Boygroup. Das Vision String Quartet spielt auswendig und im Stehen. Foto: Tim Kloecker
© Tim Kloecker

Festival für junge Klassik Das Vision String Quartet bei Young Euro Classic

„Drama und Poesie“ lautet das Motto für die jungen Wilden vom Vision String Quartet. Sie spielen ein Konzert von feinnerviger Expressivität.

Drei Plätze leer, zwei Plätze besetzt, immer im Wechsel, die Stuhlreihen auseinandergezogen: Gewöhnt man sich an diese seltsame Art von notgedrungen schütter besuchten Konzerten, bei denen man zwischen den Sätzen die Saallüftung brummen hört und doppelt so kräftig applaudieren möchte, damit der Zuspruch der Wenigen nicht so arg leise klingt?

Das Vision String Quartet macht solches Unbehagen vergessen, so lässig, wie diese Streicher-Boygroup Schumanns A-Dur-Streichquartett op. 41 Nr. 3 interpretiert. Wie immer spielt das auch im Jazz und Pop erprobte Ensemble im Stehen (außer dem Cellisten Leonard Disselhorst natürlich) und ohne Noten.

Der fragende, zögerliche Gestus der fallenden Quinte zu Beginn gibt den Ton für das gesamte Werk vor, das von nervösen Tremoli, Off-Beats und Agitato-Trotzphasen durchwirkt ist. Selbst der turbulente Auftakt des Schlusssatzes wird gleich wieder ausgebremst. Im Fluss der Zeit lauern Strudel und Gegenströmungen.

Die jungen Wilden der alten Gattung Quartett? Das PR-Label passt bei diesem „Young Euro Classic“-Programm mit dem Motto „Drama und Poesie“ nicht recht zum Vision String Quartet (Jahrgänge 1990 bis 1994). Dafür waltet zu viel Eleganz.

Die vier musizieren ungemein homogen und doch dialogisch, wenn sie die Partitur mit leichter Hand und feinnerviger Expressivität sezieren. Der schlanke Ton, das seidige Timbre der Geigen – Jacob Encke, Daniel Stoll und der Bratscher Sander Stuart – wird von Akzent-Tupfern aufgelockert. Der scherzohafte Variationssatz kreiselt rasend auf der Stelle, und am Ende macht die Musik sich kurzerhand davon. Die Coda als Fluchtbewegung.

Eine tönerne Umarmung

Wir sind übrigens im Hause Schumann, mit Werken von Clara und Robert sowie von Johannes Brahms, dem Hausfreund und späteren Clara-Liebhaber. Unter den Absolventen der UdK, die in der ersten Hälfte des Konzerthaus-Abends Capriccios, Romanzen, Gesänge und ein virtuoses Adagio und Allegro für Horn (Aaron Seidenberg) und Klavier (Yui Fushiki) zu Gehör bringen, sei vor allem die formvollendete Anmut von Johanna Pichlmairs Violine genannt.

Und die Mezzosopranistin Verena Tönjes. Mit Brahms’ „Gestillter Sehnsucht“ und dem „Geistlichen Wiegenlied“, dem die Bratscherin Hwayoon Lee und Guillaume Durand am Flügel das Weihnachtslied „Josef, lieber Josef mein“ unterschieben, sorgt sie für Hochspannung im Saal. Eine tönerne, innig-dramatische Umarmung, man nimmt sie gern hin.

Schön übrigens, dass der Deutschlandfunk Kultur den Studierenden eine Live-Übertragung zutraut.

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