Idris Elba wurde 2018 zum "Sexiest Man Alive" gewählt. Foto: Samir Hussein/WireImage
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"Fast & Furios"-Star und "Sexiest Man Alive" Sein Name ist Elba, Idris Elba

Zu „street“ für James Bond, dafür jetzt in „Fast & Furious“ zu sehen: Der Schauspieler hat das Charisma für ein Superhelden-Franchise.

Es muss sich verdammt gut anfühlen, Idris Elba zu sein. „Braucht Idris noch was?“ fragt die Frau vom Verleih vorsorglich, obwohl die Künstlerbetreuung eigentlich nicht zu ihren Aufgaben gehört. Doch darin liegt vielleicht das Geheimnis von Idris Elbas kometenhaftem Aufstieg in den vergangenen zehn Jahren: Die Menschen in seinem Umfeld spüren das Bedürfnis, alles dafür zu tun, dass es ihm gut geht. Mit Starallüren hat das nichts zu tun, obwohl sein Charisma für ein ganzes Superhelden-Franchise reichen würde. Das Besondere in seinem Fall ist, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht: Auch Idris Elba findet es wichtig, dass man sich in seiner Gegenwart wohl fühlt.

Darum hat er für Interviews in eine Kölner Strandbar geladen. Links fließt träge der Rhein, im Hintergrund läuft Dub-Reggae. So lässt sich trotz Hitze ein Arbeitstag in Hollywoods Werbemaschinerie ertragen. Idris Elba muss der Job immer auch Spaß machen. In seiner ersten Karriere trat er in Londoner Clubs als DJ auf. „Bier?“, fragt er zur Begrüßung. Er trinkt Wasser. Schwarze Chinos, weißes T-Shirt, auf dem Kopf eine rote Wollmütze: Auch modisch will sich Idris Elba nicht zwischen Urlaubs- und Arbeitsmodus entscheiden.

Nach Köln ist er für seinen neuen Film „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ gekommen, ein Spin-off der absurd erfolgreichen Boliden-Leistungsshow, deren neunter Teil nächstes Jahr anläuft. Im Prinzip die Sorte Kino, die man früher abschätzig „Sommer-Blockbuster“ nannte – wäre da nicht Elba als Superschurke Brixton Lore. Ein genetisch modifizierter Soldat, dem Dwayne ’The Rock’ Johnson und Jason Statham als Überläufer des „Fast & Furious“-Teams das Handwerk legen müssen. Elba und Johnson, das ist für Fans das Dreamteam im aktuellen Actionkino: Beide verkörpern das Spaß-Prinzip mit maximaler Professionalität.

„Wir haben viel gemeinsam“, meint Elba über die Dreharbeiten. „ Dwayne genießt das Leben, ist aber immer diszipliniert. Und er hat Humor. ’Hobbs and Shaw’ ist sehr männlich, oktanhaltig, mit viel Selbstironie. Beide Eigenschaften müssen wir Darsteller rüberbringen.“ In seinem demütigen Arbeitsethos klingt noch der Aufsteigerstolz eines Einwandererkindes an. Seine Eltern kamen Anfang der 70er aus Sierra Leone nach London. Auf seine Familiengeschichte ist Elba, der 1972 geboren wurde, so stolz, dass er sie gerade in der sechsteiligen BBC-Sitcom „In The Long Run“ erzählte.

Zum besseren Verständnis, wie Idris Elba in einer auf Verschleiß angelegten Unterhaltungsindustrie tickt, trägt „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ nur eine Facette bei. Ein weitere ist seine neue Netflix-Serie „Turn Up Charlie“, in der er einen in die Jahre gekommenen DJ spielt, der aus Geldnot die pubertierende Tochter seines besten Freundes babysitten muss. Oder sein Regiedebüt „Yardie“: die Verfilmung eines Bestsellers über einen jungen Jamaikaner, der im London der frühen 80er in den Drogenhandel einsteigt. Oder Elbas Gastauftritt im „Boasty“-Video des Grime-Rappers Wiley, in dem sein samtiger Bariton besonders zur Geltung kommt. Idris Elba hat das oberste Gebot des Showgeschäfts auf sich selbst angewandt: Du sollst dich nicht langweilen.

„Ich befinde mich in der glücklichen Situation, die Möglichkeit zu haben, mich künstlerisch auszuleben“, erklärt Elba seine Umtriebigkeit. „Meine Kreativität erfüllt mich. Ich bin intellektuell nicht dafür beschaffen, jeden Tag dasselbe zu machen.“ Was so leicht und anstrengungslos aussieht, auch wenn man Elba eine halbe Stunde lang gegenüber sitzt, ist das Resultat intensiver Arbeit. Schon mit 14 wollte er Schauspieler werden, mit 16 brach er die Schule ab. Aber die englische Filmbranche war ihm zu klein, darum ging er noch in seinen 20ern nach New York. „Amerika war hart“, erinnert sich Elba, „aber ich hatte dort mehr Optionen.“ So manche Nacht, erzählt er, musste er im Auto schlafen.

Sein Leben nahm eine 180-Grad-Wendung, als David Simon ihn Anfang der Nullerjahre in seiner HBO-Serie „The Wire“ besetzte. Eine Figur wie Stringer Bell hatte es im Serienfernsehen bis dahin nicht gegeben: ein Drogendealer, der den Hoodie gegen hautenge Kaschmirpullover tauscht und in der Abendschule Wirtschaftskurse besucht, um den Straßenhandel effizienter zu organisieren. „’The Wire’ war ein Meilenstein“, sagt Elba über die Serie, die auch seinen Kollegen Michael B. Jordan und Michael Kenneth Williams die Türen nach Hollywood öffnete.

