Versuchen gelingt es mit „Laut – die Welt hören“ diesmal, Neugier zu wecken, neue Perspektiven zu erschließen. Berlin besitzt mit dem Laut-Archiv der Humboldt-Universität und dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums einen großen und in der Öffentlichkeit nicht so bekannten Schatz. Die raren musikologischen und sprachwissenschaftlichen Bestände werden ins Humboldt-Forum ziehen, sollen dort präsent sein.

Unter der Leitung des neuen Sammlungschefs Lars-Christian Koch suchen die Ethnologen nach Wegen, Töne und ihre Entstehung sichtbar zu machen – und frühe Aufnahmen hörbar. Die Veränderungen in der Technik der Aufzeichnung werden skizziert, von Edison bis heute. Schalltrichter und Mikrofon waren ebenso Mittel der Aneignung und Ausbeutung wie Kamera und vor allem die materielle Mit- und Wegnahme. Die Berliner Firma Carl Lindström trieb die Entstehung des Weltmusikmarkts entscheidend voran.

Vor dem Film – und schneller – transportierten Tonträger Kultur, schufen Profit: greifbare Globalisierung. Auch Stimmen und Lieder gehören jemandem, sind fragil, vom Aussterben bedroht. Copyright, Verbreitung, Digitalisierung: Diese Fragen reißt die kleine Ausstellung in Hinblick auf das Humboldt-Forum an. Und übergibt einen Teil der Fläche den Kollegen der Amar Foundation; auch das ein Signal. In Beirut sammeln sie alte arabische Schallplatten, betreiben akustische Archäologie des Nahen Ostens.

Mit dem Kopfhörer wandert der Besucher durch Räume und Zeiten. Der Blick geht hinaus zur Museumsinsel. An solchen klaren Tagen werden die vielfältigen Möglichkeiten der Verbindung sichtbar, die im Humboldt-Forum liegen.

Mehr zum Thema

„Laut – die Welt hören“, Humboldt-Box, Schlossplatz, bis 16. September 2018. Täglich 10–19 Uhr, Eintritt frei. Mit umfangreichem Veranstaltungs- und Educationprogramm. Info: humboldtforum.com

Zur Startseite