Das Leben als Wabe. Blick ins "Hotel Strindberg". Foto: Sebastian Hoppe
© Sebastian Hoppe

Eröffnung des Berliner Theatertreffens Der Triebhauseffekt

Rüdiger Schaper

Gefangen in der Beziehungsmaschine: Simon Stone entrümpelt mit „Hotel Strindberg“ den Dramenkanon vom Machismo.

Du kannst jederzeit auschecken, aber du kommst hier nicht weg. Das ist eine der schlagendsten Redensarten der Pop-Musik, im epischen Song „Hotel California“ von den Eagles. „You can check out any time you like, but you can never leave“: So läuft es auch im „Hotel Strindberg“. „Bist“du mal drin in dieser Beziehungsmaschinerie, dann findest du nicht mehr hinaus. Und wenn doch, zieht dich dein Geist zurück in die Allerweltsherberge mit dem kaputten Aufzug und dem freundlichen Zerberus an der Rezeption, in die Hölle.

Wucht und Präzision

Große Eröffnung des 56. Berliner Theatertreffens im Haus der Festspiele. Das Wiener Burgtheater und das Theater Basel haben das Stück koproduziert. Im Mittelpunkt steht ein kaputtes Paar, gespielt von Caroline Peters und Martin Wuttke mit einer Wucht und Präzision, die man lange nicht erlebt hat an einem Theater, auch nicht in Berlin. Simon Stone, geboren in der Schweiz, aufgewachsen in Australien, hat das Inferno geschrieben und inszeniert, sehr freihändig nach August Strindbergs Anleitungen zum Unglücklichsein. Oder wie es Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Theatertreffens auf der Premierenfeier formulierte: „pures düsteres Schauspielglück."Ja: Es ist Schauspiel in Zeiten der Performance. Eine großartige Ensembleleistung, eine technische Meisterstück. „Die Truppe macht das Theater, sie ist wichtiger als der Autor und Regisseur.“

So bedankt sich Simon Stone bei seinen Leuten und erzählt von einem zweiten Stück, das in den viereinhalb Stunden parallel abläuft, backstage, unsichtbar für das Publikum: Da kämpfen Techniker und Maskenbildner um jede Sekunde, garantieren einen reibungs- und geräuschlosen Ablauf, einen glatten Übergang von Szene zu Szene und Stockwerk zu Stockwerk in diesem Haus der offenen Fenster. Alice Babidge heißt die famose Bühnen- und Kostümbildnerin. Man sollte sie schon herausstellen, wenn man das „Hotel Strindberg“ preist. Es zeigt sich dann auch, wie falsch die Reduzierung der künftigen Frauenquote des Theatertreffens auf Regisseurinnen ist. Ohne Alice Babidge kein Simon Stone in dieser tollen Form.

Quote als Geste der Notwehr

Festspiele-Intendant Thomas Oberender holte in seiner Begrüßungsrede weit aus, sprach vom Mauerfall und Klimawandel, Metoo und Fridays for Future, von all den „aktivistischen Bewegungen“ und einem "veränderten Blick auf Politik und Geschichte“. Der „Minoritätenlärm“ werde nicht mehr verstummen und die Frauenquote sei eine „Geste der Notwehr“. Wenn es denn ernst sein soll damit, hätte zur Abwechslung auch einmal statt des pastoralen Chefs die Chefin des Theatertreffens zur Eröffnung sprechen können.
Die Welt bleibt ungereimt. Das ist das große Thema Strindbergs (1849–1912). Sein Frauenhass war Selbsthass. Selbstmitleid kultivierte er wie ein Wahnsinniger. Das zeigt Martin Wuttke mit seiner fickrigen Art wunderbar. Und komisch. Ja, auch selten so gelacht wie bei diesen Ehekrächen. Der zapplige, kettenrauchende Mann und Caroline Peters, die schlagfertige, sich kühl gebende, vielleicht ja auch wirklich eiskalte Frau, wer weiß. Sie eine gescheiterte Schauspielerin, er ein Drehbuchautor, ein Durchdrehbuchautor, der nichts mehr schreibt. Alkohol, Klamauk, hart und ungerecht und sehr komisch: Wer hat Angst vor August Strindberg? In einer kurzen Szene verwandeln sich Peters und Wuttke später in ein altes, krankes Ehepaar. Sie sitzt im Rollstuhl und denkt laut über Suizid nach, er beruhigt sie zärtlich mit Parkinson-zittriger Hand. Das ist Strindberg auch, und Stone hat es verstanden: ein Dramatiker der Empathie.

Qual, Eifersucht, Zwangsvorstellungen

Episoden an der Oberfläche. Paare quälen sich mit Eifersucht und Zwangsvorstellungen, geilen sich auf an Tinder-Abenteuern und Seitensprüngen, eine reiche Fabrikantin schläft mit ihrem Schwiegersohn, eine schwangere Frau wird verrückt am Handy, weil ihr Geliebter nicht antwortet – und dann rettet ihr dessen Ehefrau wohl das Leben. In einem Zimmer stehen Instrumente bereit, spielen die Männchen im Hotel coolen Jazz. Short cuts, verschlungene Geschichten, Schmerz und Elend und Sexnot und zunehmend weniger Komik: Der dritte Teil beginnt mit einem fein gefühlten Strindberg'schen Alptraumspiel und endet in endlosem Geschrei hinter Glas, verödet im Affekt. Die Akteure sind und bleiben eingesperrt. Im Treib- und Triebhaus. Sie sprechen über Mikroport, was immer blöd aussieht – wenn Schauspieler in Unterwäsche herumrennen, mit den Sender am Hintern.

Mehr Mut zum Einakter, bitte

Simon Stone hat auf ähnliche Art und Weise die griechische Antike, Tschechow oder Ibsen überschrieben, so nennt man das. Der 35-Jährige gehört jetzt zu den gefragtesten Theatermachern in Europa; ein Besessener, der das Unmögliche verlangt, wie er selbst sagt, der noch zwei Wochen vor der „Hotel Strindberg“-Uraufführung die Hälfte des Textes nicht fertig hatte. Stone kämpft, wie einst Strindberg, mit Männer- und Frauenbildern. Es ist lustig, wenn er Wuttke sagen lässt: „Die scheiß Chauvis haben es versaut. Man hätte mit den Frauen verhandeln können. Aber jetzt ist Krieg.“ Es wird hier aber auch eine Form kultiviert, in der man kritisch-komisch Chauvi sein kann. Es steckt viel Männerfantasie in diesem Abend. Es ist auch nicht so, dass man den traditionellen Dramenkanon vom Machismo entrümpeln müsste. Im „Hotel Strindberg“ winden sich die alten Typen, entpuppen sich die neuen Männermoden, es ändert sich nicht viel. Warum hat dieser junge Simon Stone nicht den Mut, ein paar Einakter von Strindberg zu inszenieren, warum muss der Regisseur immer der Bessere sein?

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