Gewinner des Abends ist Jon Batist mit fünf Grammys. Foto: AFP
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Grammy-Verleihung Wir sind die Netten

Gute Laune, ernste Botschaften und keine Ohrfeigen: die Grammy Awards in Las Vegas bewiesen mehr Stil als die Oscars.

„Unsere Musiker tragen Schutzwesten statt Smoking“, sagt Wolodymyr Selenskyj in seiner Videobotschaft. „Sie singen für die Verwundeten in Krankenhäusern, sogar für diejenigen, die sie nicht hören können.“ Seine Stimme klingt heiser, aber fest – seine Worte sind so klar wie stets in den letzten Wochen, in denen er von so vielen Videoleinwänden der Welt gesprochen hat.

Nun also auch bei der Grammy-Verleihung. Damit gibt er der US-amerikanischen Musikindustrie den Vorzug vor der Filmbranche, die den Krieg in der Ukraine bei der Oscar-Verleihung in der Vorwoche quasi ignoriert hat.

John Legend singt ein Lied, das vom Krieg inspiriert wurde

Das ist im im MGM Grand in Las Vegas anders. Auf Selenskyjs Statement folgt der Musiker John Legend, der seinen unter dem Eindruck der ersten Kriegswochen geschriebenen Song „Free“ vorträgt. Eine Klavierballade, die mit der Anrufung von Moses beginnt und mit den Zeilen „Lay down soldiers/ Lay down those weapons/ Let peace rush in“ auch mal an die Kitschgrenze geht.

Dass es dennoch ein würdevoller Moment der dreieinhalbstündigen Show wird, liegt auch an den ukrainischen Musikerinnen Mika Newton und Siuzanna Iglidan, die in den Song einsteigen sowie an der erst vor wenigen Tagen aus dem Kriegsgebiet geflohenen Dichterin Lyuba Yakimchuk, die eine bittere Vater-Unser-Umschreibung vorträgt.

Auch sonst läuft die Gala der Recording Academy, die Omikron-bedingt von Ende Januar in den April verschoben worden war, mit mehr Stil ab als die Show der Filmkolleg*innen. Moderator Trevor Noah stellt gleich zu Beginn in Anspielung auf Will Smith’ Post-Ohrfeigen-Beschimpfung von Chris Rock klar: „Wir werden Musik hören, wir werden tanzen, wir werden singen, wir werden die Namen von Menschen nicht in den Mund nehmen und wir werden Auszeichnungen vergeben.“

Genau so kommt es, wobei die Preisverleihung fast schon etwas zu brav und vorhersehbar zugeht. So gewinnt der mit elf Nominierungen als Favorit gestartete Jon Batiste fünf Grammys, die meisten an diesem Abend. Der 35-Jährige Pianist, Sänger und Bandleader der „Late Show with Stephen Colbert“ ist ein extrem sympathischer, viel lächelnder und sehr gläubiger Mensch. Sein Soul, Jazz, Hip-Hop, Funk und Gospel vermengendes Album „We Are“ eine Wahl, bei der die Recording Academy nichts falsch machen konnte.

Als Batiste seinen Hit „Freedom“ inmitten von knallbunt kostümierten Musiker*innnen und Tänzer*innen aufführt, demonstriert er höchst lässig dessen Gute-Laune-Power, die es locker mit „Happy“ von Pharrell Williams aufnehmen kann.

Zur Newcomerin des Jahres wurde die 19-jährige Olivia Rodrigo gekürt. Foto: Mario Anzuoni/Reuters Vergrößern
Zur Newcomerin des Jahres wurde die 19-jährige Olivia Rodrigo gekürt. © Mario Anzuoni/Reuters

Bei der Dankesrede für den Best-Album-Grammy gibt sich Batiste in einer Glitzer-Gospelrobe dann wieder ganz als der nette, bescheidene Typ aus New Orleans, der über seine Musik als „spirituelle Erfahrung“ spricht.

Einen ähnlich hohen Nettigkeitsfaktor wie er hat Bruno Mars. Zusammen mit Anderson .Paak bildet er derzeit das Duo Silk Sonic, das den Abend mit dem energetischen „777“ inklusive James-Brown-Hommage eröffnet. Und weil Bruno Mars eigentlich immer einen Grammy gewinnt, durften sich Silk Sonic die Auszeichnung dann auch noch in vier Kategorie abholen. In ihrer Retroseligkeit ist ihre Soul-Nummer „Leave The Door Open“ ein perfekter Grammy-Konsenskandidat.

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Auf dem Weg in dieser Kategorie könnte sich auch die 19-jährige Olivia Rodrigo befinden, die sieben Mal nominiert war und zwei Trophäen gewinnt – sie wurde als „Best New Artist“ ausgezeichnet und ihr Album „Sour“ als „Best Pop Vocal Album“. Ihren Hit „Drivers Licence“ singt sie an einen alten Mercedes- Benz gelehnt.

Joni Mitchell bei einem ihrer seltenen öffentlichen Auftritte. Foto: Mario Anzuoni/Reuters Vergrößern
Joni Mitchell bei einem ihrer seltenen öffentlichen Auftritte. © Mario Anzuoni/Reuters

Ja, nett, aber in Erinnerung bleiben wird eher der Auftritt von Billie Eilish, die Teile ihres spektakulären „Happier Than Ever“-Videos auf der Bühne nachinszeniert und dabei ein T-Shirt mit dem Bild des kürzlich verstorbenen Foo Fighters-Drummer Taylor Hawkins trägt. Sie selbst geht bei den Grammys trotz sieben Nominierungen leer aus, nachdem sie in den letzten Jahren zusammen mit ihrem Bruder Finneas stets mehrere Preise bekam. Enttäuschend verläuft der Abend auch für Lil Nas X, der mit seinem tollen „Montero“-Album nichts gewinnt. Dafür bringt der offen schwule Sänger bei seinem Show-Auftritt zumindest mal ein bisschen Sexyness in den Abend.

Ein besonderer Moment gehört dann Joni Mitchell, die sich noch immer von einem Hirn-Aneurysma erholt. Auf einen Stock gestützt und mit Sonnenbrille steht die 78-Jährige am Stehpult und dankte unter anderem ihrem Physiotherapeut. Sie nimmt ihren neunten Grammy entgegen – und ist sichtlich erfreut Teil dieses schönen Abends zu sein.

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