Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts. Foto: promo
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Goethe-Institut in der Coronakrise „Wir wollen Perspektiven für die Zeit danach eröffnen“

Zwischen Postkolonialismus und Überwachungssorgen: Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, über internationale Arbeit in Krisenzeiten.

Johannes Ebert, 1963 in Ulm geboren, ist seit 2012 Generalsekretär des Goethe-Instituts. Er studierte Islamwissenschaften und Politik und leitete bei Goethe unter anderem die Institute in Kiew, Kairo und Moskau.

Herr Ebert, was denken Sie, wann können die Goethe-Institute wieder öffnen?
Die Häuser in Vietnam oder Taiwan sind bereits wieder für den Publikumsverkehr geöffnet. Auch in den östlichen Nachbarländern der EU öffnen einzelne Institute wieder, in Riga oder Bratislava. An einigen Standorten in Deutschland werden Prüfungen abgenommen.

Die Entwicklung wird wohl von Fernost Richtung Westen verlaufen, immer mit Blick auf die Infektionszahlen vor Ort. Ich hoffe zum Beispiel, dass wir im September das neue Gebäude in Kiew eröffnen können, das war eigentlich für den Mai geplant.

Aber auch die Institute, die noch keinen Publikumsverkehr haben können, sind in Betrieb: Sie bieten digitale Sprachkurse und Kulturangebote an.

Wie geht es Ihnen als Vielflieger ohne das Reisen?
Auch wenn die Gespräche in der Kaffeepause fehlen und man die Stimmung vor Ort online weniger mitbekommt, frage ich mich inzwischen, ob wir uns nicht auch künftig mehr digital begegnen sollten.

Wobei ich zugebe, bei den vielen Videokonferenzen fehlt manchmal die Zeit zum Abschalten, die man im Flugzeug schon mal hat. Eine gute Mischung aus beidem – digitaler und persönlicher Kommunikation – wird wohl die Zukunft bestimmen.

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Wie funktioniert Kulturaustausch als reale Erfahrung anderer Welten überhaupt noch, wenn der Austausch analog nicht mehr möglich ist?
In China mussten wir den Sprachunterricht schon im Januar auf digitale Formate umstellen, seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen. Nun hatte das Goethe-Institut sich in den letzten Jahren ohnehin digital bereits ganz anders aufgestellt.

Nicht wissend, dass eine Pandemie kommt, haben wir hier in München auch anlässlich des Umzugs in ein neues Gebäude das mobile Arbeiten intensiviert, das funktioniert fantastisch. Dank unserer digitalen Offensive konnten wir unsere Debatten und Treffen jetzt relativ problemlos fortführen, auf Basis des weltweiten Goethe-Netzwerks.

Die 157 Goethe-Institute sind in vielen Fällen geschützte Freiräume, gerade in Ländern, in denen die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist. Diese Räume sind geschlossen, welche Folgen hat das?
An allen Instituten wird online gearbeitet. Die Kollegen aus dem Sudan hatten bei einer Lesung kürzlich 2000 Teilnehmer, sie haben das zum allerersten Mal gemacht. Oder eine Livestream-Debatte zum Thema „Heimat“ mit Mithu Sanyal, Fatma Aydemir und Max Czollek in Brüssel: Sie kam auf tausend Teilnehmer, der geplante Saal für die Veranstaltung fasst nur 150.

Zwar fragt es sich, ob die Intensität die Gleiche ist, wenn man zu Hause am Computer teilnimmt, aber da läuft wirklich sehr viel. Gleichzeitig können digitale Medien leicht überwacht werden. Also beteiligen sich viele mit dem Bewusstsein, dass sie online nicht so frei sprechen können wie bei einem realen Besuch im jeweiligen Institut.

In nichtdemokratischen Ländern fehlen diese Schutzräume jetzt in der Tat oder sind eingeschränkt. Nehmen Sie nur China, das Netz wird dort stark kontrolliert, in der Coronakrise hat sich das noch intensiviert.

