Edgar Degas Balletszene stammt aus der Zeit um 1900. Foto: Helene Bailly Gallery
© Helene Bailly Gallery

Grafikkunst in Paris Heiligenbilder und ein früher Picasso

Salon du Dessin, Drawing Now und Paris Print Fair: Drei Messen in Paris präsentieren Grafikkunst vom Barock bis heute.

Drei Jahre liegt der letzte „Salon du dessin“ zurück. Die von der Pandemie erzwungene Pause haben die Veranstalter genutzt, das Innere der Alten Börse etwas aufzumöbeln, aber nur so, dass alles wirkt wie immer. Nur frischer. Der Kunsthändler Martin Moeller aus Hamburg bringt es auf einen einfachen Nenner: „Man sieht viele bekannte Gesichter, das tut gut. Und die freuen sich, dass man wieder da ist!“

So geschäftig und zugleich heiter wirkt die aktuelle Ausgabe der Messe. 39 Galerien sind wie immer am Start, denn mehr Platz bietet die Börse im Palais Brongniart nicht. 19 Galerien kommen aus dem Ausland. Auf das Angebot hat das keinen Einfluss, es hat seit jeher seinen Schwerpunkt in französischer Kunst vom Barock bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts.

Um so auffälliger sind diesmal italienische Einsprengsel, etwa eine Figurenstudie des Michelangelo-Konkurrenten Baccio Bandinelli bei Terrades oder eine Zeichnung des als Stecher berühmten Marcantonio Raimondi von 1505 bei Tarantino (12 000 €).

Über Giambatista Tiepolo – eine ganze Wand mit Heiligenbildern bei Grässle-Härb-Nuti aus München – reicht die zeitliche Spanne bis zu Mario Sironi, dessen Ansicht des Mailänder Domes von 1923 bei Pandora Old Masters (New York) noch ganz den Futurismus atmet.

Großartige Ballettszene von Edgar Degas

Es fehlen die absoluten Hochpreiser, oder haben wir etwas übersehen? Sicher nicht die grandiose Kreidezeichnung einer Ballettszene von Edgar Degas, um 1900, für die Helene Bailly 330 000 Euro aufruft. In dieser Preisregion ist auch die Ansicht der marokkanischen Kasbah von Taouirt angesiedelt, die der in Frankreich hochgeschätzte Marrakesch-Pionier Jacques Majorelle 1928 getreulich wiedergab (bei Ary Jan).

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Und auch das große Pastell zweier Prostituierter von Georges Rouault von 1906 wird bei Taménagra mit 350 000 Euro angezeigt. Kehren wir nochmals zu Moeller zurück, der mit Noldes Aquarell „Zwei Boote in China“ (1913) für 230 000 Euro aufwartet und einer hinreißenden Kirchner-Zeichnung in schwarzer Tusche auf gelbem Papier, ein Modell im Atelier als bloßen Umriss festhaltend, um 1910 und mit 88 000 Euro erstaunlich milde bewertet.

Das großformatige Capriccio antiker Bauten des Erbauers der Petersburger Börse, Thomas de Thomon, aus dessen römischer Studienzeit 1787, fand bei Éric Coatalem schon am Eröffnungstag einen Liebhaber, die Kolonnade des Petersplatzes vom Franzosen Hubert Robert aus dem Jahr 1762 sollte bei Didier Aaron für 25.000 Euro auch nicht lange warten müssen.

Landschaften der 1870er Jahre, von Charles-François Daubigny oder Jean-François Millet, sind eigentlich immer auf der Messe zu finden. Der große Picasso hingegen ist beim Salon ein eher seltener Gast; warum, wird beim Blick auf dessen postkartenkleine Figurenzeichnung aus der Frühzeit um 1903 erklärlich, für die die Münchner Galerie Arnoldi-Livie 120.000 Euro angibt – ein Rarissimum.

