Visionär mit Einfluss. Hans Küng. Foto: Imago/Horst Rudel
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Hans Küng und sein Projekt Weltethos Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden

Denker der Ökumene, Reformer von außen: Der einflussreiche katholische Theologe Hans Küng ist gestorben. Ein Nachruf.

In den späten 1960er und erst recht in den 1970er Jahren galt er als die größte Bedrohung der katholischen Kirche – innerhalb der katholischen Kirche. Der Theologe Hans Küng, 1928 als ältester Sohn eines Schuhhändlers im Schweizer Kanton Luzern geboren, stand für den Aufbruch zu einem liberalen, die Konfessionen versöhnenden Geist, der dem Vatikan verderblicher erschien als Marcel Lefebvres antimoderner Kampf für die Rückkehr zur Tridentinischen Messe.

In den Schriftenboxen der Gotteshäuser stapelten sich Broschüren, die wankelmütigen Gläubigen Argumente gegen Küngs häretische Ideen in die Hand geben sollten. Die Spannungen hatten sich mit seinem 1967 veröffentlichten Hauptwerk „Die Kirche“ angebahnt, das zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, mit dem die Kirche erste Erneuerungsversuche unternommen hatte, unter Rückgriff auf die neutestamentarische Verkündigung Jesu Christi seinen eigenen historisch-kritischen Entwurf gegen ihr absolutistisches Machtgebaren zu definieren versuchte. Die Glaubenskongregation verbot die deutsche Ausgabe des Buchs, das Küng aber in englischer und französischer Übersetzung veröffentlichen konnte.

Die Differenzen steigerten sich 1970, als Küng den Primat des Papstes in dem Buch „Unfehlbar?“ in Frage stellte. Zum Eklat führte 1977 aber der Aufsatz „Kirche – in der Wahrheit gehalten“. Die Glaubenskongregation mahnte insbesondere unterschiedliche Auffassungen zur Wesensgleichheit von Gottvater und Sohn sowie zur Rolle der Jungfrau Maria an. 1979 entzog ihm Joseph Kardinal Höffner die Missio Canonica, die Lehrbefähigung – auch wenn man an sein Amt als Basler Diözesanpriester und Professor an der Universität Tübingen nicht rühren wollte.

Seinem Einfluss konnte das nichts anhaben. Seit seinen Büchern über die „Menschwerdung Gottes“ (1970) und „Christ sein“ (1974) war er nicht nur als dialektisch geschulter, stilistisch eingängiger und fast manisch produktiver Theologe anerkannt, sondern auch als Bestsellerautor. Und er nutzte diesen Einfluss, um ihn einem akademischen Umfeld disziplinenübergreifend auf eine Weise auszudehnen, wie es im innerhalb der Amtskirche nie gelungen wäre.

Reformer von außen

Hans Küng wurde ein Reformer von außen, der Mann, der in großer Freiheit all die neuralgischen Themen eines zeitgenössischen, mit der Vernunft und den Naturwissenschaften ringenden Glaubens behandelte, mit denen sich die Amtskirche aus reiner Abwehrnot auseinandersetzte. Von 1980 an lehrte er als fakultätsunabhängiger Professor für Ökumenische Theologie. Er kooperierte dabei mit prominenten Freunden wie dem Wissenschaftsphilosophen Thomas S. Kuhn, dessen Begriff vom Paradigmenwechsel er theologisch zu interpretieren versuchte. Und er baute mit dem Rhetorik lehrenden Germanisten Walter Jens ein Studium generale auf, das auch ein breites Publikum von außerhalb anzog.

Zur Krönung seiner sicher nicht auf falscher Bescheidenheit gründenden Lebenswegs aber wurde das Projekt Weltethos, das 1990 mit der gleichnamigen Programmschrift seinen Ausgang nahm. Küng konnte sich Weltfrieden zurecht nur als Religionsfrieden vorstellen. Im Wissen, dass vor allem die monotheistischen Religionen gewalttätige Züge entfalten, erarbeitete er sich in drei Büchern neben einem revidierten „Christentum“ den „Islam“ und „Das Judentum“.

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1995 konnte er mit Unterstützung des Industriellen Graf Karl Konrad von der Groeben die Stiftung Weltethos für interkulturelle und interreligiöse Forschung, Bildung, Begegnung gründen. Ein Unternehmen, das Gastredner wie Tony Blair, Desmond Tutu und Kofi Annan nach Tübingen brachte, umgekehrt aber auch ihn, auf die internationale Bühne brachte, etwa im November 2011, kurz nach 9/11, nach New York zu einer Rede vor die UN-Vollversammlung.

Zwischen seiner scharfsinnigen Dissertation über den evangelischen Theologen Karl Barth, die ihm 1957 ein Inquisitionsdossier in Rom einbrachte, und einem manchmal als allzu wohlmeinend wolkig kritisierten Spätwerk hat er weder Freund noch Feind kaltgelassen. Das können nur ganz Große behaupten. Jetzt ist Hans Küng im Alter von 93 Jahren in Tübingen gestorben.

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