Ikonisch. Das Bild des toten Alan Kurdi wurde zum Symbol für die humanitäre Notlage im Sommer 2015. Foto: Nilüfer Demir / AFP
© Nilüfer Demir / AFP

Ertrunkener Flüchtlingsjunge Streit um Alan Kurdis Andenken

Das Bild des ertrunkenen Jungen Alan Kurdi wurde zum Symbol für das Flüchtlingsdrama. Nun wird seine Geschichte verfilmt – gegen den Willen der Familie.

Die schwarzen Haare kleben am Kopf. Das Gesicht ragt in die Wellen. Die Arme liegen schlaff im Sand. Die Haut ist blass, das rote T-Shirt leuchtet umso stärker. Das Bild eines kleinen Jungen. Das Bild eines Toten. Es ist ein Werbeplakat für einen Film namens „Aylan Baby“. Ein in seinem Schrecken vertrautes Motiv.

Am frühen Morgen des 2. September 2015 ertrinkt der zweijährige Alan Kurdi vor der türkischen Küste. Die türkische Fotografin Nilüfer Demir schießt das Foto. Es wird zum Symbol für das europäische Flüchtlingsdrama. Der leblose Körper. Die nassen Haare. Das Gesicht in den Wellen.

Angeblich hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Sagt Omer Sarikaya, der Regisseur. „Mein Film dreht sich nicht um Alan Kurdi“, ruft der türkische Künstler energisch ins Telefon. Sarikaya nimmt sich den Raum, den er braucht. Im Gespräch wie beim Filmemachen. Und beruft sich auf die Kunstfreiheit.

Als Alan Kurdis Vater Abdullah das Filmplakat zum ersten Mal sieht, als er zum ersten Mal von dem Projekt erfährt, das den Namen seines Sohnes im Titel und dessen Bild auf dem Poster trägt, ist er entsetzt. So erzählt er es am Telefon. Es gibt weder im Deutschen noch im Arabischen ein treffendes Wort für das, was gerade in Abdullah Kurdi vorgeht. „Hat Herr Sarikaya sich jemals gefragt, wie es mir damit gehen würde? Wie es ist, plötzlich zu sehen, dass das eigene Kind auf einer Leinwand wieder zum Leben erweckt wird?“, fragt er. Wenn er spricht, ist es so ziemlich das Gegenteil von Sarikaya. Macht lange Pausen, atmet schwer in den Telefonhörer, ringt um Fassung. Er will nicht, dass jemand seinen toten Sohn spielt. Er fühlt sich machtlos.

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Filmplakat für den Film "Aylan Baby". © Promo

Das Foto von Alan versteht er dagegen als Mahnmal, mehr noch, es sei „eine Botschaft von Gott, um anderen Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen“. Zeitungen druckten es auf ihre Titelseiten, der Künstler Ai Weiwei stellte das Foto nach, legte sich selbst mit dem Gesicht in den Sand. Als vor wenigen Tagen im Rio Grande Vater und Tochter ertranken, die von Mexiko aus in die USA flüchten wollten, wurden schnell Parallelen zur Alan Kurdis Geschichte gezogen.

Sein Bild ist längst zur Ikone geworden. Zu einer Zumutung für all jene, die es bisher geschafft hatten, Fassbomben, islamistischen Terror und Fluchttote auf Statistiken zu reduzieren, die sich hinter Begriffen wie „Dublin-Abkommen“ und „Königssteiner Schlüssel“ verstecken. Nur drei Tage vor Alan Kurdis Tod sagte Angela Merkel ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Das Bild von Alan Kurdi machte vielen klar, wie dringend humanitäre Hilfe nötig ist.

Könnte ein Film über dieses Schicksal nicht einen ähnlichen Effekt haben? Wachrütteln, wo sich Teile Europas gerade von ihrer kältesten Seite zeigen, wenn Rettungsboote keine sicheren Häfen finden, wenn Menschen aus politischem Kalkül die Hilfe verweigert wird und wenn jene, die moralische Mindeststandards zivil verteidigen, dafür verhaftet werden – wie die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete jüngst in Italien? Wöge der gesellschaftliche Effekt dann nicht schwerer als das Leid eines Einzelnen? Ist ein solcher Film dann nicht legitim?

