Komm, oh süßer Nachtgedanke. Emily Dickinson (Hailee Steinfeld) beschriftet, was sie an Zetteln auftreiben kann. Foto: Apple TV
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Fetziger als ein Biopic: die Serie "Dickinson" auf Apple TV Hipper dichten

Freche Kostümfilme sind in: Die Serie „Dickinson“ vermischt Pop, Komik, Feminismus und das Leben der großen Lyrikerin Emily Dickinson.

Fünf Zeilen reichen, um eine Sommerwiese erblühen zu lassen. Zumindest, wenn einem der lyrische Zauber einer Poetin zur Verfügung steht.

Davon spricht eine Miniatur, die als „Gedicht des Tages“ auf der Internetseite des Emily-Dickinson-Museums in Amherst/Massachusetts steht. „To make a prairie it takes a clover and one bee / One clover, and a bee. / And revery. / The revery alone will do, / If bees are few.“ Klee, Biene, Träumerei – und schon ist Wiese. „Auch Träumerei allein genügt / Wenn keine Biene fliegt.“

Dramödie einer feministischen Rebellin

Auf dieses feinsinnige Poetinnen-Konzept will sich Alena Smith in der Pop-Version ihres Bildnis einer Dichterin lieber nicht verlassen. Sie pimpt die für Apple TV produzierte Serie über die Jugendjahre der 1830 in einer angesehenen Puritaner-Familie geborene Emily Dickinson fröhlich als Dramödie einer feministischen Rebellin und romantischen Lesbe auf.

Umgeben von einer Familie eigenwilliger Charaktere und einer Hipster-Gang, die sich – im als prüde verschrieenen Neu England des 19. Jahrhunderts – mit Partys, Scharaden und Séancen amüsiert.

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Und afroamerikanischen Dienstboten, die bei ihren jungliberalen Herrschaften am Vorabend des Sezessionskrieges einen lockeren Stand haben und nebenbei die eigene Emanzipation vorantreiben.

Ein frisches Kostümbild-Szenario also, dass sehr unterhaltsam auf College-Absolventinnen schielt. Genau die fühlen sich auch vom Alles-bloß-nicht-bieder-Touch von Historienserien frechen Stils wie „Gentleman Jack“ (HBO) und „Bridgerton“ (Netflix) angezogen.

Mit jener bonbonfarben ausgestatteten und „colourblind“ besetzten Gesellschaftskomödie im Turbo-Jane-Austen-Stil teilt „Dickinson“ auch die freimütige Thematisierung der Menstruation, die in diesem parfümierten Genre sonst schamhaft unter Reifröcken verborgen bleibt.

Mit der verzweifelten Biografie einer Frau, die zwar materiell abgesichert war, der aber schriftstellerische Ambitionen verwehrt wurden, wie es 2016 Terence Davies im Biopic „A quiet Passion“ erzählte, hat „Dickinson“ nichts zu tun. Dann schon mehr mit der Komödie „Wild Nights with Emily“, in der Madeleine Olnek 2018 die – zumindest im Film – nicht nur in Briefen und Gedichten gelebte Liebe Dickinsons zu ihrer Lebensfreundin Sue thematisiert, die nun auch in Alena Smiths Serie viel Raum einnimmt.

Obwohl Sue (Ella Hunt) in der gerade angelaufenen zweiten Staffel als Ehefrau von Emilys naivem Bruder Austin (Adrian Blake Enscoe) etwas mehr in den Hintergrund rutscht. Die zehn halbstündigen Episoden sind – wie in der 2019 herausgekommenen ersten Staffel – mit Gedichten überschrieben. Das setzt bei Titeln wie „Fame is a Fickle Food“ oder „The only Ghost I ever saw“ Wallungswert frei.

Thoreau, der Blender, liebt Kekse mehr als Bäume

Apropos Geister. Die verfeinerte Wahrnehmung und feurige Schwärmerei der Dichterin für die metaphysische Welt beschert „Dickinson“ in der knackigeren ersten Staffel manchen Gag. Etwa als Emily, die Hailee Steinfeld mit selbstbewusster Ernsthaftigkeit verkörpert, nach Walden reist, um ihr Idol Henry David Thoreau als Unterstützer zu gewinnen.

Und zwar im Kampf um ihren Lieblingsbaum, den Vater Dickinson dem Eisenbahnbau opfern will. Der Blender Thoreau interessiert sich in seiner von Fans überschwemmten Waldeinsamkeit aber mehr für Kekse als fürs Bäume retten und bekommt täglich die von Mutti gewaschene Wäsche gebracht.

