Ein wahrlich urbanes Haus. Das sanierte Gärtnerplatztheater in München. Foto: promo
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Gärtnerplatztheater in München Im Süden was Neues

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Nicht nur Berlin, auch München hat eine frisch sanierte Bühne: Besuch im wiedereröffneten Gärtnerplatztheater.

Für die Musik- und Klassikszene in Deutschland war 2017 ein ziemlich gutes Jahr. Mehrere wichtige Bühnen und Säle wurden völlig neu errichtet oder umgebaut – in Hamburg die Elbphilharmonie, in Dresden der Kulturpalast, in Berlin die Staatsoper Unter den Linden und gleich daneben der Pierre Boulez Saal. Aber auch tief im Süden hat sich, aus hauptstädtischer Perspektive nahezu unbemerkt, etwas getan. Das Staatstheater am Gärtnerplatz, von den Münchnern nur Gärtnerplatztheater genannt, war seit 2012 wegen Sanierung geschlossen. Das Ensemble tingelte durch die Stadt, nutzte Prinzregententheater, Cuvilliés-Theater und Reithalle als Ausweichquartiere. Im Herbst nun ist der Spielbetrieb ins Stammhaus zurückgekehrt.

Für Berliner wirkt das Bauprojekt, als sei man mal eben von der Spree an die Isar gebeamt worden. Wie an der Staatsoper Unter den Linden sollte auch hier ein historisches Theater runderneuert werden und danach möglichst exakt so aussehen wie vorher, aber mit teils radikalen Eingriffen und Modernisierungen in den nicht öffentlichen Bereichen. Wie in Berlin hat es auch in München länger gedauert, fünf statt drei Jahre,  und der Grund war auch hier der Grund, sprich: das widerspenstige Erdreich, offiziell ist von „Schadstoffen im Boden“ die Rede. Und natürlich war es am Ende auch viel teurer: 121,6 Millionen Euro statt 70,7 Millionen, das geht schon in Richtung einer Verdopplung. Auch bei der Staatsoper waren es am Ende 400 Millionen Euro statt 239 Millionen. Mindestens zweimal so viel wie angekündigt: Das scheint heute Standard zu sein bei öffentlichen Theatersanierungen.

Neugierige erklimmen die Stufen des klassizistischen Bau

Jetzt wollen die Münchner auch sehen, wofür das Geld ausgegeben wurde. Laufend erklimmen Neugierige die Stufen des klassizistischen Baus, wollen das Foyer besichtigen, Karten kaufen. Theatersprecher Gunnar Klattenhoff muss sie alle vertrösten, zum Marstallplatz, wo tagsüber zentral alle Tickets der Bayrischen Staatstheater verkauft werden. Das sind fünf Häuser, die zu 100 Prozent vom Freistaat gefördert werden: Residenztheater, Bayrische Staatsoper, Prinzregententheater, Staatstheater Nürnberg. Und eben das Gärtnerplatztheater.

Wir dürfen aber hinein, ins Foyer. Die Architekten vom Münchner Büro Achatz haben alles originalgetreu restauriert, vom Marmorfußboden bis zum Treppengeländer. Und auch neue Akzente gesetzt: Die Garderoben sind jetzt mit schicken, modern-geschwungenen goldfarbenen Platten verziert. Im Zuschauerraum prangt das Wappen mit dem bayrischen Löwen und den Jahreszahlen 1860 (Eröffnung) und 1969 (letzte Sanierung des Zuschauerraums) wie eh und je über dem Querbehang der Bühne. Der ist aus Gips, in der Fachsprache „Schabracke“ und ist jetzt auf beiden Seiten 50 Zentimeter kürzer, was, wie Klattenhoff erklärt, „sofort enorme Auswirkungen auf die Sichtverhältnisse hat“. Ansonsten sieht der prunkvolle Saal mit den rötlichen Sitzbezügen und dem Deckenlüster ziemlich genau so aus wie vorher. Ausdrücklich als „bürgerliches Haus“ wurde das Gärtnerplatztheater 1860 gegründet, als Alternative zur königlich-feudalen Hofoper, der heutigen Bayrischen Staatsoper. Man mag es kaum glauben, angesichts der Pracht im Saal. Ästhetisch hatte sich das Bürgertum Mitte des 19. Jahrhunderts noch kaum vom Adel emanzipiert.

