Glücksfall für das Museum des 20. Jahrhunderts Gerhard Richter überlässt der Berliner Nationalgalerie 100 Werke

Nicola Kuhn

Vertrag endlich unterschriftsreif: Seit seiner Retro 2012 zieht es Richter nach Berlin. Als Auftakt zeigt die Alte Nationalgalerie seinen „Birkenau“-Zyklus.

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Abstrahiert. Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Ella Maria Richter, Tochter von Gerhard Richter, vor dem „Birkenau“-Zyklus. Foto: dpa/Wolfgang Kumm Vergrößern
Abstrahiert. Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Ella Maria Richter, Tochter von Gerhard Richter, vor dem „Birkenau“-Zyklus. © dpa/Wolfgang Kumm

Danach sehnt sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gerade ganz besonders: gute Nachrichten. Mit Gerhard Richter, dem bedeutendsten Künstler der Republik, sind sie zu haben – zumal wenn es eine Überlassung von 100 Werken aus seiner Stiftung zu vermelden gibt.

Endlich ist spruchreif, worüber seit dem Sommer 2019 verhandelt wird. Kulturstaatsministerin Monika Grütters reiste damals zum Künstler nach Köln, um ihm den Weg ins Museum des 20. Jahrhunderts zu ebnen, für das gerade der Aushub begonnen hat. Seit es die nach Richter benannte Kunststiftung gibt, in die er seine für Berlin und Dresden bestimmten Werke einbringt, ist der Weg nun frei.

Die Berliner Retro war die erfolgreichste Ausstellung eines Zeitgenossen

So strahlen Monika Grütters, Stiftungspräsident Hermann Parzinger und der kommissarische Leiter der Nationalgalerie Joachim Jäger um die Wette, dass dieser lang eingefädelte Vertrag endlich unterschriftsreif ist. Am Vortag der Wiedereröffnung zumindest der Häuser der Museumsinsel stehen die Drei im Schinkelsaal der Alten Nationalgalerie zusammen mit Richters Tochter Ella Maria und Sammlungsleiter Ralph Gleis, denn hier ist das erste Ergebnis der Zusammenarbeit zu sehen: der vierteilige „Birkenau“-Zyklus, der zwei Jahre nach der großen Retrospektive zum 80. Geburtstag des Künstlers 2012 entstand.

Auf die damals noch von Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann kuratierte Ausstellung geht die Berliner Liaison zurück. Die mit 380.000 Besuchern erfolgreichste Schau eines Zeitgenossen bestärkte den eher scheuen Maler darin, seine Bilder in die Hauptstadt, zumal in die Nationalgalerie zu geben.
In dem von Herzog de Meuron entworfenen Museum des 20. Jahrhunderts wollte der Vielbegehrte ohnehin einen Platz für sich vorbehalten wissen, gilt doch die Nationalgalerie nach wie vor als der Ort, an dem Kunstgeschichte gemacht oder zumindest bestätigt wird.

Der nun für Richter im Obergeschoss reservierte Saal gehört neben den drei weiteren „Anchorrooms“ für Joseph Beuys, Rebecca Horn und die Britin Sarah Morris zu den Fixpunkten im Parcours, der ansonsten keineswegs festgeschrieben sein soll, wie Joachim Jäger betont.

Der „Birkenau“-Zyklus ist ein Start für die Zusammenarbeit

Die Präsentation in der Alten Nationalgalerie ist also als Preview zu verstehen, der Neubau am Kulturforum wird kaum vor 2027 fertig sein. Unter dem Titel „Reflexionen über die Malerei“ ist der Zyklus auf grauem Fonds platziert, gegenüber hängen verspiegelte Glasscheiben. In der gleichen Kombination waren die Bilder zuvor in einer Richter-Show im Met Breuer zu sehen, dem Ableger des New Yorker Metropolitan Museums. Neun Tage später kam der Lockdown. Als Trost holte Direktor Max Hollein die Serie ins Haupthaus am Central Park, wo sie länger bleiben konnte.
Die vier abstrakten Bilder sind ein Hauptwerk, bezeugen sie doch Richters jahrzehntelange Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. Im Berliner Schinkelsaal, wo einst auch sein inzwischen dem MoMA gehörender RAF-Zyklus gezeigt wurde, hängen an den Schmalseiten vergrößert auch jene vier Fotografien, die der Bilderfolge ihren Namen gaben: Es sind die einzigen, von Strafgefangenen erfolgreich aus dem KZ Birkenau herausgeschmuggelten Aufnahmen. Sie zeigen eher unscharf und doch gut erkennbar Aufseher, entkleidete Gefangene, auf dem Boden liegende Leichname – es sind Dokumente des Grauens.

Richter will das Grauen nicht konkret abbilden, er abstrahiert

Trotzdem wollte Richter es nicht zeigen, rückte er vom Konkreten wieder ab. Nachdem der Künstler die Fotografien auf 260 mal 200 Zentimeter nachgemalt hatte, verwischte er sie wieder in der für ihn typischen Manier, indem er mit dem Rakel farbige Schlieren über die Leinwand zog. Geblieben ist ein Schwarz-Weiß-Grau mit Einsprengseln von Grün, Violett und Rot, in dem sich alles und auch nichts erkennen lässt. Man mag Momente der Hoffnung, der Gewalt darin sehen, von einer Interpretation der Farben hält der Künstler erklärtermaßen nichts. Richter gibt jedoch dem Nichtzeigbaren einen Raum und lädt damit ein zur Reflexion über Malerei, die auch wortwörtlich gemeint ist: in den vis-à-vis gehängten Scheiben spiegeln sich nicht nur die vier abstrakten Bilder, sondern auch der Betrachter selbst.

[Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, bis 3. 10.; Di bis So 10 – 18 Uhr.]
Bis in den Herbst ist der Zyklus auf der Museumsinsel zu sehen, eingespannt in die Phalanx des 19. Jahrhunderts, zwischen Gottlieb Schick und Schnorr von Carolsfeld. Dann zieht er um in den Mies van der Rohe-Bau, der Ende August wiedereröffnen soll. Dort kommt er in den ehemaligen Grafik-Saal im Untergeschoss, bis das Museum des 20. Jahrhunderts fertiggestellt sein wird. Das wäre dann die beste Nachricht.

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