„Ich schrieb damals jede Woche einen Plauderbrief“. Der Kritiker und Feuilletonautor Alfred Kerr (1867 - 1948). Foto: mauritius images / The History C
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Feuilletons von Alfred Kerr Vier Bände, 3000 Seiten – eine Sensation

Der große Theaterkritiker Alfred Kerr traf Bismarck, sinnierte über Erfindungen und kommentierte das Berliner Leben. Neu entdeckte Feuilletons geben Einblick in sein Denken. Ein Vorabdruck.

Was hier vorliegt und kommende Woche in vier Bänden mit über 3000 Seiten in die Buchläden kommt, ist eine Sensation. Dreitausend bislang unbekannte Seiten aus der Feder, aus der Schreibmaschine Alfred Kerrs. Aufgefunden in polnischen Archiven als lange vergessene oder verschollen geglaubte, vom Vergilben oder endgültigen Zerfall bedrohte Zeitungsblätter.

Es sind keine Theaterkritiken. Alfred Kerr gilt ja bis heute als Deutschlands berühmtester Schauspielkritiker. Dieser Ruhm aber des gebürtigen Breslauers und gewordenen Berliners, der 1933 mit seiner Familie vor den Nazis ins französische und dann englische Exil fliehen musste und bei einer kurzfristigen Rückkehr 1948 mit fast 82 Jahren in einem Hamburger Krankenhaus gestorben ist, dieser Ruhm hat Kerrs weit übers Theaters hinausgreifende Talente sehr überstrahlt.

Erstmals geändert wurde dieses Bild durch die Entdeckung seiner für die „Breslauer Zeitung“ fünf Jahre lang über Ereignisse der Berliner und deutschen Zeitgeschichte verfassten „Briefe aus der Reichshauptstadt“.

Sie hatte der langjährige Kerr-Herausgeber Günther Rühle 1997 als erstaunlichen Fund präsentiert. Und mit dem emphatischen Lobpreis damals von Marcel-Reich-Ranicki, der sich selbst als „Kerrl“ im Reich der Literaturkritik sah, wurde A. K. sogar posthum nochmal zum Bestsellerautor.

Jetzt geht es um seine zweite, viel umfangreichere journalistisch-literarische Korrespondenztätigkeit. Von 1897 bis 1922 schrieb Kerr im fleißigen Nebenberuf auch regelmäßige Feuilletons für die „Königsberger Zeitung“, ein Blatt in der einstigen Kant-Stadt am nordöstlichen Ende des Reichs.

Er war ein Hellseher

Ihre Wiederentdeckung erscheint am kommenden Mittwoch im Göttinger Wallstein Verlag unter dem Titel „Berlin wird Berlin. Berichte aus der Reichshauptstadt 1897-1922“, herausgegeben und vorzüglich kommentiert von der Kerr-Biografin Deborah Vietor-Engländer (4 Bände im Schuber, 128 €.).

Was dabei als „Plauderbriefe“ daherkommt, ist eine Wucht. Schon bei den Beiträgen für die „Breslauer Zeitung“ bewunderte man die quicklebendige Neugier eines erzählenden Flaneurs, der die ganze Welt als Bühne, als Schauplatz einer Comédie humaine wahrnahm. Mit Gassenhauern und Fracksausen, mit Künstlern, Kellnerinnen, Diven und Gangstern, mit Spitzenpolitikern (ein toller Besuch bei Bismarck), Alltagsszenen, politischen Spitzen.

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Und dies alles jetzt noch einmal zum Kosmos und zum Anbruch und Aufbruch der Berliner Moderne geweitet. Dabei war Alfred Kerr auch Poet, ein glänzender Reiseschriftsteller, Reporter, Essayist und, wie man in den neuen Bänden erfährt, nicht nur hellsichtig. Sondern ein Hellseher.