Sexy Gruseldates mit dem Tod

Da ist Emilys Romanze mit dem Tod (Whiz Khalifa), die sie im Gedicht „Because I could not stop for Death“ verewigt, schon dauerhafter: Immer wieder holt der Tod die plötzlich in sündiges Rot gewandete Poetin in einer Kutsche mit Geisterschimmeln zu sexy Gruseldates ab. Die Séance, die Emily und ihre freizügige Schwester Lavinia (Anna Baryshnikov) mitsamt Clique abhalten, weil das im 19. Jahrhundert schwer in Mode war, taugt allerdings nur für Slapstick statt Zauber.

Wie in der zweiten Staffel der Entwicklungsgeschichte, die – anders als die erste – rein fiktiv ausfällt und keine wahren Begebenheiten aus Dickinsons Leben mehr verarbeitet, überhaupt die Komik die Tragik überwiegt. Zum Beispiel wenn Dickinsons Mutter (Jane Krakowski), die stets um die Verkupplung ihrer Töchter bemüht ist und Emily wegen ihres mangelnden Talents für Hauswirtschaft für „nutzlos“ hält, sich mit ihrem sexuell erschlafften Gatten ein Frustduell liefert, nachdem er beim Vögel beobachten in ein Erdloch gefallen ist.

Herzen und Hauben. Emily (Hailee Steinfeld) und Sue (Ella Hunt) sind mehr als beste Freundinnen. Foto: Apple TV Vergrößern
Herzen und Hauben. Emily (Hailee Steinfeld) und Sue (Ella Hunt) sind mehr als beste Freundinnen. © Apple TV

Stil und Sound sind betont heutig und sichtlich von Baz Luhrmans „Romeo und Julia“ und Sofia Coppolas „Marie-Antoinette“ inspiriert: Den Sound liefern Popsongs, Hip-Hop-Balladen und Elektrobeats. Die Jungs begrüßen sich schon mal mit „Bro“ und „Yo“.

Und die aufgekratzte Lavinia bejubelt Sue, deren Soiréen in ganz Neu England berühmt sind, als Influencerin. Deren witzig klischierte Follower sind allerdings analog. Die Amherser Hipster-Clique verfügt sogar über einen japanischstämmigen Homosexuellen.

["Dickinson", Staffel eins und zwei, laufen auf Apple TV, die neue Episode der zweiten Staffel kommt jeweils freitags]

Die Mühen der Schöpferkraft gleichen in „Dickinson“ einem Spaziergang, verglichen mit der Unmöglichkeit für eine Frau von Stand, publizieren zu dürfen. „Die Gedichte kommen zu mir“, erzählt Emily einem Verleger, dem Zeitungsmann Sam Bowles, der sich mehr für den Flirt mit dem jungen Genie als für dessen Gedichte interessiert.

Das „Zimmer für sich allein“, dass Virginia Woolf Jahrzehnte später für Frauen fordert, um konzentriert Literatur zu schreiben, besitzt Emily. In späteren Jahren wird sie es kaum noch verlassen. Nächtelang kritzelt sie Poem um Poem auf jeden Papierfetzen, den sie im Haus auftreiben kann und näht sie in einem trotzigen Akt des Aufbegehrens gegen den Vater zu „Büchern“ zusammen.

Leuchtend animierte Verse ziehen durchs Bild

Immer wieder ziehen leuchtend animierte Verse, begleitend von Dichterinnengemurmel durch das Bild, was als Methode, Interesse für Dichtung über die Figur der Dichterin und die Aura gesprochener Poesie zu wecken, durchaus taugt. Immer eingedenk, dass die wahre Emily Dickinson und ihr tatsächliches Schreiben mit diesem Kintopp-Klischee sicher kaum was zu tun hat.

Umso realer und schärfer wirkt Emilys vom Vater befohlenes Publikationsverbot. Kontrastiert wird es von den Rotationen der wie Pilze aus dem Boden schießenden Tageszeitungen und der Druckerpresse, die sich sogar der schwarze Kutscher Henry, gedeckt von Emilys Bruder Austin, für seine Abolitionismus-Schriften besorgt.

Ich bin Niemand, wer bist Du?

Stets redet Sue mit glühender Emphase auf Emily ein, um deren nagende Selbstzweifel zu beschwichtigen. Und ein bleicher junger Mann, den Emily halluziniert, fragt sie: „I'm nobody! Who are you?“ In der Serie fällt Emily die Antwort – eine Schriftstellerin! – immer leichter.

Im gleichnamigen zweistrophigen Gedicht klingt es subversiver: „How dreary to be somebody! / How public, like a frog / To tell your name the livelong day / To an admiring bog!“ Da ist es dem lyrischen Ich zu öde, den eigenen Namen wie ein Frosch in den Sumpf zu rufen. Bis zu ihrem Tod 1886 hat die Frau, die heute zu den bedeutendsten Lyrikerinnen der USA zählt, nur sieben ihrer knapp 1800 Gedichte veröffentlicht.

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