„Drawing Now“ im Carreau du Temple

Für Zeitgenössisches ist die Messe Drawing Now zuständig, abgehalten im Carreau du Temple, einer exzellent renovierten Ex-Markthalle im quirligen dritten Bezirk. Zum 15. Mal findet die Messe statt, mit immerhin 72 Galerien. 300 Künstler zeigen alle denkbaren Techniken, so lange nur der Bildträger Papier ist.

Galerist Martin Kudlek (Köln) ist von der Messe geradezu euphorisiert und zeigt Arbeiten von Simon Schubert, der mit Graphitpulver Ansichten streng gebauter Innenräume entwirft (ab 4.200 Euro). Nebenan hat Claire Gastaud (Paris) ihre vom Publikum umlagerte Koje ganz für die hyperrealistischen, aquarellierten Collagen von Leo Dorfner hergerichtet (Großformate 9.600 €).

Hyperrealismus auch bei Suzanne Tarasieve (Paris), die eine ganze Wand mit einem Riesen-Portait der Hollywood-Größe Mae West bespielt, von Nina Mae Fowler in stupender Bleistifttechnik ausgeführt (22.000 €). Werner Klein (Köln) hat seine Koje mit zarten, ungegenständlichen Tusche- oder Pastellarbeiten von Christiane Löhr gefüllt, die bei Preisen bis zu 30.000 Euro schon am ersten Tag Käufer gefunden haben.

Doch der Ukraine-Krieg spielt auch in die Messe hinein. Jekaterina Iragui ist mit ihrer Moskauer Galerie zu Gast, während sie den Fortgang, um nicht zu sagen die Flucht vieler ihrer Sammler aus Russland konstatieren muss.

Wen sollen die so enorm feinfühligen, aquarellierten Alltagsbeobachtungen  von Olga Tschernischewa erreichen, wenn nicht ihre angestammte Sammlerschaft (bis 5.000 Euro)? Ihre Galerieräume in bester Lage überlässt sie zur Zeit Kunst-Absolventen für ihre Diplomarbeiten, ohne zu wissen, ob sie ihre Tätigkeit in Moskau je fortsetzen kann.

Erstmals: Paris Print Fair

Bleibt noch die dritte Messe, die erstmals abgehaltene Paris Print Fair im Refektorium eines ehemaligen, längst von der Sorbonne vereinnahmten Konvents – noch so ein herrlicher Saal, diesmal mit Holzbalkendecke statt des Gusseisens der Markthallen.

[Palais Brongniart bis 23.5.; Carreau du Temple und Couvent des Cordeliers, bis 22.5.]

Hier ist das Angebot zeitlich so weit gespannt wie die Reproduktionsgrafik überhaupt. Die beginnt bei Jurjens aus Amsterdam mit Dürers Holzschnitt der „Heimsuchung Mariae“ aus dem Zyklus des Marienlebens von 1503 (17.500 €) sowie der Radierung der „Großen Jüdischen Braut“ von Rembrandt von 1635 (95.000 €).

Sie führt über eine Piranesi-Radierung aus dessen römischer Zeit um 1750 für mäßige 1800 Euro bei Chirstian Collin (Paris) bis zu Picassos Porträt von Jacqueline im Linolschitt von 1962 aus einer Siebener-Auflage, den Frederick Mulder (London) für 110.000 Euro anbietet und schließlich zu Christos immerhin in 200er-Auflage geschaffener Collage seines (nicht realisierten) Barcelona-Projekts bei Libretis (Paris) für 8500 Euro.

Und ins Jahr 2020 zu Christine Bouyer, die alle 38 Ausfahrten des berüchtigen Pariser Autobahnrings in malerischer Aquatinta vorüberhuschen lässt, je Blatt bei Nathalie Béreau für nur 70 Euro zu erwerben respektive 2260 Euro für die ganze Serie. Also, der Einstieg ins Grafiksammeln ist möglich, und vielleicht will man ja „seine“ Ausfahrt aus dem Périphérique an der Wand sehen?

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