Bild einer Epoche. Gustave Caillebottes „Straße in Paris, Regenwetter“ zeigt das Bürgertum im Aufstieg. Foto: © bpk / The Art Institute of Chicago / Art Resource, NY
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Gustave Caillebotte in Berlin Der Alltag der Gesellschaft

Das Meisterwerk des französischen Malers Gustave Caillebotte, die Pariser Straßenszene bei Regen, gastiert in der Alten Nationalgalerie – und verändert unsere Sicht auf den Impressionismus.

Dass es in Paris regnet, ist nicht ungewöhnlich, dass sich das Wasser auf dem Straßenpflaster sammelt und den grauen Himmel spiegelt, auch nicht, und dass Passanten an einem solchen Regentag ihre Schirme aufspannen, ebenso wenig. Ungewöhnlich ist allein, dass ein Maler des Jahres 1877 sich ausgerechnet diese Alltagsszenerie zum Sujet eines Bildes wählt – und was für eines Bildes! Das Gemälde, das Gustave Caillebotte unter dem Titel „Straße in Paris, Regenwetter“ im selben Jahr bei der dritten Ausstellung der Impressionisten zeigt, ist ein Großformat von 212 auf 276 Zentimetern und damit den Gemälden ebenbürtig, die zum alljährlichen Pariser Salon eingereicht werden und historische Ereignisse darstellen oder Szenen der Jagd oder Begebenheiten aus der Bibel. Dieses eine Gemälde aber ist eine alltägliche Straßenszene, die nichts, aber auch gar nichts Spektakuläres hat, und die jeder Betrachter schon zigmal in natura gesehen hat, ohne sonderlich darauf zu achten.

Der Alltag wird in jenen Jahren mehr und mehr zum Thema der Kunst. Diejenigen Maler, die die als Schimpfwort gedachte Bezeichnung „Impressionisten“ angehängt bekommen, sind die entschiedensten Verfechter von Alltagsmalerei; einer bestimmten Alltagsmalerei freilich, die vor allem ihre eigenen Freizeitbeschäftigungen in den Blick nimmt und damit die Freizeit ihrer sozialen Klasse, der sie vielleicht nicht immer materiell, zumindest aber intellektuell angehören: des fortschrittlichen Bürgertums.

Dieses Bürgertum meint Caillebotte, als er seine Pariser Straßenszene malt, denn es ist die obere Mittelschicht, zu der der wohlhabende Erbe Gustave Caillebotte und sein Bruder Martial gehören. Sie können sich die komfortablen Wohnungen der mehrstöckigen Häuser in den neuen, nach den Plänen des Präfekten Georges-Eugène Haussmann schnurgerade gezogenen Straßen leisten. Im Falle des hier beschriebenen Gemäldes befinden sich die Straßen ganz in der Nähe des ebenfalls nagelneuen Bahnhofs Saint-Lazare, von wo man am Wochenende bequem an die Kanalküste der Normandie fahren kann, mindestens aber bis in Vororte wie Gennevilliers an der Seine, wo die Bessergestellten ihre Wochenendhäuschen haben oder zum Rudern auf den Fluss gehen.

Bildliche Verdichtung einer Zeit und ihrer Gesellschaft

Die Szene ist alltäglich, das Gemälde aber ist ein Meisterwerk. In jeder Hinsicht. Zuallererst natürlich malerisch, von Komposition und Farbgebung her; darüber hinaus auch als bildliche Verdichtung einer Zeit und ihrer Gesellschaft. In diesem Werk ist der Augenblick seiner Entstehung zu einer gültigen Darstellung der ganzen Epoche geronnen, der Epoche des Bürgertums im Aufstieg, in der Inbesitznahme und Umgestaltung der Welt, die wiederum in der Haussmannisierung von Paris ihren städtebaulichen und architektonischen Ausdruck findet.

Insofern ist das Gemälde keine banale Straßenszene mehr, sondern ein Gesellschaftsportrait, und das elegant gekleidete, erkennbar junge Ehepaar, das auf den Betrachter zwar zuläuft, an ihm aber nonchalant vorbeischaut, repräsentiert dieses Bürgertum zugleich altersmäßig als junge, aufstrebende und bereits siegreiche Klasse.

Ausgerechnet dieses Gemälde hat seinen Standort nicht in Paris, sondern im fernen Chicago. Vom dortigen Art Institute ist es für vier Monate als Leihgabe nach Berlin gekommen, im Austausch gegen die Ausleihe des hiesigen Meisterwerks von Edouard Manet, „Im Wintergarten“. Nur darum konnte Ralph Gleis, der Leiter der Alten Nationalgalerie mit ihrer exquisiten Sammlung französischer Impressionisten, das Bild aus Chicago erlangen, und das gleich für vier Monate. In den vergangenen Jahren, da das Interesse an Gustave Caillebotte sprunghaft angestiegen ist, hat es mehrere Präsentationen seines Werks gegeben; mit Ausnahme der Zentenarausstellung in Paris 1994 jedoch keine, die das Regenwetterbild einschließen durfte. Es gehört seit Mitte der sechziger Jahre zu den Inkunabeln des Museums in Chicago, und nur die Tausch-Leihgabe des Berliner Manet kann das dortige Publikum für die Abwesenheit des Caillebotte entschädigen.

Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich eine "fotografische" Sichtweise

Über die Fotografie als Grundlage oder Konkurrentin der Malerei im letzten Drittel des 19. Jahrhundert ist viel geforscht worden. Nie wird sich ganz klären lassen, wer was bei wem abgeschaut hat – wenn überhaupt. Denn die Allgegenwart der Fotografie – wie auch die der von Hand geschaffenen Illustrationen in den zahllosen Zeitschriften – etablierte eine Sichtweise, die man als „fotografisch“ bezeichnen kann. In Caillebottes Gemälde ist dies als scheinbar willkürliche Anschnitte kenntlich, etwa des Mannes am rechten Bildrand. Und auch als messerscharfe Perspektive, die fluchtenden Häuserreihen, und als nicht-hierarchische Totalität des Blickfeldes. Der Maler bedurfte wohl keiner Kamera, um sein Bild so zu konstruieren, wie er es getan hat: Er hatte den Blick der Kamera bereits im Kopf.

Um das Gemälde herum haben sie bei der Alten Nationalgalerie Gleis zusammen mit Arnika Groenewald-Schmidt und Karin Sagner eine kleine, konzentrierte Übersicht zur Entstehung des Bildes und zum Maler selbst zusammengetragen, untergebracht in der abgedunkelten Apsis im zweiten Geschoss der Alten Nationalgalerie und damit hinter Wand, von der das Regenwetter-Bild den Besucher schon von ferne magisch anzieht. Im Saal selbst sind die Berliner Bestände der französischen Moderne aufgereiht, von Claude Monets „Kirche Saint-Germain l’Auxerrois“ zehn Jahre früher entstanden, über Edouard Manets „Landhaus in Reuil“ von 1882 bis zu Paul Cézannes „Mühle bei Pontoise“, die zwar ein Jahr früher als Manets Spätwerk entstanden ist, aber künstlerisch bereits zur nächsten Generation zählt.

Caillebotte vermachte sein Werk dem Staat

Die Schwierigkeiten, die sich beim Erwerb dieser Gemälde zur Zeit des deutschen Kaiserreichs für die damals Königliche Nationalgalerie einstellten, die Wilhelm II. ungeniert als sein persönliches Spielfeld behandelte, setzt Ralph Gleis, der Leiter der Alten Nationalgalerie, in Beziehung zum Schicksal der Sammlung. Diese hatte Caillebotte als Mäzen mit den Bildern seiner Impressionisten-Freunde aufgebaut. Caillebotte, der im Alter von nur 45 Jahren an einem Gehirnschlag verstarb, hatte seine Sammlung bereits als 28-Jähriger, als er nicht einmal ein Dutzend Bilder besaß, testamentarisch dem Staat vermacht. Er wollte, dass der Impressionismus öffentlich gezeigt und anerkannt werde. Bei seinem Tod 1894 waren es 69 Gemälde, von denen 38 angenommen und im Musée du Luxembourg, dem damaligen Haus für Zeitgenössisches, ausgestellt wurden. 1929 wurden sie an den Louvre überwiesen – das war die noch ausstehende Bedingung des Testaments. Aus dem Louvre ging das Musée d’Orsay für das 19. Jahrhundert hervor, und dass es zwei bedeutende Gemälde Caillebottes besitzt, liegt allein an der Chuzpe, mit der die Freunde und Testamentsvollstrecker zwei von dessen eigenen Arbeiten in dessen Nachlass eingeschmuggelt haben. Der Künstler-Mäzen selbst war zu nobel, derlei in seinem Testament zu verlangen.

Der überwiegende Teil des gar nicht so kleinen Œuvres von Caillebotte befindet sich auch heute noch in Privatbesitz wie die Ausstellungen der vergangenen Jahre offenbart haben. Die vom Regenwetterbild und zwei weiteren Meisterwerken, der „Europa-Brücke“ hinter dem Bahnhof Saint-Lazare und den „Parkettschleifern“ genährte Vorstellung, Caillebotte habe nicht nur einen fotografischen Blick besessen, sondern tatsächlich nach fotografischen Vorlagen gearbeitet, hat sich seither wieder relativiert. Caillebotte malte sowohl in strenger Konstruktion, worüber die jetzt in Berlin gezeigten Bleistiftstudien Auskunft geben, als auch – und viel öfter – in „impressionistischer“ Augenblicksmanier.

In der Malerei hatte er irgendwann alles gesagt

Gesellschaftsportraits wie oben näher erläutert, sind in der Minderzahl, hingegen überwiegen Bilder von Ruderern oder von den Gartenanlagen seiner beiden Landsitze im Umkreis von Paris, von Blumenbeeten und einzelnen Blüten. Irgendwann ließ Caillebottes Interesse an der Malerei nach, er konzentrierte sich auf das seit früher Jugend geübte Regattasegeln – nun aber zugleich als Bootsbauer, dessen schnittige, auf eigener Werft verwirklichte Konstruktionen alles gewannen, was es an Preisen zu gewinnen gab. In der Malerei hatte er, so mag es ihm selbst erschienen sein, bereits alles gesagt.

Nun ist diese Botschaft auch in Berlin angekommen. Der Besucher kann sich ganz auf dieses eine Gemälde einlassen. Für die anderen, die in Berlin weder zu sehen sind noch überhaupt erbeten wurden, braucht er den Katalog. Aber diese Straße in Paris bei Regenwetter ist Ausstellung und Ereignis genug.

Alte Nationalgalerie, bis 15. September, gustavecaillebotteinberlin.de

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