Ab Sonntag wieder für Publikum geöffnet: die Neue Nationalgalerie nach ihrer Sanierung. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/POOL/dpa
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Erster Publikumstag in der Neuen Nationalgalerie Modern wird wieder zur Herausforderung

Neue Medien, diverse Kunst: Im sanierten und doch auf 1968 zurückversetzten Mies-Museum ist es fast ein bisschen revolutionär. Da geht mehr. Ein Kommentar.

Es war eine logistische Großtat, um eines der schönsten Museen der Welt wiederherzurichten, eine Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts. Mehr als 35.000 Bauteile der Neuen Nationalgalerie wurden während der sechsjährigen Sanierung demontiert, restauriert und an ihre ursprüngliche Position zurückgeführt.

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Wenn das Publikum an diesem Sonntag wieder den Mies-van-der-Rohe-Bau besuchen darf, dann betritt es eine Zeitmaschine, denn David Chipperfield hat die Architektur auf ihren Ursprungszustand von 1968 zurückgeführt. Möbel, Vorhänge, Teppiche – alles stimmt. Die Modernisierung für Klima und Sicherheit verbirgt sich hinter Paneelen und unter Böden. Berlin bekommt ein Juwel der Avantgarde im Original zurück.

Wer dann durch die Sammlung mit Werken der Jahre 1900 bis 1945 streift, erlebt eine weitere zeitliche Rückkopplung, allerdings der anderen Art. Kirchner, Beckmann, Grosz sind nicht länger die Helden, die Moderne wird einer kritischen Revision unterzogen: „Wo sind die Künstlerinnen?“, heißt es nun. Wo die Werke jenseits des westlichen Kanons?

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Die Nationalgalerie hat sich aufgemacht, nicht nur bei den Protagonisten weiter auszugreifen, sondern auch bei den Medien. Film, Fotografie, Magazine, Zeitdokumente kommen ebenfalls vor, wie heute in allen großen Museen des 20. Jahrhunderts üblich. Das kann für Traditionalisten unbehaglich sein, wenn plötzlich auch noch Filme flimmern, wo es vorher nur die stille Andacht vor dem Meisterwerk gab. Oder wenn wie bei der Wiedereröffnung des Museum of Modern Art vor zwei Jahren in New York Picassos „Demoiselles d’Avignon“ Bilder einer afroamerikanischen Künstlerin an die Seite gestellt bekommen.

Lange nicht so revolutionär wie das MoMA

Die Neue Nationalgalerie ist weit davon entfernt, so revolutionär wie das MoMA zu sein. Sie gibt dem Publikum die lang vermisste Sammlung eher sachte zurück, die Zeitreise bleibt komfortabel. Das wird sich ändern mit den nächsten Ausstellungen. Die erste Fahrt mit dem Mies-Mobil nach der langen Pause sollte nicht zu stürmisch sein, zum Glück fahren ein paar mehr Künstlerinnen mit.

[Lesen Sie hier bei T-Plus: Das Beste der Neuen Nationalgalerie: Diese fünf Werke muss man gesehen haben.]

Allerdings stellt sich nicht nur die Frage nach Stationen und Positionen, die künftig angesteuert werden, sondern auch nach den früheren Fahrern und ihrer Ankaufspolitik. Darunter befindet sich der Gründungsdirektor Werner Haftmann, der sich als unbescholtener Herold der Moderne ausgab. Seine finstere Vergangenheit als SA-Mann und Verfolger von Partisanen 1944 in Italien kam erst kürzlich ans Licht. Das macht sich auch vor dem Hintergrund noch einmal anders, dass Mies van der Rohe 1937 emigrierte. Die Neue Nationalgalerie war sein erster Bau zurück in der Heimat, an der Eröffnung nahm er aus gesundheitlichen Gründen schon nicht mehr teil, 1969 verstarb der Architekt in den USA.

Seine gläserne Halle wirkt mehr denn je wie ein Versprechen, dass hier alles transparent, zu jeder Seite hin offen sei. Der Name Nationalgalerie stellt Verpflichtung dar: Vorbild zu sein für die vielen Museen im Land, die sich ebenfalls ihrer Vergangenheit stellen müssen und damit das Selbstverständnis einer Gesellschaft prägen. Divers sollte es sein. Kirchner, Beckmann, Grosz verkraften das. Die Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie markiert den Start in den Kunstherbst, in drei Wochen ist Berlin Art Week. Mies van der Rohe strahlt über allem.

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