Hauptsache persönlich - und am besten auf Distanz: Soziale Medien erleichtern feindselige Äußerungen ungemein. Foto: imago images/photothek
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Gesellschaftsanalyse Moral macht auch Dreck

Der Germanist Albrecht Koschorke analysiert, wie allzu feine liberale Sitten vulgäre Gegenkräfte erzeugen.

Wo Fliehkräfte sinnlos walten, geht von der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft ein Versprechen aus. Ob man sich diese Mitte horizontal denkt, als Sammelstelle aller Vernünftigen, die es noch nicht an die extremen Ränder gewirbelt hat, oder vertikal, als eine Schicht, die sich gegen den Abstieg verteidigt, ohne vom Himmel der oberen Zehntausend zu träumen: Die Rede von der Mitte bedient soziale Raumvorstellungen, ohne deren Metaphern schwer auszukommen ist.

Der Konstanzer Germanist Albrecht Koschorke, der die Grenzen seines Fachs seit Jahren sprengt, hält es in seinem im „Leviathan“, der „Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft“ (2021/2, leviathan.nomos.de) erschienenen „Versuch über die Vulgarität“ vor allem mit dem Zusammenspiel von Aufwärtsdynamik und Abwärtsdrift.

Die eine sieht er in einem zivilisatorischen Prozess, wie ihn Norbert Elias als Grundzug jeder Gesellschaft beschrieben hat: Sozial wie mental entfalten die höheren Schichten einen Angleichungsmagnetismus, der dazu führt, und da kommt nun Pierre Bourdieu ins Spiel, dass Aufsteiger sich habituell wiederum von den unteren Schichten absetzen. Die andere betrachtet er als soziologisch unerschlossenes Phänomen, das sich vor allem in einer „Vulgarisierung des öffentlichen Diskurses“ zeigt.

Gemeint ist ein Sprechen, das „von Respektlosigkeit, Aufkündigung gepflegter Umgangsformen, feindseliger Herabsetzung des Gegenübers, Beschimpfungen und Nutzung unflätiger Ausdrücke sowie von häufig mit Sexualisierung verbundenen Tabubrüchen geprägt ist.“ Willkommen in der Welt des Hatespeech.

Was nach billiger Kulturkritik klingt, die sich in gut gemeinten Appellen erschöpft, ist eine Analyse, die das allzu gut Gemeinte gerade zum Ausgangspunkt einer um sich greifenden Vulgarisierung macht und als Kehrseite eines enttäuschten Idealismus beschreibt: „When they go high, we go low“, verkehrt Koschorke Michelle Obamas berühmten Ausspruch.

Sein Essay basiert auf einem Vortrag zur Eröffnung des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (fgz-risc.de) im Juni 2020. Eine jüngere Kurzversion davon findet sich auf Youtube. Das an Universitäten in zehn Bundesländern angesiedelte, vom Bundesministerium für Bildung geförderte Institut versucht, in 83 multidisziplinären Projekten Begriffe auszubilden, die überhaupt erst in der Lage sind, die zentrifugalen und zentripetalen Kräfte der Gegenwart zu beschreiben.

Das Vulgäre ist dabei „die Artikulationsweise einer ihre Rücksichten abstreifenden, in Hinsicht auf den jeweiligen Referenzrahmen egalitären Moral. Es ist insofern der Effekt einer auf paradoxe Weise enthemmenden Moralisierung der Politik, nicht deren Gegenteil. Und es ist in der Ansprache an Gleichgesinnte auch nicht auf Dezivilisierung oder auf die Auflösung des sozialen Bands hin ausgelegt, sondern auf eine stärkere, erneuerte Verfestigung des Sozialen – wenngleich durch feindselige Abgrenzung nach oben wie nach außen.“

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Koschorke verzichtet fast völlig auf Beispiele, was es verlockend macht, seine Theorie auf deutsche Verhältnisse anzuwenden. Man kann die Grünen, die hierzulande der parlamentarische Motor dieser Moralisierung sind, zwar schlecht für den Aufstieg der AfD verantwortlich machen. Aus der Einsicht in die unselige Allianz von politischer Korrektheit und Enthemmung sollte man sie nicht entlassen. Moralisierende Politik besteht ja nicht nur in einem Übermaß identitätspolitischer Diskurse, denen die sozioökonomische Verankerung fehlt: Diese sind auf der Rechten noch stärker ausgeprägt.

Das Moralisierende der Grünen beginnt, wo sie im Schielen nach der Macht die volkswirtschaftlichen Aufwendungen einer klimagerechten Politik verschweigen. Ob es um höhere Benzinpreisegeht, um eine Drosselung des Fleischkonsums oder eine Beschränkung des Luftverkehrs: Sie tun derzeit alles, um dem Ruch einer Verbotspartei zu entgehen und zugleich die Wohlfühlwünsche einer Mehrheit zu bedienen, die ihren Anteil an den Kosten eines umfassenden Wandels am liebsten in der weichen Währung von ein wenig Flugscham und verwandten Gefühlen entrichten würde.

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