Angst als Mittel der Manipulation

Schon immer auch Ort der Angst: der Wald Foto: Getty Images
Gespräch mit Gefühlshistorikern Sind wir die Angsthasen Europas?

Gibt es furchtsamere und weniger furchtsame Völker?

HITZER: Angst wird wie jedes andere Gefühl kulturell und historisch geprägt und kann niemals die ahistorisch feststehende Eigenschaft eines Volkes sein.

BIESS: Dem stimme ich zu. Als Historiker spreche ich nicht über Nationalcharakter. Mein Eindruck ist, dass Xenophobie, also die Angst vor Überfremdung, momentan in anderen Ländern stärker ausgeprägt ist. In den USA überlegen sie, Muslime nicht mehr einreisen zu lassen oder Millionen von illegalen Einwanderern zu deportieren, die hier aufgewachsen sind.

Teilen nicht alle westlichen Gesellschaften die gleichen Ängste, zumal die europäischen?

BIESS: Ich kann das nur historisch beantworten. Natürlich hatten auch die Franzosen in den 50er Jahren Angst vor einem Atomkrieg. In Deutschland war der Hintergrund aber immer die eigene Erfahrung des Bombenkriegs. Auch in anderen europäischen Ländern gab es eine Studentenbewegung, nur wendete sich da keine APO gegen vermeintlich allgegenwärtige Nazis. Auf der Seite der Rechten gab es die Angst vor der Revolution. In der Bundesrepublik waren solche Diskussionen extremer. Auch die Debatten um den Asylkompromiss waren noch sehr emotional, ab der Jahrtausendwende scheinen die Deutschen aber gelassener…

Sie meinen, die Deutschen haben den Umgang mit der Angst gelernt, sie sind desensibilisiert?

BIESS: Das könnte eine Schlussfolgerung aus der Angstgeschichte sein und aus dem Wissen, dass sich nicht alle Befürchtungen bestätigen. Dass die Realität stabiler ist als erwartet.

Welche Rolle spielte denn die Gründung der Europäischen Union für die Emotionen?

BIESS: Ursprünglich war die europäische Vereinigung auch ein Mittel gegen die Angst – vor Deutschland. Man wollte es in größere Strukturen einbinden, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Von Konrad Adenauer wissen wir, dass er große Sorge hatte, ob die Deutschen nicht erneut auf dumme Gedanken kämen. Das war eben nicht nur eine Befürchtung der Linken! Auch als Anerkennung dieser Leistung hat die EU 2012 den Friedensnobelpreis erhalten. In dem Moment jedoch, in dem dieser antifaschistische Grundkonsens der Nachkriegszeit nicht mehr existiert, werden andere Dinge möglich. Der Aufschwung von populistischen, nationalistischen, teilweise rassistischen Bewegungen ist sicher eine Konsequenz davon.

Gemeinsame Emotionen schweißen zusammen. Ist Zugehörigkeitsgefühl ein Gegenprogramm zur Angst?

BIESS: Für die Deutschen war die europäische Identität sicher ein Ausweg. Die Kritiker der BRD haben sich jedoch mehr mit Deutschland identifiziert, als sie zugegeben hätten. Gerade weil sie erkannt haben, dass es bestimmte Werte in der deutschen Nachkriegsgesellschaft gibt, die sie gegen mögliche Gefahren verteidigen würden. Genau wie derzeit das Bewusstsein für die amerikanischen demokratischen Essentials wächst, jetzt, da sie bedroht sind. Das Angebot von rechten Bewegungen ist auch, dass kollektive Identität so etwas wie Sicherheit verspricht. Das ist eine Erklärung des Wahlsiegs von Trump: Wir konzentrieren uns auf die weiße Mehrheit, die aufgrund demografischer Entwicklungen bedroht zu sein scheint.

Studien belegen, dass heute so viele Deutsche wie nie unter Angststörungen leiden, obwohl sie in nie dagewesenem Wohlstand und großer Sicherheit aufwachsen.

BIESS: Wenn Angst nicht mehr pathologisiert wird, sondern als legitimes Gefühl anerkannt ist, wird sie auch öfter empfunden, diagnostiziert, therapiert.

Was nicht erwünscht ist, wird auch nicht empfunden?