Kerr, der Prophet: Man lese und staune in den hier abgedruckten Texten, wie der Meister vor über hundert Jahren das Fernsehen, das Bildschirmtelefon und Formen des Internet voraussagt. Mit Folgen auch für das Theater oder die Zeitungen. Zudem ein Aufruf zur staatlichen Förderung von Künstlern in Krisenzeiten. Lauter geniale Geistesblitze. Peter von Becker

Landestrauer, 1901

Zwei leuchtende Züge ihres Wesens treten aus dem Bild hervor: ihre tapfere Güte und zugleich ihre Neigung zur Kunst. Grade die Künstler sind aber durch den Tod der Herrscherin in einen Leidenszustand versetzt worden, (…) denn in Folge der angeordneten Landestrauer sind zehntausend Musiker, Schauspieler, Sänger und wer sonst diesen Berufen nahe steht, zu Geldverlusten, wenn nicht zum Verlust der Existenz gebracht worden.

Es ist schmerzlich, am offnen Sarge solche Fragen erörtern zu müssen, aber (…) man fragt doch: warum sollen gerade diese zehntausend Bürger, die nicht immer glänzend gestellt sind, in der allgemeinen Trauer wirthschaftlich leiden? Wenn der Staat verlangt, daß Theatervorstellungen und Konzerte eine Woche hindurch nicht stattfinden, so wäre es nur billig, wenn er den Ausfall ersetzt; und vielleicht gewährt das Parlament nachträglich die Mittel. (…) Stört man denn unsere Trauer durch die Darbietung einer Beethovenschen Sinfonie, eines Goetheschen Dramas? Ich glaube nicht.

Neue Wunder, 1905

So muß man die Beschaffenheit neuer Erfindungen klarmachen (…) - denn selbstverständlich läßt sich von nun ab ein Stenogramm telegraphisch übermitteln, sodaß in der Stunde zweitausend Worte gedrahtet werden können, falls sie (mit präparierter Tinte auf präpariertem Grunde) stenographiert sind. (…) Das stark beschleunigte Telegraphieren steht hier am Anfange der Entwickelung … aber an ihrem Ende steht – das Fernsehen. Wenn das Fernphotographieren soweit vollendet ist, daß es mit schwindliger, glatter spielender Schnelligkeit erledigt werden kann, so ist nur noch ein kleiner Schritt bis zum kinematographischen Reproduzieren eines Menschen oder eines Vorgangs auf drahtlichem Wege. (…)

Die Fachleute malen bereits aus, wie beim Telephonieren dann zugleich das Bild des Sprechenden mit allen seinen Bewegungen am Telephon sichtbar werden wird. Auch dies ist ein neues Mittel, um die Wahrheit stärker in der Welt zu verbreiten. Telephonschwindeleien werden unmöglich, denn man kann, wenn jemand sagt: „Hier Katz“ kalt und verweisend antworten: „Sie sind ja gar nicht Herr Katz.“ Der Schurke ist entlarvt… Das nächste Stadium der Entwickelung ist, daß man die Platte herauszieht, auf der seine Züge durch ein chemisches Verfahren fixiert bleiben, - so hat man gleich die Unterlage für den Steckbrief. Dir wird es besorgt werden, Schuft!

Andrerseits darf und kann eine Gattin verlangen, wenn ihr Mann auf Reisen ist, daß er immer Morgens mit ihr telephoniere, - damit sie sich überzeugt, wie er aussieht. Umsonst wird er der Stimme einen „blühenden“ Klang geben - sie sieht ja doch sein Jammerantlitz! Und so arbeitet (… die neue Technik) für die Festigung der Familie, welche die Grundlage aller menschlichen Kultur bildet.

Die Zukunft des Kientopps, 1908

Lebendiges Leben, tausende Meilen von uns und lebendig hierher gezaubert. Als ich das sah, blitzte mir der Gedanke auf: das heutige Theater wird vielleicht eines Tages versinken, und an seine Stelle werden wundersam verfeinerte Kientöppe treten. Wenn erst die farbige Photographie vervollkommnet ist! Dann wird man in den Schauspielhäusern (wer weiß, welche Amerikanisierung die Welt vor sich hat) das wirkliche Leben statt des nachgeahmten Lebens bringen, den Leuten vorsetzen, ihr Staunen erwecken. (…) Aber es ist möglich, daß der Kientopp das Theater nicht ergänzt, sondern verdrängt. Wenigstens in den Schatten stellt. (…)

Nicht nur dem Theater droht alsdann eine Gefahr, auch die Zeitungen werden umsatteln müssen. Ein Bericht über die Hochzeit des Königs von Spanien wird dann nicht mehr in Worten gemeldet, die fünf Stunden nach dem Fest gesetzt werden, - sondern das Ganze verfolgt man im Bilde fast zur selben Zeit, wo es geschieht, mit allen Bewegungen, allen Grammophongeräuschen.

