Unser Autor wundert sich, wo die Katzengoldigkeit des Sommers herkommt. Foto: jayden-so-O5_TOTids9M-unsplash.jpg
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Farben des Sommers (9) Katzengold

Peter von Becker

Der Sommer trickst mit Farben: heiße Tage, die sich rotschimmernd dehnen, falsche blaue Stunden und Katzengold.

Es gibt, anders als bei Fake News, auch die Sphären des wahren Falschen. Des schönen Scheins, wie in der Kunst, bei Dichtung und fiktiver Wahrheit. So ist der Sommer – und nicht bloß sein schwächerer Bruder, der mit dem goldenem Oktober über den grauen November täuschende Herbst, ein großer Farbenspieler. Aber eben auch: ein Spieler.

Ein Aufschneider, Trickser, Bluffer. Denn die schönsten Sommerfarben sind im Grunde meist Fehlfarben. Wunderbare Illusionen. Jene warmen, nicht überheiß und schwül lastenden, vielmehr seidig heiteren Tage, die sich manchmal wie endlos zu dehnen scheinen in die lange, erst langsam vergehende Dämmerung. Bis hin zur blauen Stunde, die ihrerseits mit dem letzten Erlöschen des Tages in die halbe graue Stunde wechselt. Das ist die leise Ernüchterung – wenn die erst noch vom Sonnenuntergang rotgoldene, dann nur noch abendhimmlisch dunkelblaue Färbung für eine kurze Weile ganz steinern wird.

Inszenierungen der Illusion

All diese Farbenspiele sind auf unserer Netzhaut Inszenierungen der Illusion, chromatische Gaukeleien. Luft- und Lichttheater. Dessen oft kürzester, aber farbenreichster Akt ist dabei der Regenbogen. Eine hübsche Chimäre aus einem Wolkenguss und dem sich in den Wasserstrahlen brechenden Sonnenschein. Wobei der Bogen auf archaische Weise den Eindruck der allgemeinen großen Rundung der Erde, der Planeten, des Sternenalls nachspielt.

Blau ist die blaue Stunde so wenig, wie es die blaue Blume der Romantik gibt. Es geht eher um die Melancholie und Sehnsucht, auf die im Italienischen und im berühmten Lied von Adriano Celentano „Azzurro“ anspielt. Oder im Blues. Die reizvollen Farben, die wir mit dem Sommer assoziieren, sind also doppeldeutig, und selbst die auratischste aller Farben, die des Goldes, ist trügerisch. Steigt doch der Sommervollmond überm Horizont erst als rotgoldener Ballon auf, um bald zum Silberglanz zu werden.

Was haben Katzen mit dem Katzengold zu tun?

Der Sommer, so er nicht als Hitzehölle erlebt wird, erinnert immer auch an den Traum vom „Goldenen Zeitalter“: als die wärmste, wertvollste, sinnlichste Jahreszeit. Doch sie ist auch: katzengolden. Das ab1854 erschienene „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Grimm nennt neben dem Katzengold noch „Katzenglimmer“, „Katzenminze“ oder „Katzenglaube“, damit solle „das Falsche, Unechte bezeichnet werden“. Wikipedia verweist bei Katzengold auf das glitzernde Mineral Pyrit, auch Narrengold genannt. Aber was haben gerade die Katzen damit zu tun?

Ich habe dazu nur eine Vermutung. Denn auch um unser italienisches Sommerhaus streichen jedes Jahr die südlichen Katzen, eine sieht aus wie ein schwarzer Panther, und die Gefährtin ist gerade dick und leuchtet rotgolden. Aber von Sommer zu Sommer wechselt sie ihre Gestalt, katzenschlank, katzenfett, verkatert oder verkatzt. Doch immer rotgolden. Wie Sonne und Mond.

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