Das heißt, das Goethe-Institut muss aufpassen, dass es solchen Regimen nicht über digitale Kontrolle ermöglicht, politisch missliebige Bürger leichter zu verfolgen?
Bisher haben wir zum Glück aus keinem Land von solchen Vorfällen gehört. Überall auf der Welt gibt es eine große Unsicherheit. An manchen Orten wird die Krise zum Vorwand genommen, um Freiheitsrechte weiter einzuschränken oder die Kultur wegzusparen – was dann mit dringenden Notmaßnahmen begründet wird.

Es ist wie mit dem Gesundheitssystem: Bereits vorhandene Schwachstellen treten noch deutlicher zutage. Ohnehin existierende Probleme für die Kulturschaffenden wie etwa in Ungarn oder auch Brasilien dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Und wir wollen Perspektiven für die Zeit danach eröffnen.

Sie meinen das Goethe-Portal „Danachgedanken“?
Es ist wichtig, dass wir nicht nur mit uns selbst beschäftigt sind, sondern erfahren, wie Menschen auf anderen Kontinenten die Krise reflektieren und welche ganz konkreten Probleme es dort gibt. Das ist eine notwendige Erweiterung der Perspektive. „Danachgedanken“ gibt es seit Ende März, mit Beiträgen von Intellektuellen und Kulturschaffenden von allen Kontinenten.

Sind das nicht eher Nebeneinander-Gedanken, vereinzelte Stimmen?
„Danachgedanken“ versammelt Texte, Interviews, auch Filme. Aber wir veranstalten auch digitale Live-Debatten auf Instagram mit einigen der Autoren. Das Portal hatte bisher 180 000 Zugriffe und ist schon alleine als Zeitleiste interessant: Wie wurde im April gedacht, wie hat sich das seitdem verändert? Hier entsteht ein kulturelles Archiv der Krise.

Wir haben auch andere Formate, organisieren Dialog und Teilhabe, auf Kulturama.digital zum Beispiel, einer Plattform für Livestreams und Video-on-Demand. Oder nehmen Sie unser deutsch-jordanisches Koproduktionsprojekt „Online Co-Production Challenge“.

28 in Jordanien und der Bundesrepublik lebende Künstlerinnen und Künstler haben im digitalen Austausch zu zweit je ein gemeinsames Kunstwerk realisiert. Die Ergebnisse werden online präsentiert. Wie gehen wir weltweit miteinander um? Eine Frage, die uns auch nach der Krise beschäftigen muss.

Sie wurde auch auf dem Latitude-Festival über die Nachwirkungen des Kolonialismus verhandelt. Eigentlich sollte es Anfang Juni in Berlin stattfinden.
Wir haben es komplett ins Internet verlegt. Es hat mich sehr berührt, dass das vor eineinhalb Jahren konzipierte Festival durch den gewaltsamen Tod von George Floyd und die Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung plötzlich eine zusätzliche, traurige Aktualität gewonnen hat.

Die gesamte Bandbreite der People of Color kam bei „Latitude“ zusammen. Es ging um Erfahrungen mit Rassismus, die Wahrnehmung und Bilder, die historischen Wurzeln, auch um die koloniale Raubkunst. Wir Europäer sind da immer noch dem kolonialen Denken verhaftet.

Welche Debatten und Ideen gibt es dazu auf dem afrikanischen Kontinent? Deshalb hatten wir 2017 bis 2019 dort Museumsgespräche angeregt, auch diese Debatte wurde bei „Latitude“ fortgesetzt.

Und wie funktionierte das Online-Format?
Die Diskussionen über Rassismus und Postkolonialismus verliefen sehr konzentriert, man hört über Kopfhörer anders zu. Und wir konnten ein anderes Publikum erreichen, mit deutlich höheren Reichweiten auch weit über Deutschland hinaus.

