Kluge Beobachterin. Vicki Baum. Foto: imago/Cola Images
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Glossen von Vicki Baum Mikrobengewimmel der Großstadt

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Als Romanautorin wird Vicki Baum bis heute geschätzt. Besonders lesenswert sind auch ihre Feuilletons aus den Jahren 1912 bis 1941, die nun erschienen sind.

Als Vicki Baum 1931 Moskau besucht, fällt ihr vor allem eins auf: das völlige Fehlen von Eleganz. „Bolschewikinnen strenger Observanz schienen mir dem langen Haar und aufgesteckten Knoten zuzuneigen“, schreibt sie später. Die Kleidung der „proletarischen Oberschicht“ sei farblos, die Frisur schlicht und die Haltung streng. In den Theatern habe sie „keine angezogene Frau“ gesehen, sondern „nur Genossinnen, die tragen, was sie eben haben“. Doch der Totalitarismus in der Mode ist zum Scheitern verurteilt. Hofft Baum jedenfalls. Denn man könne der Russin „so viel abstrakte Gedankenpanzer anziehen“ und „das Allesgleichmachen bis aufs Geschlecht ausdehnen“, darunter komme doch immer wieder „die Frau zum Vorschein“.

„Lippenstift, Parfüm und Spitzenwäsche in der Sowjetunion“, heißt der kleine Reisebericht, der in der „Dame“ erschien, der mondänsten und einflussreichsten Frauenzeitschrift der Weimarer Republik. Er ist ein Musterbeispiel dafür, wie politisch Betrachtungen über vermeintliche Nebensächlichkeiten sein können. Auch von der Mangelwirtschaft wollen sich die Frauen, denen die Autorin in Moskau begegnet, nicht das Bedürfnis nehmen lassen, très femme zu sein. Symbol dieser Sehnsucht ist der Seidenstrumpf, den die jungen Russinnen umso stärker begehren, je mehr sie ihn entbehren müssen. „Und sie entbehren viel; denn die Liebe gehört zu den Dingen, die man dort abgeschafft hat.“ Ernst Lubitsch hat aus dem Gedanken später einen Film gemacht, die Komödie „Ninotschka“, in der Greta Garbo als Parteifunktionärin bei einem Paris-Besuch dem kapitalistischen Charme der „Silk Stockings“ verfällt. Und, natürlich, der Liebe.

Die hohe Kunst des Plauderns und der Wille zum Aphorismus

Vicki Baum ist bis heute als Autorin von „Menschen im Hotel“ oder „Liebe und Tod auf Bali“ bekannt. Dass sie auch eine Meisterin der kleinen Form war, beweist nun der Band „Makkaroni in der Dämmerung“, der gut 80 ihrer Feuilletons und Glossen aus den Jahren 1912 bis 1941 erstmals in Buchform versammelt. Viele davon stammen aus der „Dame“, die wie die „Berliner Illustrirte Zeitung“ und die Gesellschaftszeitschrift „Uhu“ im Ullstein-Verlag herauskam, wo Baum arbeitete, bevor sie in die USA zog, um bei der Verfilmung von „Menschen im Hotel“ dabei zu sein. Andere Texte hat sie für längst vergessene Blätter wie „Die Muskete“ oder „Ton und Wort“ geschrieben.

Die hohe Kunst des Plauderns mischt sich in Baums Texten mit dem Willen zum Aphorismus: „Dass man sich nicht kennt, ist der Reiz der Liebe; dass man sich kennenlernt, ist das Verhängnis der Ehe.“ Von Erotik will sie nichts mehr hören, seitdem ihre Köchin, „wegen allzu reichlichen Nachtbummelns zur Rede gestellt“, entgegnete: „Ja, gnädige Frau, ich bin eben eine erotische Natur.“ Das mag harmlos und humoristisch klingen, doch beiläufig artikuliert sich immer wieder kämpferische Kritik an den Geschlechterverhältnissen: „Eine Frau, die sich keinen geistigen Kreis schaffen kann, ist reizlos. Sie muss ein Mittelpunkt sein und Anregungen geben – allerdings dürfen die Männer das nicht merken. Es enterotisiert nämlich, wenn eine Frau zu klug ist.“ Offenbar war die „neue“ Frau der Weimarer Republik gar nicht so modern und neu.

Der ästhetische Genuss des Schwimmlehrers

Vicki Baum, 1888 geboren, hatte zunächst in Wien Harfe studiert. Die ersten journalistischen Texte, noch unter Pseudonym veröffentlicht, handeln vom Fußleiden früher Dirigenten, ausgelöst durch das Schlagen des Taktes mit mannshohen Taktstöcken, oder vom gelangweilten Berufsbeamtentum der Orchester. In Berlin werden ihre Arbeiten rasanter. Ein „Fräulein Stenotypistin“, in einer „ausgemergelten Autodroschke“ unterwegs, trifft an einer Kreuzung auf einen schneidigen Herrn im „hellgrauen Wagen, von einem Schofför in Leder gelenkt“. Blicke werden gewechselt, Fantasien beginnen, eine Liebe in Gedanken, bis beide in verschiedene Richtungen weiterfahren. Szenen aus dem „Mikrobengewimmel der Großstadt“, die man sich auch als Stummfilm vorstellen könnte.

Hauptmerkmal der Großstadt ist die Tatsache, dass in ihr viele Menschen leben. Jeder mag sich für einzigartig halten, keiner ist wirklich besonders. Baum entwickelt Typologien, beschreibt im Tonfall der Zoologin äußere und innere Kennzeichen der Spezies Metropolen-Mensch. Ein Strandbad, wo eines der hinreißendsten Feuilletons spielt, ist das ideale Terrain für solche Untersuchungen. Der Schwimmlehrer, „ein angenehmer ästhetischer Genuss“, unterrichtet ausgezeichnet und schwimmt selbst „ein vorbildliches Crawl“. Dagegen gibt die Gattung Ehemann eine eher jämmerliche Figur ab.

Der Band ist ein großes Glück

Und dann gibt es noch Frauen – genauer gesagt: Damen – in allen Variationen. Damen, „deren Trikot nicht nass werden darf“, Damen, „die immer photographiert werden“, neidische Damen, Damen, die sich verloben möchten. Und Damen, die „mensendiecken“. Das war eine Modegymnastik, wissen die Anmerkungen, benannt nach der amerikanischen Ärztin Bess M. Mensendieck.

Vicki Baum galt lange, ähnlich wie Irmgard Keun, Helen Hessel, Lily Grün oder Ruth Landshoff-Yorck, als Schriftstellerin zweiter Klasse. Dabei verstand sie das Etikett der Unterhaltungsschriftstellerin als Auszeichnung. „Übrigens ist es schwieriger, so zu schreiben, dass es einem breiten Lesepublikum gefällt, als so, wie man’s selbst mag. Gut lesbare Erzählungen verfassen ist eine Frage handwerklichen Könnens, was die Franzosen le métier nennen“, schreibt sie in ihren posthum erschienenen Memoiren. Baum gehört heute zu den modernen Klassikern, ihre Romane wurden immer wieder neu aufgelegt. Dass man nun auch ihre kleinen Texte wieder lesen kann, ist ein großes Glück.

Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Herausgegeben von Veronika Hofeneder, Edition Atelier, Wien 2018. 320 Seiten, 25 €.

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