Bundeskanzlerin Angel Merkel kommt zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Foto: Daniel Karmann/dpa-Bildfunk
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Eröffnung Bayreuther Festspiele Angela Merkel und ihre Hügel-Besteigungen

Die Kanzlerin ist Klassikfan. Sie liebt nicht nur Wagner, ihn aber besonders. Wie ihr die Bayreuther Premieren gefallen, erfährt man aber nie.

Ob das in irgendeinem anderen Land der Welt wohl so denkbar wäre? Wenn Angela Merkel privat ins Konzert geht, besteht sie darauf, ihre Eintrittskarten selber zu bezahlen. Und manchmal holt sie sich die Tickets sogar selber ab, stellt sich wie jede andere Bürgerin auch an der Abendkasse an. So habe ich es im Mai 2013 erlebt, als ich mich im Philharmonie-Foyer in die Schlange einreihte und zu meiner Überraschung feststellte, dass die Kanzlerin samt Ehemann vor mir stand. Drei Billetts hatte sie gebucht, wobei der Bodyguard anschließend im Saal keinen bequemen Sitzplatz einnehmen durfte, sondern die Abend durchstand, diskret das Umfeld sondierend.
Wie der Kanzlerin das Gastspiel des mexikanischen Tenors gefallen hat, erfuhr man hinterher nicht. Ebenso wenig, wie ihrerseits Äußerungen zur Qualität der Bayreuther Festspielpremieren bekannt sind, die sie regelmäßig besucht. Die Klassikkavalierin genießt und schweigt. Und die Yellowpress ist froh, wenn sie wenigstens über Merkels Schweißflecken schreiben kann, wie 2005, oder über den Stuhl, der 2015 angeblich unter ihr zusammengebrochen sei. Oder über die Tiefe ihres Dekolletés, wie 2008 bei einem Besuch in der Oper von Oslo.

In Bayreuth fährt Merkel nur vor - und ist dann schnell verschwunden

Selbst dem mutigsten Wagnerianer bietet sich bei Merkels Visiten auf dem Grünen Hügel keine Gelegenheit zum Smalltalk unter Kennern. Im Fernsehen sieht das immer sehr präsent aus, in der Realität aber wird sie in einer Limousine mit verspiegelten Scheiben die Siegfried- Wagner- Allee hinaufgefahren, schreitet dann ungefähr 90 Meter an den wartenden Fotografen vorbei zum Portal des Festspielhauses, wo sie früher vom Komponistenenkel Wolfgang, seit dem Sommer 2009 von der Urenkelin Katharina begrüßt wird. Dann entschwindet sie den Blicken.
Über eine separaten Treppe erreicht sie die Mittelloge, die vom Zuschauerraum aus nur schwer einzusehen ist. Die langen Bayreuther Pausen verbringt die Kanzlerin in einem abgeschlossenen Bereich des Festspielhauses. Konrad Adenauer übrigens weigerte sich, 1951 an den ersten Nachkriegsfestspielen teilzunehmen und hielt sich auch später bewusst vom Grünen Hügel fern.

Sie kommt freiwillig nach Bayreuth, während ihres Urlaubs

Im Gegensatz zu den CSU-Politikern, die sich in Bayreuth zeigen müssen – oder meinen, sie müssten es tun – kommt die Kanzlerin freiwillig. Und zumeist, während sie offiziell im Urlaub ist. Weil sie sich wirklich für Wagners Musik interessiert. Und vielleicht auch, weil sie es genießt, dass die Alphatiere von der Schwesterpartei, anders als in den Kabintettssitzungen, hier mal stundenlang nicht das Maul aufreißen dürfen.
Merkels Musikgeschmack ist aber nicht auf den Musikdramen-Meister beschränkt. Als sie 2017 die Staatschefs beim Hamburger G20-Gipfel in die Elbphilharmonie einlud, war sie wohl die einzige, der es nicht schwer fiel, 80 Minuten still zu sitzen und Beethovens Neunte weil mitdenkend nachzuverfolgen. Wenn sie die Bürde der Kanzlerschaft erst los ist, wird man sie noch häufiger in klassischen Konzerten sehen, gerade in der Berliner Philharmonie.

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