Rangeln zu Soulmusik. Das UrbanDance-Stück „Underdogs“. Foto: Patrick Berger
© Patrick Berger

Eröffnung von "Tanz im August" Zappeln und Zittern

Das Festival „Tanz im August“ eröffnet mit Choreografien von Ayelen Parolin und Anne Nguyen – diesmal auch unter freiem Himmel.

Es wird wieder getanzt – live und vor Publikum. „Wir sind zurück“, verkündete Virve Sutinen, die künstlerische Leiterin von „Tanz im August“ , bei der Eröffnung im HAU1. Doch eine Rückkehr zu den alten Gepflogenheiten kann es nicht geben.

Wegen der Reisebeschränkungen wurden überwiegend internationale Choreograf:innen, die in Berlin leben, eingeladen, „glokale“ Künstler:innen. Einige Gruppen kommen aus europäischen Metropolen. Aus Brüssel ist die argentinische Choreografin Ayelen Parolin angereist; im HAU1 zeigte sie die Deutschlandpremiere von „WEG“, einem Stück für sieben Tänzer:innen und die Pianistin Lea Petra.

Die traktiert ihr Klavier mit verschiedenen Objekten, anfangs schrammt sie mit Plexiglashüllen von CDs über die Tasten; später wird sie die Kunststoffhüllen gründlich zerhauen.

Rabiat zerlegt sie das Bewegungsvokabular

Ebenso rabiat hat Ayelen Parolin das Bewegungsvokabular zerlegt. Die Tänzer machen gute Mine zum bösen Spiel. Leggings und Shorts kombinieren sie mit modischen Zitaten aus anderen Zeiten, eine Halskrause verweist etwa auf die flämische Malerei.

Sie versuchen sich schon mal in einer Ballettpose wie der große Blonde mit dem flamingofarbenen Trikot mit Fransenbesatz am Po. Oder werfen sich in eine Show-Pose, die dann merkwürdig verrutscht. Die verschiedenen Tanzstile werden durchgeschüttelt. Die Aktionen wirken disparat – und muten immer grotesker an. Parolin zeigt Variationen über das Unkontrollierbare – es wird ausdauernd gezittert und gezappelt.

Einige der schrägen Gruppentableaus haben durchaus ihren Reiz; aber das Festival mit solch einem sperrigen Stück zu eröffnen, ist eine merkwürdige Entscheidung.

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In diesem Jahr präsentiert „Tanz im August“ (bis 22.8., Infos: tanzimaugust.de) wegen der Pandemie auch einige Performances unter freiem Himmel. Die französische Choreografin Anne Nguyen, eine Pionierin des Urban Dance, zeigt ihr Stück „Underdogs“ auf der Freilichtbühne Weißensee.

Kurz vor der Vorstellung regnet es; der Bühnenboden aber bleibt trocken, so dass die drei Tänzer:innen loslegen können. Die Zuschauer:innen, ausstaffiert mit Plastikponchos, trotzen dem Wetter und lassen sich vom Groove mitreißen. Anne Nguyen hat „Underdogs“ zu amerikanischer Soulmusik aus den 1970ern choreografiert, es sind Songs von Gil Scott-Heron, Sam Cooke oder den Four Tops zu hören. Die Choregrafin hat das Breakdance-Vokabular reduziert; in mehreren Varianten sieht man die roboterartigen Bewegungen, wie man sie vom „Popping“ kennt; kombiniert werden sie mit mal schnellen,mal lässigen Schrittfolgen.

Bewegungen greifen ineinander

Sonia Bel Hadj Brahim, Arnaud Duprat, Pascal Luce stehen meist dicht gedrängt in einem Pulk; ihre Bewegungen greifen geschickt ineinander. Kurze Passagen tanzen sie dann synchron. Die reinen Tanzschritte kontrastiert sie mit Gesten, die an Aufruhr und Revolte denken lassen.

Die Perfomer:innen heben die gereckte Faust; deuten werfende Armbewegungen an, als ob sie einen Stein auf einen unsichtbaren Gegner schleudern wollten. Bisweilen hat es sogar den Eindruck, als ob sie mit einem Gewehr auf den Feind zielen.

Ein Battle ist das nicht

Nein, ein Battle, in dem die Tänzer:innen ihre Geschicklichkeit demonstrieren, ist dies nicht. Die beiden Männer kriegen sich bald in die Wolle; den Zweikampf hat Anne Nguyen in Zeitlupe choreografiert, was durchaus effektvoll ist. Dann mischt sich auch die Frau ein und bekommt eine verpasst. Alle gehen mal zu Boden und rappeln sich wieder auf.

Arnaud Duprat legt dem schwarzen Tänzer Pascal Luce einen Arm über die Schulter,um ihn dann herumzuschubsen. Das ist das einzige Mal, wo man etwas von sozialem Druck spürt. Zum Schluss tanzen die drei zu Marvin Gayes berühmter Ghetto-Ballade „Inner City Blues“. In dem Song liegt so viel Anklage und Schmerz; der Tanz wirkt da seltsam blass. Anne Nguygen hat ihr Stück den Underdogs, den sozialen Außenseitern, gewidmet, eine politische Botschaft lässt sich aber kaum erkennen.

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