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Weisheit trifft auf Unerbittlichkeit. Der 1969 in Innsbruck geborene Schriftsteller und Musiker Hans Platzgumer.

© Sandra Bellet/Zsolnay

Hans Platzgumers neuer Roman: Einstürzende Luftschlösser

Literatur als existentialistische Meditation: Hans Platzgumers neuer Roman „Drei Sekunden jetzt“ ist packend und präzise geschrieben. An den glänzenden Vorgänger reicht er trotzdem nicht heran.

Kann man leben, ohne zu wissen, wer man wirklich ist? Diese Frage steht im Zentrum von Hans Platzgumers neuem Roman, behauptet der Klappentext. Doch serviert Platzgumers Held und Ich-Erzähler die Antwort bereitwillig und gleichsam auf dem literarischen Silbertablett. „Ein Mensch erschafft sein Glück, indem er sich selbst erschafft“, sinniert dieser François, „sich wieder und wieder neu erfindet und neu sich findet. Der Rest fällt kaum ins Gewicht, denn nicht das Außen zählt, sondern wie ich es von innen heraus betrachte.“

Aha. Und warum erschafft und erfindet der Protagonist sich dann so wenig, dass er es gerade mal zum Hotelportier respektive Handlanger eines kleinen Marseiller Geldwäschers schafft, der besagtes Hotel mit dem Namen Le Richard nur als Fassade für seine dubiosen Geschäfte betreibt? Allenfalls die gelegentlichen Geldtransporte in die Schweiz sorgen für Abwechslung, die François träumen lassen, mit all der Kohle durchzubrennen, „Luftschlösser eines Kleinganoven“.

Nein, statt zu erfinden oder gar Entscheidungen zu treffen, lässt sich dieser „aktive Fatalist“ lieber finden – im Vertrauen darauf, dass im letzten Moment eine helfende Hand kommt, die ihn aus dem Schlamassel zieht. Das unterscheidet ihn von Lucy, seiner „großen, starken, schwarzen“ Wahl-Schwester aus Afrika.

Eine Literatur zwischen Camus und John Williams

Beide sind Findlinge; Lucy wurde einst am Straßenrand von Dakar entdeckt und in ein Waisenhaus gesteckt, von wo aus sie dann dank französischer Adoptiveltern in Marseille landete. François dagegen wurde mit 13 Monaten von seiner Mutter in einem Einkaufswagen in einem Marseiller Supermarkt ausgesetzt. Während aber Lucy „die personifizierte Selbstbestimmung“ ist, ausgestattet mit einer „unbeugsamen Tatkraft“, die sie schon als Kind aus jedem Abfalleimer klettern ließ, ist François, trotz seiner frühen Erfahrung des Verlassenwerdens, ein Meister in Sachen Urvertrauen. „Die Dinge würden sich regeln, sagte ich mir. Wenn es so weit war, würde irgendjemand kommen und auf Neustart drücken. So wie es immer war.“

Genau so kommt es erstaunlicherweise auch in diesem in einer präzis-geschmeidigen, eindringlichen Prosa geschriebenen Roman: ob bei einem versehentlichen Sturz eine Steilküste hinab, wo François prompt von den Ästen einer Pinie aufgefangen wird, Baum gewordene Hand Gottes sozusagen. Oder in einer Winternacht in Montreal ohne Geld und Obdach, als ein Unbekannter den halb Erfrorenen in einen warmen U-Bahn-Schacht schleppt. Aber: Schreibt Hans Platzgumer, 1969 in Innsbruck geboren und von Haus aus Musiker, Produzent und Komponist, überhaupt Romane oder nicht eher als Literatur verkleidete existenzialistische Meditationen à la Camus und Sartre? Wie zuletzt mit „Am Rand“, 2016 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises platziert – eine Lebensbeichte um Mord, Sterbehilfe und die philosophische Weisheit des Karate und von so erschütternder Unerbittlichkeit wie John Williams' „Stoner“.

Der Roman kommt nicht an den glänzenden Vorgänger heran

So ist es am Ende die Frage nach der „Selbstverantwortlichkeit unserer Existenz“, die, wie schon in „Am Rand“, auch Platzgumers neuen Roman thematisch dominiert – und nicht die nach einer wie auch immer selbst erfundenen, glückspendenden Identität. Eine Frage, auf die jener rätselhafte Hotelgast namens Ackermann die ultimative Antwort sucht, als er eines Tages im Le Richard auftaucht, nur um in seinem Hotelzimmer einmal, nur ein einziges trotziges Mal, russisches Roulette zu spielen.

Um entweder mit Blick auf das unter der Mittelmeersonne erstrahlende Meer sein Leben aus eigener Kraft zu beenden – und so über seine sinnlose Existenz zu triumphieren – oder seine banale Angestelltenexistenz klaglos „wie Sisyphos“ für den Rest seiner Tage zu erdulden. Sein „Eins, zwei, drei“ vor dem Schuss, wie er es in seinem Abschiedsbrief erklärt, ist jenes titelgebende kleine Stückchen Jetzt, in dem sich unsere Freiheit und Verantwortung manifestiert wie niemals sonst im Leben. François wird Ackermanns Brief so lange wie ein Vermächtnis bei sich tragen, bis er erstmals dem Sirenenklang der Evidenz, der vermeintlichen Bestimmung, folgt und ausnahmsweise aktiv wird. Nur um bei der Suche nach der „Frau meines Lebens“ um ein Haar in sein Verderben zu laufen.

Packend und verstörend zugleich ist dieser Platzgumer-Roman zu lesen – und reicht dennoch nicht an seinen glänzenden Vorgänger heran. Warum? Zu viele Motive bleiben blind wie all die ins Nichts führenden Krimi-Elemente. Und weil auch die Schlusspointe mehr enttäuscht als verblüfft. In Interviews erzählt Hans Platzgumer gern, wie sich seine Romane beim Schreiben von selbst entwickeln, ohne vorher festgelegten Plot. Wer sich aber von seinen Einfällen treiben lässt wie François vom Schicksal, muss sich nicht wundern, wenn sich mancher Schuss als Platzpatrone entpuppt.

Hans Platzgumer: Drei Sekunden jetzt. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2018. 256 Seiten, 22 €.

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