Geboren im Gefängnis Schmerzvolle Fragen, heilsame Antworten

Die Schauspielerin Maryam Zaree wurde in einem iranischen Gefängnis geboren. In dem Dokumentarfilm "Born in Evin" sucht sie Spuren ihrer Kindheit.

 

Maryam Zaree möchte Erinnerungen aus ihrer frühesten Kindheit an die Oberfläche bringen. Foto: Real Fiction Vergrößern
Maryam Zaree möchte Erinnerungen aus ihrer frühesten Kindheit an die Oberfläche bringen. © Real Fiction

Zwischen die dokumentarischen Aufnahmen von den Shah-Protesten 1979 in den Straßen Teherans und der Geburt von Maryam Zaree sind Schwarzbilder geschnitten. Eine Leerstelle. Die 36-jährige Schauspielerin, Autorin und Regisseurin hat selbstverständlich keine Erinnerungen an ihre frühe Kindheit, aber auch ihre Mutter möchte nicht über diese Zeit sprechen. Nur durch Zufall hat Zaree überhaupt die Wahrheit über ihre Geburt herausgefunden: dass sie 1983 in Evin, einem der berüchtigsten Gefängnisse für politische Gefangene im Iran, zur Welt kam. Folter war hier an der Tagesordnung, eine Weile saß in Evin die intellektuelle Elite des Iran ein.

1983 waren ihre Eltern, linke Studenten, die Marx lasen und John Lennon hörten, wie Zaree in ihrem Dokumentarfilm „Born in Evin“ erzählt, verhaftet worden. Ihre Mutter kam nach zwei Jahren mit ihrer Tochter frei, am Weihnachstabend 1985 standen sie mit anderen politischen Geflüchteten am Hauptbahnhof Frankfurt. Ihr Vater saß insgesamt sieben Jahre, 1988 überlebte er die Massenhinrichtungen politischer Gefangener.

„Born in Evin“ ist ein heftiger Film, nicht nur wegen seiner Thematik. Maryam Zaree lässt ihr Publikum unmittelbar daran teilhaben, wie viel Überwindung es kostet, das Schweigen zu überwinden. Ihre Mutter bereitet sie erstmals auf ihr insgesamt vierjähriges Filmprojekt vor, indem sie eine Art Trailer vorführt. Nargess Eskandari-Grünberg ist heute eine promovierte Psychologin und hessische Grünen-Politikerin, eine Bilderbuchmigrationsbiografie. Ihr Lebensprojekt bestand darin, ihre Tochter vor schmerzhaften Erinnerungen zu schützen. „Warum willst Du das wissen?“, fragt sie.

Panikanfall im Bus

Die Traumata sind wie alle Kindheitserinnerungen tief im Unterbewusstsein verankert, sie brechen unerwartet hervor. Ob bei einer Reise durch Marokko, wo die Erinnerung an ein Lied aus dem Koran bei ihr einen Panikanfall auslöst, oder in den Gesprächen mit anderen Frauen, die ebenfalls in Evin inhaftiert waren. Zu einer dieser Frauen hat Zarees Mutter Nargess bis heute Kontakt, sie hat auch Tröstliches zu erzählen. Die Frauen, die gemeinsam bei ihrer Geburt mithalfen, waren eine eingeschworene Gemeinschaft. An einem Ort des Todes und der Unmenschlichkeit hat Maryam als Baby viel Liebe erfahren.

Das Kino ist der ideale Ort für die Arbeit an Traumata, die Visualisierung und die Inszenierung sind wirkungsvolle Mittel des Kinos - und der Therapie. In dem Dokumentarfilm „Ich bin Malala“ von Davis Guggenheim spielt die Kinderaktivistin mit pakistanischen Schulkindern einen Bombenanschlag auf ihren Schulbus nach, der kambodschanische Filmemacher Rithy Panh stellt in „Das fehlende Bild“ seine Haft im Gefängnis der Rothen Khmer mit Tonfiguren nach. Das „fehlende Bild“ ist die treffende Metapher für die Spurensuche Maryam Zarees, die das Publikum an ihren Nachforschungen teilhaben lässt. Sie ist darin familiär geprägt, auch ihr jüdischer Stiefvater arbeitet mit Traumatisierten, Überlebenden des Holocaust. Manchmal erzählen sie sich schmutzige Witze.

Zum Ursprung des Traumas

Auch Zaree hat sich einen sarkastischen Witz zugelegt, der gelegentlich aufblitzt – reiner Selbstschutz. "In unserer Familie gibt es alles, Ausländer, Behinderte und Juden“, sagt sie einmal. Ihre jüngere Schwester ist geistig gehandicappt, „Born in Evin“ erinnert mit solchen Sätzen auch immer wieder an den Außenseiterstatus Zarees in ihrer Heimat Deutschland. Am Anfang beschwert sie sich genervt über die rassistischen Klischees, mit denen im deutschen Fernsehen muslimische Frauen noch immer konfrontiert und dargestellt werden. In solchen Momenten gibt Zaree auch etwas von ihrer Persönlichkeit preis. Man versteht ein wenig besser, warum sie diese unbequemen Fragen stellt, obwohl es ihr doch eigentlich an nichts fehlt.

Und so dringt „Born in Evin“ immer tiefer zum Ursprung des Traumas vor. Maryam Zaree findet mit Hilfe des Vaters, der Videobotschaften aus der Zeit nach dem Gefängnis besitzt, und Chowra Makareni, einer iranischen Filmemacherin, die ebenfalls in Evin geboren wurde, Bilder, die die Leerstellen füllen können. Den Verlust ersetzen können sie nicht. Sie nimmt an einer jährlichen Konferenz von iranischen Feministinnen im Exil teil und trifft im Iran eine gleichaltrige Autorin, die ein Buch über ihre Kindheit im Gefängnis geschrieben hat.  

Das Prinzip dieser Art von Investigativdokumentarfilmen, die auf der Suche nach Bildern eigentlich immer vor den Anforderungen des Kinos kapitulieren müssen, weil die biografische Spurensuche selten Suspense oder eine Dramaturgie verspricht, beruht auf der banalen Einsicht, dass der Weg das Ziel ist. Auch „Born in Evin“ gibt Zaree keine befriedigenden Antworten auf die Frage, wie ihre Kindheit im Gefängnis ausgesehen haben mag. Ihre Therapeutin bereitet sie schon am Anfang des Films auf diese Möglichkeit vor. Aber weniger wichtig als Antworten, erkennt Maryam Zaree irgendwann, ist es, die Fragen überhaupt zu stellen. „Born in Evin“ bricht das Schweigen.
In den Berliner Kinos Acud, Brotfabrik, City Kino, Filmkunst 66, fsk, Lichtblick, Sputnik, Wolf

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