Einem größeren Publikum wurde er als von seinen inneren Dämonen geplagter Ermittler John Luther in der gleichnamigen BBC-Krimiserie bekannt, von der es inzwischen fünf Staffeln gibt. Heute zählt Elba dank Rollen in „Star Trek: Beyond“, der Realverfilmung vom „Dschungelbuch“ (er spricht Shir Khan), in den „Avengers“-Filmen (als nordische Gottheit Heimdall) und der Stephen-King-Verfilmung „Der dunkle Turm“ zu den 20 kassenträchtigsten Darstellern in Hollywood. Vor einigen Jahren kursierten deshalb schon seriöse Gerüchte, er könne die Nachfolge von Daniel Craig als James Bond antreten. Geholfen haben dürfte auch, dass Elba – was in einem Artikel über ihn nicht unerwähnt bleiben kann – im vergangenen Jahr zum „Sexiest Man Alive“ gekürt wurde.

Aber Elba glaubt deswegen nicht, dass sein Leben so viel interessanter ist als das der anderen – er möchte uns bloß daran teilhaben lassen. „Ich will die Leute hineinziehen in mein weites Spektrum an Ambitionen“, grinst er und und beugt sich vor. Gerade habe er angefangen, Gitarre zu spielen. „Spielen Sie ein Instrument? Sollten Sie mal probieren.“

Das James-Bond-Kapitel ist für ihn bis auf weiteres abgeschlossen, er hat sich zu den Spekulationen nur ironisch auf Twitter geäußert. Trotzdem befindet er sich, nicht nur wegen der Frage, ob die Zeit vielleicht reif ist für einen schwarzen 007, mitten in einer aktuellen Debatte in der Filmbranche. Einige seiner größten Rollen – in „Avengers“ oder der King-Verfilmung – basieren auf weißen Figuren, Elba hat sie sich angeeignet. Mit der Bezeichnung „schwarzer Schauspieler“ ist er darum nicht einverstanden, für ihn ist mit dieser Kategorie bereits der Keim für einen strukturellen Rassismus gelegt. „Es würde mich nicht überraschen, wenn es Teil der menschlichen Evolution wäre, dass wir unsere Unterschiede irgendwann nicht mehr wahrnehmen. Das ist die zerstörerischste Komponente unserer Art. Tiere tun das nicht.“

Elba ist sich bewusst, dass es für ihn leicht ist vorzugeben, dass Hautfarbe als soziale und professionelle Kategorie keine Rolle spielt – zumindest, solange es sich nicht um eine nationale Institution wie James Bond handelt. Tausende von anderen Filmschaffenden können sich diesen Luxus nicht leisten, sie sehen sich täglich mit Ausschlussmechanismen konfrontiert. Darum war Elba 2016 Wortführer einer Initiative von Mitgliedern der britischen Film- und Fernsehindustrie, die sich für mehr Diversität stark macht. Er hielt vor dem Parlament eine Rede.

„Vielfalt bedeutet für mich auch eine Vielfalt von Gedanken und Geschichten. In der Filmindustrie beginnt man inzwischen zu hinterfragen, warum wir noch von ’schwarzen Schauspielern’ sprechen. Es geht mir darum, meine Branche zu ermutigen, Veränderungen einzuleiten. Auch der Anteil von Regisseurinnen und Kamerafrauen ist immer noch gering.“

Elba trägt mit „In The Long Run“ zu dieser neuen Vielfalt bei, er bereichert das britische Serienfernsehen um die sierra-leonische Perspektive. Die junge Autorin Michaela Coel erzählt in ihrer Sitcom „Chewing Gum“ zum Schreien komische Alltagsgeschichten von ihrer ghanaischen Familie. Dieses autobiografische Element zieht sich durch alle persönlichen Projekte Elbas – wie „Yardie“, der im Hackney der 80er Jahre spielt. „Ich habe meine ersten elf Jahre in Hackney verbracht, ‚Yardie' ist meine Postkarte aus dieser Zeit. Wir lebten in einem berüchtigten Sozialkomplex, dem Hollis Street Council Estate. Ich kann mich noch genau an meinen Schulweg erinnern.“ Mit 14 Jahren gehörte er zu einem Soundsystem, Reggae ist auch in „Yardie“ ein wichtiger Handlungsträger. „Das war die große Zeit der Piratensender, DJs waren unseren Helden.“

Es ist bezeichnend, dass diese Biografie in der Branche noch immer für Irritationen sorgt. Bond-Autor Anthony Horowitz meinte 2015, Elba sei „zu street“ für die 007-Rolle, dabei ist seine Bandbreite riesig: Er verkörperte bereits Nelson Mandela, in „Mollys Game“ spielt er neben Jessica Chastain einen Anwalt. Elba will sich auf kein Rollenmodell festlegen lassen. „Ich mag die Arbeit mit dem Körper, physische Präsenz ist mir wichtig. Darum geht es auch bei Brixton Lore: Meine Figur muss größer sein als ich. Aber ich sehe mich nicht als Actiondarsteller.“ Trotzdem legt sein charismatischer Auftritt in „Fast & Furious“ nahe, dass die Zeit für das erste eigenständige Franchise eines schwarzen Darstellers reif ist.

„Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ startet am Donnerstag in den Kinos. Die Recherche wurde von Universal Pictures unterstützt.

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