Ali (Alina Șerban) und ihr Ttrainer Tanne (Tobias Moretti). Foto: Majestic
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Filmdrama „Gipsy Queen“ Eine Einzelkämpferin boxt sich durch

Hüseyin Tabaks Spielfilm „Gipsy Queen“ erzählt, wie eine jungen Mutter aus einer rumänischen. Roma-Siedlung in den Box-Ring auf St. Pauli kommt.

Der Job als Zimmermädchen ist weg. Ali (Alina Șerban) braucht sofort etwas Neues, egal was. Sogar für Abrissarbeiten in einer Hamburger Villa lässt sie sich anheuern. Fünf Euro pro Stunde bekommt sie für die Schwarzarbeit. Die rumänische Mutter von zwei Kindern klagt nicht, sondern schuftet als einzige Frau stoisch neben den anderen Arbeitern.

Als nächstes steht eine Aushilfsschicht in einem Schmuddel-Schuppen auf St. Pauli an. Zum Aufräumen scheucht die Thekenfrau sie in den Keller, wo ein Boxring aufgebaut ist. Dort hat Ali keine Augen für die Flaschen und Gläser, die sie einsammeln soll, sondern nur für die Männer im Ring.

Der Vater verstößt die junge Frau

Sie analysiert deren Bewegungen, versteht ganz genau, was passiert. Denn nicht zufällig trägt Ali den Namen des größten Boxers aller Zeiten. Ihr boxverrückter Vater hat ihn ihr gegeben, sie später trainiert und zu Siegen geführt. Für ihn war sie nicht nur der Stolz der Familie, sondern die Königin aller Roma.

Doch als Ali ihr zweites uneheliches Kind bekam und nicht mehr kämpfen konnte, fiel eine wichtige Einnahmequelle für ihre irgendwo in der Provinz lebende Romafamilie weg. Nun brauchte die junge alleinstehende Mutter selbst Hilfe – doch der Vater verstößt sie.

Das dramatische öffentliche Zerwürfnis der beiden steht am Beginn von Hüseyin Tabaks zweitem Langspielfilm „Gipsy Queen“, der anschließend einige Jahre in die Zukunft springt. Ali und ihre Kinder wohnen in Hamburg zusammen mit der Deutschen Mary (Irina Kurbanova), die versucht Tänzerin zu werden, aber vor allem Traumtänzerin ist. Weil von ihr in Sachen Miete nicht viel kommt, ist Einzelkämpferin Ali gefragt.

In der „Ritze“, der Kiezkneipe mit Boxschuppen, die es übrigens wirklich gibt, eröffnet sich eine neue Perspektive für die Frau mit der dunklen Lockenmähne. Inhaber Tanne (Tobias Moretti) bemerkt, dass sie boxen kann und engagiert sie zunächst für sein Showprogramm mit Publikumsbeteiligung.

In einem formatierten TV-Drama würde jetzt die absehbare Aufstiegsgeschichte einer Außenseiterin beginnen, die nebenbei auch noch dem runtergerockten Ex-Boxer Tanne eine Runde neuen Sinn schenkt. Allerdings macht es sich Hüseyin Tabak, von dem auch das Drehbuch stammt, nicht so einfach. Er bemüht sich sowohl bei den sportlichen als auch bei den gesellschaftlichen Aspekten seines Werkes um eine gewisse Realitätsnähe. Und so bleibt Alis Weg von Tiefschlägen geprägt.

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Frauen sind selten im Boxfilm-Genre. Wenn sie wie in „Million Dollar Baby“, „Girlfight“ oder „Die Boxerin“ doch einmal im Zentrum stehen, geht es immer auch darum, sich gegen die Vorurteile über weibliche Faustkämpferinnen zu behaupten.

Interessanterweise hat Ali dieses Problem nicht. Dafür ist stets präsent, dass sie als Romnija in einer rassistischen Gesellschaft einen besonders fragilen Status hat. So kämpft sie außerhalb des Rings gegen die Stereotypen an, die den Roma zugeschrieben werden.

Als ihre Tochter Esmeralda (Sarah Carcamo Vallejos) eine Jacke klaut, schreit Ali sie an: „Du tust genau das, was die Weißen von uns erwarten. Du solltest dich schämen.“ Anschließend bestraft sie Esmeralda hart, ohne zu wissen, dass der die eigene Jacke zuvor von einem Mädchen mit Gewalt abgenommen worden war. Sie hatte versucht, das zu vertuschen.

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Tabak fängt die komplizierte Mutter-Tocher-Dynamik auf eindringliche und einfühlsame Weise ein. Es wird deutlich, dass Ali zwar Übermenschliches für ihre Kinder leistet, doch oft zu wenig Kraft hat, um nachzuvollziehen, was Esmeralda fühlt und erlebt. Dafür setzt sie – ähnlich wie ihr eigener Vater – auf Strenge, um ihre Kinder für die feindselige Welt zu wappnen. Alina Șerban, die selbst in einer rumänischen Romafamilie aufwuchs und Absolventin der Royal Academy of Dramatic Art in London ist, spielt das mit großer Intensität und Glaubwürdigkeit.

Den berührendsten Moment von „Gipsy Queen“ schafft sie mit einer stillen Szene, in der die große Einsamkeit ihrer Figur kondensiert zum Ausdruck kommt: In der U-Bahn sitzt Ali einem Rom gegenüber. Die beiden sagen nichts, schauen sich nur an, irgendwann hat Ali Tränen in den Augen, der Mann nickt ihr zwei Mal leicht zu. Es wirkt wie eine liebevolle väterliche Ermutigung. Ali steht auf – ein Kampf steht an. Sie steckt ihre ganze Lebenswut in ihre Schläge.

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