Schlange vorm Kartenschalter: Das International zählt zu den beliebtesten Premierenkinos der Berlinale. Foto: Andreas Teich/Berlinale
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Februar ohne Berlinale (2) Das Warten gehört zum Filmfestival wie zur Stadt

Eigentlich sollte gerade die Berlinale stattfinden. Wir verkürzen das Warten aufs Publikumsfest im Juni, erinnern uns - und empfehlen Berlinale-Filme.

Es geht nicht anders, die Berlinale fällt erstmal aus. Keine tollen Tage wie geplant vom 11. bis 21. 2., kein Kino satt, keine Stars. Stattdessen hier die schönsten, verrücktesten Festivalerinnerungen. Heute: die Warteschlangen.

Berlin bleibt auf Eis gelegt – Zeit, im Kopf auf eine Weltreise zu gehen, die einem das Herz erwärmt. Mit eigenen Augen unbeobachtet um fremde Ecken lugen, um Menschen zu erblicken, die in der Ferne nahe gehen, und Träume, wie ein anderes Leben im eigenen aussehen könnte. Um laut und leise zu lachen, und ja, mit anderen zu weinen. Auch im Traurigen ist die Berlinale schön.

Wie das schon losgeht: Filmprogramm scrollen, mit Freundinnen und Bekannten diskutieren, welche Filme aus dem nahen und fernen Osten, dem wilden und dem milden Westen man sich angucken muss und welche bestimmt nicht – obwohl man nur Filmbeschreibungen kennt, die das Festival seinem begierigen Publikum in die App hineinwirft wie wir Brotkrumen den aufgeregten Spatzen im unaufregenden Berliner Winter.

Dann endlich: in der Schlange stehen, mit Freunden Tauschrunden drehen, Bekanntschaften sehen, auf Glück eine Zweitkarte erstehen, mittags in eine Doku mitgehen und aus dem Nichts eine Überraschung sehen, die alles bedeuten kann für einen Moment. Und die im Kopf bleibt jahrelang – zum Nachdenken über unsere große Welt, die wir Menschen immer kleiner machen. Und die wir mit großen Augen neu entdecken können. Im Kino.

Die Berlinale trägt das Berlin im Namen, weil sie wie Berlin ist – in freundlich. Offen zur Welt hin, öffentlich in jedem Kiez. Auch in kleineren Kinos schlängeln sich die Menschen aneinander entlang, wärmen sich beim Warten, denn Warten gehört zur Berlinale wie zur Stadt, die nur im Unvollkommenen vollkommen bei sich ist.[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können. ]

Im Kopf auf Weltreise

Und so steht man rumchen, unterhält sich mit Fremden über gerade gesehene Dramen und lacht über die höchstens zwei Komödien, die die Berlinale pro Jahr zu bieten hat – zu ausgelassen wollen wir ja nicht werden im Berliner Frost-Februar. Und dann jedes Jahr die gleiche Überraschung: Die Jugendreihe „Generation“ ist wieder die überraschendste. Weil hier die Augen weit geöffnet sind – neugierig auf die Welt da draußen, die sich nur in einem Drinnen verändern lässt. Auch im Mutigen ist die Berlinale schön.

Berlin bleibt auf Eis gelegt, gerade in diesem Jahr – Zeit, im Kopf auf eine Weltreise zu gehen, die einem das Herz erwärmt. Die Augen bleiben dabei geschlossen; wie die Kinos, in denen sie sonst Träume entdecken und Tränen verdrücken. Irgendwann gleich sehen wir uns wieder in die Augen. In der Schlange der Berliner Winterträume. Ich stell mich schon mal an.
BERLINALE-FILMTIPP
„Undine“ von Christian Petzold (2020): Das Ober-Unter-Wasser-Berlin-Liebesmärchen mit Paula Beer war einer der begehrten Festivalfilme 2020. Wer ihn bisher verpasst hat, kann ihn ohne Schlangestehen bei Amazon, iTunes, Google Play und Magenta TV streamen. Zum Abtauchen in eine andere Welt, die in uns liegt.

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