Walter Kaufmann Foto: Karin Kaper Film
© Karin Kaper Film

Film "Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“ Stimme im Sturm

Im April starb der Reporter, Diplomat und Exilant Walter Kaufmann mit 97 Jahren in Berlin. Nun kommt ein Film über ihn ins Kino.

Die Biografie des deutsch-australischen Autors, Exilanten und Weltreisenden Walter Kaufmann ist trotz vieler Erzählungen über den Holocaust und die Entkommenen eher wenig bekannt. Darum erscheint es als Glücksfall, dass seine über Generationen und Kontinente sich spannende Lebensgeschichte von den Berliner Dokumentarfilmern Karin Kaper und Dirk Szuszies gerade nachgezeichnet wurde. Die letzten Aufnahmen zu „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“ waren kaum beendet, als der 97-Jährige im April 2021 in Berlin gestorben ist.

Als Sohn einer polnischen Jüdin wurde er mit dem Namen Jitzchak Schmeidler1924 im Berliner Scheunenviertel geboren. Die mittellose Mutter gab das Kind mit drei Jahren zur Adoption frei, und die Kaufmanns, ein jüdisches Duisburger Ehepaar, wurden nunmehr Walters Eltern. Der Vater, ein wohlhabender Anwalt und Notar, war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Duisburg und wurde nach den Novemberpogromen 1938 erst nach Dachau verschleppt, später endeten Kaufmanns Adoptiveltern in Auschwitz. Da war der junge Walter bereits zu einem Onkel nach England geschickt und bei Kriegsausbruch in einem britischen Lager interniert worden. Statt wie gedacht nach Kanada, brachte ihn ein Schiff dann nach Australien, dort verbrachte er erneut ein Jahr im Lager, bis er als Freiwilliger in die Army gelangte.

Kaufmann schlägt sich nach dem Krieg als Wäscheausfahrer, Hafenarbeiter, Hochzeitsfotograf durch, wird Gewerkschaftler und Mitglied der Kommunistischen Partei Australiens. Heiratet, schreibt, veröffentlich 1953 seinen ersten Roman über Nazis, Krieg und Flucht: „Voices in the Storm“. Er bleibt seitdem eine Stimme in manchen Stürmen, reist zurück nach Deutschland, wird als Kommunist in der DDR halbwegs heimisch, gerät als ostdeutscher Attaché und später Reporter zu den Olympischen Spielen in Tokio und Squaw Valley, bereist Kuba kurz nach der Revolution und erlebt in den Sechzigerjahren die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Nach Treffen mit Fidel Castro, Martin Luther King oder Angela Davies folgen auch Israel-Reisen, wo ihn exilierte Verwandte wegen seiner DDR-Herkunft nicht so schätzen; dafür schließt Kaufmann Freundschaften mit israelischen Linken, die auf eine Verständigung mit den Palästinensern hoffen.

Inzwischen ist Walter Kaufmann zum zweiten Mal verheiratet: mit der Malerin und Schauspielerin Angela Brunner („Nackt unter Wölfen“), ihre Töchter Rebekka und Deborah Kaufmann werden später als Fotografin und Schauspielerin bekannt. Von all dem erzählt Kaufmann vor der Kamera hellwach, mit seiner einnehmend sonoren Stimme, die oft an die seines Generationsgefährten Georg Stefan Troller erinnert. Nur wirken die begleitenden Bilder, wenn es nicht historische Aufnahmen sind, oft etwas einfallslos – angesichts dieses abenteuerlichen Lebens. Duisburg und Berlin heute, Tokio oder Havanna werden in beliebigen Kamerafahrten zitiert, ohne eigene Assoziationen auszulösen. Es fehlen zudem weitere Zeitzeugen und die zeitgeschichtliche, politische Tiefe.

Kaufmann war bis zuletzt überzeugter Kommunist. Doch Stalin wird in diesem Jahrhundertleben nur einmal erwähnt, ebenso die Stasi (ein erfolgloser Anwerbungsversuch). Zum Mauerbau sagt Kaufmann den schönen Satz „Man kann ein Land nur lieben, das man verlassen kann.“ Er selbst hatte, auch dank seines zweiten, australischen Passes, dieses Privileg.

Doch das wird kaum thematisiert. Und wie hatte der zwischenzeitliche Generalsekretär des PEN-Zentrums der DDR als einst vertriebener Jude die von antisemitischen Tönen gefärbte DDR- Propaganda gegenüber Israel empfunden? Ein paar mehr Nachfragen hätte Walter Kaufmanns beeindruckende Lebensgeschichte verdient. Peter von Becker

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