"Ich bin jetzt selbstständiger Prekariatshilfsarbeiter"

Fehlfarben „Ich bin Gebrauchslyriker“

Haben Sie beim Texten das Gefühl: Dieses Lied muss ich jetzt schreiben?

Nein, die Lieder hat die Band ja schon geschrieben, und da müssen Texte drauf. Das ist alles, was ich muss. Da sind Rechnungen zu bezahlen, weil Studiozeit gebucht wurde. Ich mache Gebrauchslyrik. Ich kann ja auch nichts dafür, dass sich in 30 Jahren nichts tut und es letztlich egal ist, aus welchem Jahr ein Text stammt. Eigentlich hatten wir ja die Idee: Wir machen das wie in Jamaika, wo immer wenn etwas passiert ist, eine neue Reggae-Single erschienen ist. Jede Woche, statt „Bild“-Zeitung.

Jetzt gibt es das Internet.

Ja, aber das Schöne an Singles ist ja auch, dass man was in der Hand hat. Theoretisch hätte ich nichts dagegen, jede Woche einen Song ins Netz zu stellen. Allerdings müsste das jemand für uns machen, weil wir das technisch nicht können. Auf der anderen Seite frage ich mich natürlich, warum man sich noch die ganze Mühe macht mit einem Album plus Heftchen und Digi-Pak, wenn das sowieso keiner kauft. Es dient eigentlich nur noch dazu, dass man es Konzertveranstaltern hinhält und sagt: Schau mal, es gibt ein neues Produkt, buch uns bitte, wir wollen spielen.

Wie ist es mit Ihrer persönlichen ökonomischen Situation? Sie hatten ja seit Ihrer Lehrlingszeit einen festen Job beim Kopiererhersteller Rank Xerox in Düsseldorf und wurden 2003 wegrationalisiert.

Ich bin jetzt selbstständiger Prekariatshilfsarbeiter, mache Büroarbeiten, ein bisschen Buchhaltung. Mit meinem alten Job, Logistik und EDV-Service, hat das nichts zu tun.

Die Arbeitswelt thematisieren Sie auf dem neuen Album unter anderem in dem Song „Arbeitsagentur“. Verarbeiten Sie darin eigene Erfahrungen?

Nein, nicht nur. Ich kenne inzwischen fast niemanden mehr, der mit denen noch nichts zu tun hatte. Es ist immer persönlich und allgemein. Man muss ja nur in die Zeitung schauen und schon fallen einem die Themen ein.

Uns ist aufgefallen, dass Sie ganz schön Berlin-feindlich sind. „Überflüssige Stadt“ haben Sie uns mal genannt. Entspringt das ihrer grundsätzlichen Dagegen-Haltung?

Berlin ist ja gar keine richtige Großstadt, sondern nur lauter aneinandergereihte Dörfer mit riesigen Wiesen und Brachen dazwischen. Da muss man die ganze Zeit nur fahren. Ich bin ja oft hier gewesen, auch zu Mauerzeiten. Damals war das schon total aufregend, aber trotzdem irgendwie scheiße.

Sie waren eine Zeit lang als Biertester unterwegs. Wie ist die Bierlage in Berlin?

Trübe wie immer. Charlottenburger, Engelhardt und Schultheiss sind seit jeher furchtbar.

Trotzdem trinken Sie gerade ein Schultheiss.

Ich hatte keine Wahl, die haben hier sonst nur Weißbier. Wahrscheinlich liegt es einfach am Berliner Wasser, dass das Bier so schlecht ist.

„Xenophonie“ erscheint bei Tapete Records. Konzert: 24. Mai, 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg.

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