Auf die zentrale Webseite des Festivals haben mehrere Tage über 20 000 Personen aus Deutschland, Brasilien, USA, Südafrika und vielen anderen Ländern zugegriffen.

Auch die Residenzen organisiert das Goethe-Institut jetzt online. Die Stipendienorte in Japan, Brasilien, in der Türkei stehen leer.
Das stimmt nicht ganz, in Tarabya in Istanbul sind einige Stipendiatinnen und Stipendiaten geblieben und immer noch da. Die Villa Sul in Salvador de Bahia findet derzeit in der Tat online statt. Das Oberthema dort ist der Kulturaustausch zwischen den Kontinenten auf der südlichen Halbkugel.

Die jetzigen Gäste aus Angola, Togo, Brasilien und Deutschland vernetzen sich von zu Hause aus regelmäßig über mehrere Stunden und arbeiten an gemeinsamen Projekten. Wir leben in einer Zeit der Isolation, das wollen wir deutlich konterkarieren. Und da man in Brasilien reisen kann, soll die Villa Sul für die Corona-Zeit demnächst auch brasilianischen Künstlern offenstehen.

Sie mussten Kurzarbeit anmelden, da der Erlös aus der Spracharbeit weitgehend wegfällt. International bedeutet das eine Finanzlücke von 80 bis 100 Millionen Euro, in Deutschland kommen weitere 50 Millionen Euro hinzu. Der Bund hat bis zu 70 Millionen Euro nachbewilligt, genügt das?
Das Goethe-Institut erwirtschaftet mehr als ein Drittel seiner Gelder selbst, das sind 150 Millionen Euro. Ein Teil dieses Geldes fehlt nun. Die zwölf Sprach-Institute in Deutschland hatten aufgrund der Krise Liquiditätsprobleme, die mithilfe des Auswärtigen Amts kurzfristig überbrückt werden.

Aber die Kolleginnen und Kollegen haben überall sehr schnell digitale Unterrichtsangebote entwickelt. Wir hoffen, damit einiges ausgleichen zu können, sodass die Gelder aus dem Nachtragshaushalt ausreichen. Es gibt unterschiedliche Angebote, mit mehr oder weniger intensiver Online-Präsenz von Lehrkräften.

Das liegt auch daran, dass es Länder gibt, in denen das selbstständige Arbeiten in der Klasse weniger Tradition hat und die Sozialkompetenz eines Lehrers, einer Lehrerin unerlässlich ist.

Gibt es auch Online-Prüfungen?
Wir haben Lösungen gefunden, wie wir Prüfungen abnehmen können, die ja besonders für die Teilnehmer wichtig sind. Das geht derzeit aber nur analog, digital lässt sich die Identität der zu Prüfenden nicht zweifelsfrei kontrollieren.

Die Mieten für Räume und viele Fix- und Personalkosten laufen allerdings weiter. Deshalb mussten wir einsparen, in Deutschland eben auch durch Kurzarbeit. Sie ist zum Glück flexibel, wir können sie dem aktuellen Bedarf anpassen.

Anders als das Goethe-Institut sind viele internationale Kultureinrichtungen unmittelbar existenzbedroht.
Deshalb haben wir gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und anderen Partnern einen Hilfsfonds aufgelegt, mit einer Grundfinanzierung von drei Millionen Euro. Sie funktioniert als Projektförderung, die aber auch den Institutionen helfen und noch dieses Jahr greifen soll.

Es geht um zivilgesellschaftliche Kulturorganisationen, die finanziell und bisweilen auch politisch unter Druck stehen. Als innovative Akteure und unabhängige Begegnungsstätten sind sie ungemein wichtig, schon weil sie Alternativen zum offiziellen Kulturbetrieb bieten.

Drei Millionen für über 60 Länder, in denen das Goethe-Institut präsent ist, ein Tropfen auf den heißen Stein.
Wir können damit die Welt nicht retten. Aber wir können in vielen Ländern einen Unterschied machen.

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