Vor 20 Jahren standen Cora Frost und Georgette Dee erstmals gemeinsam auf der Bühne. Foto: Barbara Braun/ MuTphoto
p

Georgette Dee und Cora Frost im Tipi Diven im Trockeneisnebel

1 Kommentare

Herrlich böser Charme: Georgette Dee und Cora Frost wagen mit ihrer Show „Welt-Lieder“ im Tipi etwas Neues.

Wie das bedingungslose Grundeinkommen in der Version von Georgette Dee aussieht, ist klar: „4000 Euro netto für jeden – mit der Auflage, alles bis zum letzten Cent auszugeben, sonst Rückzahlung!“ Was sie mit dem Geld anstellen würde, überlässt sie der Phantasie ihres Publikums. So eine Idee kann man auch nur im Rahmen eines Spiels haben. Etwa: Was würde ich tun, wenn ich Königin wäre? Und Königinnen der Nacht sind sie ja beide, Georgette Dee und Cora Frost, die sich im Tipi am Kanzleramt für die Show „Welt-Lieder“ zusammengetan haben, ihr erster gemeinsamer Auftritt seit „Diva gut“ vor gut 20 Jahren. Wie lange sie sich schon kennen, lassen sie wohlweislich im Dunkeln. Der Erstkontakt hat offenbar in der legendären Hannoveraner Bar „Schwule Sau“ stattgefunden, wobei mit Frost prompt ihre Scharfzüngigkeit durchgeht: „Ich war 16, und du sahst damals aus wie heute.“

Natürlich könnte Georgette Dee locker kontern, doch sie streift das ab wie Blütenstaub. Keine fährt sich so skulptural durch die Haare, als sei’s ein Akt von Caravaggio. In ihren wer-weiß-wie-vielen Lebensjahren hat sich die Dee eine Aura der alten Schachtel zugelegt, mit einer Weltweisheit, die sie panzert, aber auch in ihrer Verletzlichkeit belässt. Wäre dies Wagners „Ring des Nibelungen“, würde sie die Erda singen – ohne sich allerdings mit einem einzigen Mann zu begnügen, selbst wenn der Wotan hieße.

Keine Bühnenbesäufnisse mehr

Cora Frost hat gegenüber Dee zunächst Schwierigkeiten, sich zu profilieren, hupft als Knusperhexe mit buschigem Haar über die Bühne und versucht sich als Märchenerzählerin. Erst nach einer Weile, nun ja, taut sie auf. Ihre Rolle findet sie eher im Gesang, mit einem rauchigem Alt, der mühelos in den Soubretten-Sopran springt. Stark deshalb auch der Einstieg in die zweite Hälfte mit drei Songs, darunter „Riders On The Storm“ von den Doors und Dusty Springfields „Son Of A Preacher Man“. Andere Lieder stammen von Terry Truck und Gert Thumser, den langjährigen Klavier-Sparringpartnern der Diven. Es wird ein für Tipi-Verhältnisse lauter Abend, Dee und Frost verschwinden häufig wie Nachtschattengewächse im Trockeneisnebel, lassen die Rockröhren jaulen, singen von Männern und anderen Nebensächlichkeiten, ohne wirklich einem roten Faden zu folgen. Musikalisch grundiert werden sie dabei von den Dreamboys mit E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug.

Die Show bezieht ihren Reiz auch daraus, dass hier zwei Künstlerinnen auf Basis ihrer langjährigen Bühnenerfahrung etwa Neues wagen, sich auf die Reise machen. Auf der sie aber trotzdem ihren souveränen, bösartigen Charme im Gepäck haben, vor allem Dee: „LGBTI? Q6ZV58? Jetzt haben wir bald das ganze Alphabet durch, und immer noch gibt es Beleidigte.“ Spricht und streicht sich wieder durchs Haar, singend: „Ich brauch' Zigaretten.“ Obwohl weit und breit kein Glimmstängel glüht. Auch die Bühnenbesäufnisse früherer Zeiten hat Georgette Dee hinter sich gelassen. Dass es auch ohne Alkohol geht, und zwar genauso gut, ist nicht die einzige beglückende Erkenntnis an diesem Abend.

Tipi am Kanzleramt, bis 24. Juni, 20 Uhr, So 19 Uhr

Zur Startseite