Andererseits: Könnte ein Film mit weniger eindeutigen Parallelen nicht ebenso wirkmächtig gelingen? Und kann man einer Tragödie dieser Größenordnung überhaupt mit Reenactment und Spezialeffekten gerecht werden? Fragen, die man Sarikaya gern stellen würde. Nur fühlt der sich ja gar nicht angesprochen. Weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Er weiß, dass ihm das niemand glauben wird, und schiebt deshalb hinter jede seiner Antworten: „In meinem Film geht es um die Flüchtlingskrise und um die Schamlosigkeit Europas!“

"Herr Kurdi wittert Geld. Das wird er von mir nicht bekommen."

Die Dreharbeiten zu „Aylan Baby“ laufen schon. Vor wenigen Tagen war der Actionstar Steven Seagal ans Set gereist, er wird eine kleine Gastrolle spielen. Nicht unbedingt ein Name, den man mit sensiblen Filmen in Verbindung bringt. „Das soll ein Oscar-Werk werden, Hollywood“, sagt Sarikaya unbescheiden. Gedreht wird in Bodrum an der türkischen Küste. Noch so ein Zufall, an den es schwerfällt zu glauben: Von Bodrum bricht die Familie Kurdi damals mit dem Schlauchboot auf, es sind kaum fünf Kilometer bis zur griechischen Insel Kos. Das Boot ist für acht Personen ausgelegt, 16 sind an Bord. Darunter Abdullah, Alan, sein Bruder Galip und seine Mutter Rihana. Nur der Vater überlebt. Alan Kurdis Leiche wird am Strand von Bodrum angespült. Es ist das Ende einer verzweifelten Flucht.

Als der IS 2013 beginnt, die syrische Stadt Kobane anzugreifen und bis zu ihren Fundamenten einzureißen, nimmt Abdullah Kurdi seine Familie und flüchtet. Der erste Versuch, auf legalem Weg nach Kanada zu gelangen, wo die Tante seit einigen Jahren lebt, scheitert. Zwei weitere Anläufe mit Schleusern schlagen ebenfalls fehl. Es folgt ein letzter. 2000 Euro pro Person zahlt der Vater den Schleppern nach eigenen Angaben. Für sich, für seine Frau und für seine beiden Söhne. Das Boot kentert, Abdullah Kurdi überlebt, seine Familie ertrinkt. Drei von 3771 Menschen im Mittelmeer, die hier allein im Jahr 2015 sterben. Zwei der mutmaßlichen Schlepper werden kurz darauf verhaftet und wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Den Prozess verfolgt Abdullah Kurdi nicht. „Seit ich meine Familie verloren habe, erlebe ich täglich die gleiche Tragödie. Im Fernsehen, in den Nachrichten.“

In Trümmern. Abdullah Kurdi (Mitte) in einem Haus in Kobane – wenige Tage, nachdem er hier seine Familie beerdigt hatte. Foto: Yasin Akgul/AFP Vergrößern
In Trümmern. Abdullah Kurdi (Mitte) in einem Haus in Kobane – wenige Tage, nachdem er hier seine Familie beerdigt hatte. © Yasin Akgul/AFP

Heute lebt Abdullah Kurdi in Erbil im kurdischen Autonomiegebiet im Norden Iraks – auf Einladung von Necirvan Barzani, dem Präsidenten Kurdistans. Der 43-jährige Kurdi arbeitet inzwischen mit Kindern in der Flüchtlingshilfe. In Erbil erfuhr er vor etwa einem Monat von Sarikayas Projekt. Zufällig, übers Internet. Der Regisseur hatte nie um Erlaubnis gefragt. Rein rechtlich muss er das nicht. Alan Kurdi wird namentlich nicht erwähnt, und solange Sarikaya standhaft behauptet, nichts habe mit nichts zu tun, kann ihn niemand dafür belangen. „Außerdem hatte ich ja keine Telefonnummer“, sagt der 40-jährige Regisseur.

