Simon Bauer und Hans Unstern (rechts) spielen "Diven". Foto: Dorothea Tuch
© Dorothea Tuch

Hans Unstern live im Säälchen Das Dröhnen des Stahlmonsters

Hans Unstern hat auf dem Festival für selbstgemachte Musik im Säälchen seine imposante V-Harfe vorgestellt – und das Album „Diven“.

Es muss nicht immer Gitarre, Schlagzeug und Bass sein. Auch nicht Violine, nicht einmal Blockflöte. Man kann Instrumente oder zumindest etwas, das Klang erzeugt, auch selber basteln.

Mit Speichen von alten Fahrrädern, Weggeworfenem vom Sperrmüll, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, jeder und jede kann ein Daniel Düsentrieb des Instrumentenbaus werden. Das ist die Idee beim Festival für selbstgebaute Musik, das es seit sechs Jahren gibt und bei dem in Workshops gezeigt wird, wie man selbst Klangerzeuger basteln kann.

Ein Metallschieber verändert die Tonhöhen

Bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals auf dem Holzmarkt-Gelände in Mitte gibt es am Sonntag zudem wieder Performances und Konzerte, bei denen Instrumente im Mittelpunkt stehen, die man nicht im Musikgeschäft kaufen kann, sondern die sich Tüftler selbst zusammengeschweißt haben. Beim Abschluss und Höhepunkt der Veranstaltung, dem Konzert des Berliner Seltsam-Musikers Hans Unstern, ist das ein komplexes Instrument, dass er V-Harfe getauft hat.

Das Ding im Holzrahmen, das Hans Unstern bei seinem Auftritt im Säälchen bedient, ist noch eindeutig als Harfe im klassischen Sinne auszumachen. Der queere Musiker sitzt vor ihm, mit wallenden langen Haaren und Vollbart, dazu in einem enganliegenden blauen Kleid und eindrucksvollen High-Heels, greift in die Saiten und entlockt ihm Töne, die durchaus auch als Harfentöne auszumachen sind.

Zur V-Harfe gehört aber auch das zwei Meter hohe Monstrum, das in der Bühnenmitte aufgebaut worden ist. Es besteht aus Gitterstäben, die ein wenig aussehen wie ein überdimensionierter Grillrost. Wenn Unstern sich in feinster Diven-Manier und abgewandt vom Publikum vor dieses Gerät stellt und in die Metallsaiten greift, die mit zu dem riesenhaften Stahl-Eigenbau gehören, erklingt ein eigenwilliges Dröhnen.

Das Beste an dem Ding aber ist der Slide-Effekt, den Unstern erzeugen kann, indem er einen Metallschieber mal mit der Hand, mal mit dem Fuß, auf den Saiten rauf- und runterdrückt. Das Dröhnen erklingt dadurch in unterschiedlichen Tonhöhen, das Gleiten über die Saiten erzeugt eigentümliche Glissandi. Es scheint kinderleicht zu sein, das Instrument zu bedienen, aber was sich damit anstellen lässt, ist ziemlich eindrucksvoll.

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Hans Unstern kann bei seinem Konzert endlich vor Publikum demonstrieren, womit er sich, gemeinsam mit seinem Mitstreiter Simon Bauer, in den letzten Jahren beschäftigt hat. Nämlich mit dem Entwurf und dem Bau eben dieser wundersamen Harfe, die wiederum das Herz seiner noch weit wundersameren Platte mit dem Titel „Diven“ ist.

Bevor diese im Spätfrühling letzten Jahres erschienen ist, konnte man im Internet den Fortschritt beim Bau des Instruments verfolgen, außerdem bei mehreren Veranstaltungen im Hebbel am Ufer. Man sah einer Vision im Entstehen zu: Unstern, der bei seinem ersten Album vor elf Jahren noch eine herkömmliche Gitarre spielte, hatte sich in den Kopf gesetzt, seine auch vorher schon sperrige und idiosynkratische Musik völlig neu zu gestalten.

Als die Platte dann endlich erschien, ging sie eher unter. Aufgrund der Pandemie konnten keine Konzerte gespielt werden, außerdem war es nicht die Zeit, in der man sich mit den eigenbrötlerischen Spinnereien eines Outsider-Musikers beschäftigen wollte.

Und es ist ja auch in der vergleichsweise entspannten Gegenwart noch so: Hans Unstern verstört. Seine kryptischen Texte, die er atemlos vorträgt und in denen so etwas Simples wie ein Refrain abgeschafft wurden. Dazu sein immer wieder verfremdeter Gesang und die elektronischen Effekte, die das Spiel auf der V-Harfe durchdringen.

Und was macht Unsterns Mitmusiker Simon Bauer da eigentlich die ganze Zeit auf der Bühne? Klöppelt der wirklich auf Plastikflaschen herum und bearbeitet Gegenstände mit dem Violinbogen?

Das Publikum, das auf dem Boden sitzt und staunt, zumindest der Teil, der das Konzert durchhält, ist am Ende ziemlich angetan. Es scheint zu begreifen: Seltsame Musik passt doch ganz gut zu seltsamen Zeiten.

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