Linker Geist. Hans W. Geißendörfer feiert zu Hause in London. Foto: Henning Kaiser/dpa
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Hans W. Geißendörfer zum 80. Seine „Lindenstraße“ nervte und sie fehlt

Die „Lindenstraße“ war Hans W. Geißendörfers Lebenswerk. Er brachte damit politisches Bewusstsein in die TV-Unterhaltung. Zum 80. bleibt er weg.

Schwer zu sagen, wie es Hans W. Geißendörfer geht. Der Mann, der Kino- und mit der „Lindenstraße“ vor allem Fernsehgeschichte geschrieben hat, ist seit der umstrittenen Absetzung seiner ARD-Serie vor einem Jahr kaum noch öffentlich in Erscheinung getreten.

Auch jetzt nicht, zu seinem 80. Geburtstag am 6. April. Ausdruck von Wut ist das wohl nicht. Er wolle im Kreis der Familie zu Hause in London feiern und aus diesem Anlass keine Interviews geben, heißt es aus seinem Umfeld. Es gehe ihm gesundheitlich „sehr gut“, er sei gut durch die Corona-Zeit gekommen.

Dabei hätte man so viele Fragen an ihn. Zum Beispiel, wie sehr es immer noch schmerzt, Sonntag für Sonntag gegen halb Sieben keine „Lindenstraße“ zu sehen.

Oder was ihm und seinem Autoren-Team zum Thema Corona eingefallen wäre, wenn die Familienserie in Köln-Bocklemünd in Pandemiezeiten überhaupt hätte gedreht werden können.

Vielleicht tut man dem Produzenten und Regisseur auch Unrecht, ihn auf eine TV-Serie zu reduzieren, über die viele die Nase gerümpft haben. Triviales Vergnügen und gesellschaftskritischer Anspruch schlossen sich bei Geißendörfer nie aus.

Geißendörfer vereint Triviales und Anspruch

Das Kind einer Pfarrersfamilie zählt sich selbst zur „68er“-Generation. Wann immer man den Mann mit der Wollmütze zum Interview traf – man konnte sicher sein, bissige, manchmal wütende Sätze zum Zustand von Politik, Gesellschaft und Fernsehen zu bekommen.

Links zu sein habe für ihn immer bedeutet: radikale Demokratie und Humanismus, sagte Geißendörfer.

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So auch in seinem erstem Kinofilm als Regisseur und Autor: „Jonathan“ (1970), eine Parabel über den Kapitalismus, in der die Bürger gegen die Tyrannei blutsaugender Vampire aufbegehren und die Untoten ins Meer treiben.

Geißendörfer ist ja auch ein Autorenfilmer. Er gehörte 1971 mit Wim Wenders, Peter Lilienthal und Hark Bohm zu den 13 Gründern des Filmverlags der Autoren.

Im Kino liegen seine größten Erfolge länger zurück: „Die gläserne Zelle“ (1978) nach Patricia Highsmith war für den Oscar nominiert. Die Thomas-Mann-Verfilmung „Der Zauberberg“ (1982) wurde dank prächtiger Bilder von Michael Ballhaus ein deutscher Kino-Klassiker.

Die Romanverfilmung „Schneeland“ mit Julia Jentsch und Ulrich Mühe von 2005 ging trotz guter Kritiken dann schon ein bisschen unter.

Die „Lindenstraße“ behandelte Themen wie Rassismus und Umweltschutz.

Mit dem Fernsehen konnte ein viel größeres Publikum erreicht werden. Nach Serien in den siebziger Jahren wie „Lobster“ und „Theodor Chindler“ wurde die „Lindenstraße“ Geißendörfers Lebenswerk: die erste Serie, die fiktional in Echtzeit und nahe am aktuellen Geschehen erzählte.

Klar, die „Lindenstraße“ nervte. Hier wurden Botschaften öfters plump serviert. Wer teure Event-TV-Serien wie „Ku’damm 63“ sah, tat sich schwer mit dem Look der Weekly Soap. Nur hier aber wurden über 35 Jahre hinweg in der TV-Unterhaltung notorisch die Themen Umweltschutz, Rassismus, Rechtsextremismus oder Diversität aufgegriffen.

Dem Bundespräsidenten ist nicht zu widersprechen: Geißendörfers Serie habe durch die „Hintertür“ der Unterhaltung bei Millionen von Zuschauern ein politisches Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme geschaffen, das durch andere Formate nur schwer hätte erreicht werden können. Man möchte dem Jubilar nach London nochmals zurufen: Sehr, sehr schade, dass es Ihre „Lindenstraße“ nicht mehr gibt.

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