Abdullah Kurdi wiederum erzählt am Telefon, er habe seinerseits versucht, über Soziale Netzwerke und einen kurdischen Fernsehsender an Sarikaya heranzutreten. Vergeblich. „Ich möchte ihn bitten, dass er dem Film einen anderen Namen gibt. Dass er nicht die Geschichte meines Sohnes erzählt.“ Doch Sarikaya denkt nicht daran, sich einzuschränken: „Ich werde meine Meinung nicht ändern!“ Er hat seine eigene Theorie: „Herr Kurdi wittert Geld. Das wird er von mir nicht bekommen. Ich lade ihn gern zur Premiere ein, aber der Film ist nicht auf Profit ausgelegt. Der Gewinn geht an Flüchtlingsprojekte von Unicef. Ich habe ein gutes Herz!“ Er sei jederzeit offen für ein Gespräch: „Ich verstecke mich nicht!“ Sarikaya ist überzeugt, für eine gute Sache zu handeln. Er wolle auf die Unmenschlichkeit der Flüchtlingspolitik hinweisen und Geld für gute Zwecke sammeln.

"Er könnte mir alles Geld der Welt anbieten, ich würde es nicht nehmen"

Abdullah Kurdi würde ihn gern fragen, wie es dem Filmemacher wohl ginge, wenn er in seiner Situation wäre. Ob er sich jemals in ihn hineinversetzt habe. Den Vorwurf, er sei auf Profit aus, weist er von sich: „Er kann mir alles Geld der Welt anbieten, ich würde es nicht annehmen. Davon wird meine Familie auch nicht lebendig.“

Nach Europa will Abdullah nicht mehr, dort wollte er seiner Familie ein sicheres, gutes Leben ermöglichen. „Sobald Syrien wieder sicher ist“, sagt er, „werde ich zurückgehen nach Kobane.“ Dort liegen seine Frau und seine beiden Söhne begraben. Englisch spricht Abdullah nicht, auch deshalb hält er sich bei internationalen Medienanfragen lieber zurück. Stattdessen kämpft Tima Kurdi auf ihre Weise gegen den Film. Sie ist Abdullahs Schwester, lebt seit einigen Jahren in Kanada. Zu ihr wollten die Kurdis ursprünglich fliehen. Seit ein paar Tagen gibt sie Interviews, in denen sie sich über den Film beklagt. „Wir können nicht vor Gericht ziehen, aber wir können der Welt erzählen, was dieses Projekt mit uns macht und der Welt klar machen, dass wir damit nicht einverstanden sind. Vielleicht schaut ihn dann niemand je an.“ Sie habe gehört, „Aylan Baby“ werde bei Netflix veröffentlicht. Das will sie verhindern.

„Es ist noch nichts unterschrieben, aber ich habe mit einigen Leuten bei Netflix schon gesprochen. Es besteht reges Interesse“, sagt Sarikaya. Erst wolle er den Film auf den großen Festivals präsentieren. Er spricht von Cannes, von der Berlinale. Zusagen hat er noch keine. Anschließend solle Netflix ihn der Welt zur Verfügung stellen. Dort ist man überrascht. „Wir hören zum ersten Mal von diesem Projekt, Gespräche mit dem Filmemacher haben bislang nicht stattgefunden“, heißt es aus der Unternehmenszentrale. Gefragt, ob man denn den Film auch gegen den Willen der Familie Kurdi zeigen würde, antwortet ein Unternehmenssprecher: „Die Frage ist hypothetisch. Angesichts der Sensibilität des Themas würden solche Faktoren selbstverständlich eine relevante Rolle in unseren Überlegungen spielen.“

Vielleicht wird es Familie Kurdi noch gelingen, die Verbreitung des Films zu verhindern.Dann stünde ihre persönliche Würde über der Moral eines Künstlers. Und ein weiteres Mal wäre das Bild des toten Alan zum Symbol geworden.

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