Und dann wird man ein Billett für die heut' Abend stattfindende Hochzeit des Infanten lösen. Oder für die Krönung des neuen Papstes. Oder für die heut' Mittag stattfindende Wahlschlacht in New-York. Und dieses wirkliche Leben wird vielleicht das Theater an die Wand quetschen. Und was soll ich dann anfangen, der ich Kritiker gelernt habe?

Weihnachten 1909

Kinder, Kinder, es wird uns noch herrlich ergehn, das ist höchstwahrscheinlich; ich wünsche, daß ich es erlebe, zweitens aber zugleich, daß es nicht vor dem Jahr 1957 erfolge. (Anm: Kerr wäre dann 90 Jahre alt geworden) … Ich möchte riesig gern dabei sein, am Abend eines ausgiebigen und wohlangewandten Lebens. Als edler Greis im Silberbart komm' ich dann herangekrochen und äußere: „Tja, liebe Jugend, wir Ur-Jahrgänge haben noch die Vorbereitungszeit miterlebt, die herrliche Zeit der Spannung, wo man fühlte, daß etwas in der Luft lag, und doch neugierig war, wie es werden würde. Tja, liebe Jugend, Ihr schliefet noch im Zeitenschoße - dunnemals, es war im Jahre 1909, ich schrieb damals jede Woche (fast jede) einen Plauderbrief an das Königsberger Blatt, das bereits zu dieser Zeit über vierzigtausend Abonnenten besaß. (…)

Tja, das waren Tage, förmlich zusehends wurde Deutschland reicher; etwas Emporsprossendes, ein toller Frühling mit allem Blühenden (und auch Ausschlagenden) regte sich rings, man hatte das Bewußtsein, vor gewaltigen Wendungen zu stehn, Ihr habt das alles in die Wiege gelegt bekommen, wir aber haben es reifen sehn, wir haben die Jahre der Erwartung durchharrt, wir haben die entscheidenden Kämpfe miterlebt, (…) es war damals, um 1909, ein merkwürdiges Jahr.

Ich erinnere mich noch, als ob's gestern gewesen wäre, was die Damen in Berlin trugen; eine sogenannte Turban-Frisur, etwas höchst Ulkiges, wenn Ihr sie sähet; so was Hochgestapeltes und Ringsherumgelegtes, dazu trugen sie Russenmützen, aus Pelz mit Samt, aus Pelz mit Seide, - und ganz flache Muffs, gewissermaßen platte Mufftaschen. Ihr lacht, es hat aber doch mancher gut gestanden; ich kann Euch sagen, verteufelt gut. Ihr werdet mir's ja heute nicht glauben, aber damals hat unsereiner manchmal allerhand Holdes im Schatten einer Turban-Frisur, mit Erlaubnis zu sagen, genossen.

Na, lang ist's her. Und dann war es das Jahr, wo der Nordpol von zwei Leuten (einer war allerdings dabei zuviel) erfunden wurde. Und dann flogen die Menschen in Deutschland zum ersten Mal ohne Gas durch die Luft. Heute, wo jeder Portier seinen Eindecker besitzt, kommt Euch das nicht merkwürdig vor, damals war es immerhin ein Ereignis. Heute seht Ihr am Telephon den Menschen, der mit Euch spricht; Ihr geht kaum noch ins Theater, sondern laßt Euch das alles für das Auge wie für das Ohr drahtlich übertragen; die besseren Zeitungen vermitteln sogar im Depeschensaal jede Hochzeit, jede Krönung, schlimmstenfalls auch einen Bombenkrawall sofort kinematographisch, dafür ist durch Drähte gesorgt, - aber damals begann das Fernsehn erst in ein leidliches Stadium zu rücken. (…)

Dies alles zu erleben, bin ich fest entschlossen. Aber wer diesen Brief liest, der soll es miterleben. Jeder ohne Ausnahme, bis 1957, darunter tu ich’s nicht. Und mit dieser Zusicherung wünsch' ich allen ein doppelt glückseliges Fest.“

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