Mehr musikalisches Unterhaltungstheater ist geplant

Große Namen haben am Gärtnerplatz gewirkt, Eleonora Duse etwa oder Gustaf Gründgens. Und natürlich Johannes Heesters, der während seines umstrittenen Auftritts im KZ Dachau 1941 dem Ensemble des Gärtnerplatztheaters angehört hat. Nach dem Krieg florierte auch hier ein möglichst unpolitisches Heile- Welt-Theater, wofür wie in ganz Deutschland immer wieder die Operette herhalten musste. Es gab aber auch die Jahre, in denen das Gärtnerplatztheater als „die andere Oper Münchens“ den ständigen Vergleich mit Bayerns großer Opernbühne am Max-Joseph-Platz suchte. „Diese Zeiten sind vorbei“, erklärt Gunnar Klattenhoff. Unter dem aktuellen Intendanten Josef E. Köpplinger wolle das Gärtnerplatztheater wieder und vor allem musikalisches Unterhaltungstheater sein.

Köpplinger hat die erste Spielzeit nach der Rückkehr mit einer Inszenierung von Lehárs „Lustiger Witwe“ eröffnet. Elf Premieren und zwölf Wiederaufnahmen bietet der Spielplan 2017/18, darunter die Musicalversion des queeren Kultklassikers „Priscilla – Königin der Wüste“, zeitgenössisches Musiktheater wie die Jugendoper „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann und Opern für Orchester mittlerer Stärke wie Donizettis „Maria Stuarda“ oder Mozarts „Don Giovanni“. Es gibt ein eigenes Ballettensemble, das Sängerensemble hat nach dem sanierungsbedingten Schrumpfungsprozess inzwischen wieder 30 Mitglieder, das Orchester mit GMD Anthony Bramall eine Sollstärke von 84 Musikern. Sie spielen in einem Graben, der – noch eine Parallele zur Berliner Staatsoper – jetzt breiter ist und dank einer versetzten Wand mehr Tiefe besitzt, was dem Klang zugute kommen soll.

Ein wahrlich urbanes Haus

Der Löwenanteil der verbauten Millionen – rund 70 Prozent – floss aber in Bereiche, die die Zuschauer nie zu Gesicht bekommen: Hausversorgung, Lüftung, Elektrizität, Kanalisation. „Ein Großteil der Infrastruktur stammte noch aus den späten 40er Jahren“, erklärt Gunnar Klattenhoff. Immer wieder wurde angebaut und hinzugefügt, was zu großen Niveauunterschieden zwischen den Gebäudeteilen führte – und unvermeidlich zu vielen Treppchen. Nicht gut, wenn man ständig Requisiten und Kostüme hin- und her bewegen muss. Jetzt sind alle Ebenen angeglichen und dank drei neuer Probebühnen, davon eine in den gleichen Ausmaßen wie die Hauptbühne, sind alle Probenprozesse im Haus gebündelt. In einer blitzblanken neuen Kantine auf dem Dach können die Mitarbeiter ihren Cappuccino in der Sonne trinken, während in der Ferne die Alpen leuchten.

Spektakulär auch der neue Orchesterprobensaal: Mit außen wehrhaft, innen aber ungemein organisch wirkender Glas- Stahl-Architektur sitzt er wie ein urzeitlichen Reptil auf dem Dach, lichtdurchflutet und schallgeschützt. Angesichts der millionenschweren Dachgeschosswohnungen und Penthouses rings herum eine völlig verständliche Maßnahme. Das Gärtnerplatztheater ist wahrlich ein urbanes Haus. Auf dem Tortenstück zwischen Klenze- und Reichenbachstraße schmiegt es sich ein in ein dichtbesiedeltes Viertel. Vielleicht ist München nirgendwo so selbstverständlich Großstadt wie am Gärtnerplatz. Das von Paris inspirierte Stadtbild bekräftigt ein altes Paradox: Gerade bauliche Strenge führt zu grandioser Kulisse für städtisches Leben – ja, sie scheint geradezu dessen Bedingung zu sein. Überall Flaneure, Cafés, charmante Läden. Und mit dem wiedereröffneten Theater strahlt der Gärtnerplatz noch mehr.

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