Jüdisches Leben in Berlin, damals wie heute. Die Neue Synagoge in der Oranienburgerstraße. Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa
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Erinnerungen von Martin Gumpert Ein zweigeteiltes Leben

Erhard Schütz
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Beindruckende Zeugnis eines säkularen, patriotischen jüdischen Lebens in Berlin: Erinnerungen des Arztes Martin Gumpert, der 1936 in die USA floh.

Er wurde 1897 im Zentrum Berlins geboren. „Unweit davon lebte Bismarck. Die Königin Viktoria feierte ihr fünfzigjähriges Regierungsjubiläum. Fernab gab es einen Balkankrieg, den fünften.“ Berlin war für Martin Gumpert wie für viele jüdische Deutsche jener Zeit Heimat. „Ich liebte meine Eltern, weil sie mich verstanden, ohne mich zu begreifen.“ Der Vater war Arzt: „Die Menschen strömten ihm zu, weil sie nicht nur ein Rezept, sondern brauchbaren Rat erhielten.“ Das prägte Gumperts soziales Engagement im eigenen Arztberuf. Zuvor aber schrieb er: Gedichte, Aufsätze, etwa für Gustav Wynekens Zeitschrift „Der Anfang“, zu deren Autoren auch Walter Benjamin gehörte. Als Sechsjähriger gratulierte er dem Kaiser zu seinem 15-jährigen Regierungsjubiläum, was ihm eine strenge Amtsbefragung einbrachte, weil er einen Vorschlag zur Beseitigung von Attentatsbomben beigelegt hatte.

Gumpert erzählt von alledem aus der Perspektive des amerikanischen Exils, in das er zusammen mit seiner Familie 1936 ging. Die Schwester entschied sich für Palästina. In New York eröffnete er eine dermatologische Praxis, befreundete sich mit der Familie Mann und starb überraschend 1955 als Leiter der geriatrischen Abteilung des Jewish Memorial Hospital.

Verzicht auf klare Urteile

Seine Erinnerungen, 1939 erstmals im Exilverlag Bermann Fischer erschienen, sind nun wieder aufgelegt worden. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass ein Gutteil Verklärung im Spiel sein könnte, sind sie das beeindruckende Zeugnis eines säkularen, patriotischen, gebildeten und sozial engagierten jüdischen Lebens in Berlin. Lebendig schildern sie das Kaiserreich in Friedens- wie Kriegszeiten, erzählen von Revolution und Inflation. Mit der Neuen Sachlichkeit konnte Gumpert nicht viel anfangen, schrieb aber später Biografien im Stil von deren Tatsachenromanen: 1933, von den Nazis bereits mit Berufsverbot belegt, über den Homöopathen Hahnemann, 1935, ehe er auch Publikationsverbot bekam, über Forscherschicksale unter dem Titel „Das Leben für die Idee“. Es war, so Gumpert, das letzte in Deutschland erschienene Buch eines „deutschen Nichtariers“.

Er versteht es, Menschen und Situationen in ein, zwei Sätzen treffend zu charakterisieren. Besonders beeindruckend ist seine Fähigkeit, jedem Gegenüber Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne auf klare Urteile zu verzichten. Von der Arbeiterbewegung 1918/19, mit der er als Sozialist sympathisierte, sagte er: „Als sie zur Macht kam, war sie überaltert und hilflos.“ So wurden die „intelligenteren Arbeiter“ in die Arme der Kommunisten getrieben. Hitlers Aufkommen erklärt er mit dem substanzlosen „Überwertigkeitsgefühl“ der Kriegsteilnehmer, die faschistischen Diktaturen als „Eruptionen einer nicht zur Ruhe gekommenen Kriegsneurose“.

Martin Gumpert: Hölle im Paradies. Erinnerungen an die Welt von gestern. Südverlag, Konstanz 2018. 272 Seiten, 20 €.

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