BIESS: Wir empfinden innerhalb von emotionalen Kulturen – eine rein individuelle Emotion kann es nicht geben. Emotionale Regime haben ihre eigenen Regeln. Helmut Schmidt beispielsweise verkörperte, dass man kühl und rational bleiben sollte, er hatte das so gelernt. Parallel existierten noch andere emotionale Regime. Die Friedensbewegung hat ihre eigenen Emotionsregeln aufgestellt, diese offene Demonstration von Angst. Auch ein Beweis für die pluralistische, liberale Gesellschaft, die Deutschland inzwischen geworden war. Der 68er-Schriftsteller Peter Schneider wendete sich in seiner Autobiografie explizit gegen die „emotionale Kälte“ der Nachkriegszeit. Man sieht das auch an der emotionalen Reaktion der Deutschen auf die Fernsehserie „Holocaust“ im Jahr 1978.

HITZER: Den Gefühlen wurde immer mehr Wirksamkeit zugetraut, auch auf der Ebene des Körpers. Ein Indikator dafür ist die Idee der „Krebspersönlichkeit“, die in den siebziger Jahren populär wird – Tumoren werden als körperliche Reaktion auf unterdrückte Gefühle begriffen. Seine Gefühle zu verstecken, so die damalige Vorstellung, kann also gefährlich sein.

Frank Biess forscht an der University of California zur deutschen Angstgeschichte. Foto: privat Vergrößern
Frank Biess forscht an der University of California zur deutschen Angstgeschichte. © privat

Als Emotiologen untersuchen Sie Gefühle von historischen Subjekten – die können Sie nicht mal eben in einer Allensbach-Studie befragen. Wie gehen Sie vor?

BIESS: Wir lesen vertraute Quellen mit neuem Blick: politische Reden, Kommentare, Tagebücher, Briefe.

HITZER: Für mein Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung beschäftige ich mich mit der Gefühlsgeschichte der Krankheit Krebs. Eine wichtige Quelle sind Fachzeitschriften, medizinische, psychologische, juristische, theologische. Diskutiert wird dort zum Beispiel: Wie bewegt man Patienten dazu, zu Früherkennungsuntersuchungen zu gehen? Macht man ihnen zu viel Angst, wenn man möglichst echte Nachbildungen von Tumoren zeigt? Und soll der Arzt dem Patienten überhaupt mitteilen, dass er Krebs hat – treibt er ihn damit in eine tödliche Verzweiflung?

Welche Gefühle in Gesellschaften welche Bedeutung haben, lässt sich auch gut an Kinderliteratur und Erziehungsratgebern ablesen.

HITZER: Um bei der Angst zu bleiben: Bei Wilhelm Busch war sie noch Erziehungsmaßnahme, in der Indianerliteratur Ende des 19. Jahrhunderts galt sie als problemlos überwindbar und notwendig, um die Tugend Tapferkeit zu erzielen. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg wurde klar, dass Angst nicht so unproblematisch ist und ihre Überwindung der Unterstützung bedarf, wie etwa in Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“. Im Nationalsozialismus wird der Ängstliche als moralisch defizitär betrachtet. Nach 1945 setzt sich dagegen langsam die Erkenntnis durch, dass es besser ist, mit Kindern über ihre Ängste vor der Dunkelheit oder vor Monstern zu sprechen. „Mio, mein Mio“ oder „Krabat“ sind Beispiele für Helden, die Angst empfinden, aber dadurch ein Gespür behalten für Menschlichkeit.

Es scheint, als sei die Angst das wichtigste der Gefühle, eine Art Motor fürs Leben?

BIESS: Nach 9/11 sind wir sensibler dafür geworden, aber wir untersuchen auch andere Emotionen.

HITZER: Scham ist wichtig, Ekel, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Liebe. Aber Angst zieht viel Aufmerksamkeit auf sich, sie wird oft mit starken körperlichen Reaktionen verbunden. Politisch gesehen, ist sie vielfach an Entscheidungen geknüpft und Mittel der Manipulation. Das macht sie so interessant. Wir entdecken, wie mit Gefühlen und deren Vereinfachung Politik gemacht wird. Die Annahme, dass Gefühle unveränderbar und stets die gleichen sind, macht leicht blind dafür, wie sie geprägt, erzeugt und erzogen werden.

Das Gespräch mit den beiden Historikern führte Julia Prosinger.

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