Der neue Gedenkstein in Kalynivka. „Erinnerung bewahren“ ist ein Projekt der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Foto: Anna Voitenko
© Anna Voitenko

Erinnerung an den Holocaust Die Felder des Todes in der Ukraine

Allein in der Ukraine ermordeten die Nationalsozialisten eine Million Juden und 12.000 Roma. Das Projekt „Erinnerung bewahren“ dokumentiert die Schauplätze.

Ivanopil, ein 3000-Einwohner-Dorf 200 Kilometer westlich von Kiew: Die meisten Straßen sind Sandwege, kleine Häuser aus Holz oder Backstein ducken sich hinter Vorgärten, in denen Hühner picken. Am Himmel kreisen Störche. Doch an diesem Tag wird das Städtchen zum Schauplatz eines Ereignisses von internationaler Bedeutung.

Am Ortseingang erinnert das „Mahnmal des Ewigen Ruhmes“, die überlebensgroße Statue eines trauernden Rotarmisten, an die Soldaten, die hier im Zweiten Weltkrieg starben. Davor haben sich acht Dutzend Einheimische versammelt – Honoratioren, Geistliche, alte Frauen in bunten Trachten, ein Kinderchor.

Seit Kriegsende ist ein Menschenalter vergangen, immer weniger Zeitzeugen können sagen: „Ich habe es gesehen.“ Professionelle Geschichtsschreibung tritt an die Stelle des individuellen Gedächtnis. „Erinnerung bewahren“ heißt das Projekt der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, mit dem Schauplätze des nationalsozialistischen Völkermords gesichert und dokumentiert werden sollen.

Finanziert wird das Vorhaben mit Mitteln des Auswärtigen Amtes. Es ist ein riesiges Unterfangen. Allein in der Ukraine, wo mehr als eine Million Juden und mindestens 12.000 Roma starben, hinterließen die Täter rund 2000 Massengräber. Die Besatzer verwandelten ihre Beute in gigantische Killing Fields.

Die Männer, Frauen und Kinder haben sich vor dem Mahnmal versammelt, um eine Stele einzuweihen, neben der die Flagge der Roma hängt: ein Speichenrad vor blau-grünem Hintergrund. Ivanopil ist ein exemplarischer Ort für die Verbrechen, die die deutschen Besatzer ab 1941 in der Ukraine begingen.

Auf einer Wiese am Stadtrand ermordeten deutsche Einheiten im Mai 1942 mehr als 800 Juden, ein paar Tage später erschossen deutsche und einheimische Täter auf dem Gelände einer Zuckerfabrik zwischen 40 und 80 Roma, vor allem Frauen, Kinder, ältere Männer. Roma, so nennen sich die Angehörigen der ethnischen Minderheit, die vor allem in Osteuropa lebt.

Sinti leben überwiegend in Westeuropa. Die Opfer von Ivanopil waren fahrende Handwerker- und Musikerfamilien, die mit ihren Wagen im Nachbardorf aufgegriffen wurden. Ihre Namen sind unbekannt, beigesetzt wurden sie neben den Rotarmisten.

Ein Junge beobachtete die Exekutionen

„Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Faschisten die friedliche Bevölkerung in Ivanopil getötet haben“, erzählt Deonszij Sovynskyi bei der Einweihungszeremonie. Damals, vor 77 Jahren, war Sovynskyi ein kleiner Junge, dem die Mutter verboten hatte rauszugehen, nachdem Roma zur Polizeiwache abgeführt worden waren.

Sich auf der Straße zu zeigen war lebensgefährlich. Sovynskyi berichtet, wie er trotzdem davonlief, mit anderen Jungs auf die Akazien einer Baumschule kletterte, die an das Gelände der Zuckerfabrik grenzte. Von dort beobachtete er, was 60 Meter weiter passierte. Die Opfer wurden zu einer Grube geführt, Schüsse fielen, die Sterbenden stürzten ins Erdloch.

In die Betonstelen, deren Ästhetik an das Berliner Holocaust-Mahnmal erinnert, sind Tafeln eingelassen. Auf Ukrainisch, Englisch und kleingedruckt auch auf Russisch berichten sie von dem, was geschah. 139 Orte gibt es, an denen Roma während der Okkupation umgebracht wurden. An fünf davon wurden nun Gedenkstätten eröffnet. In Divoshyn, wo mindestens 80 Roma starben, sind 80 Birken gepflanzt worden.

In Kalynivka erzählt eine alte Bäuerin, was sie dort 1942 gesehen hat: Wie 32 Roma in eine Scheune getrieben wurden, die in Brand gesetzt wurde, wie sie die Schreie der Frauen, Männer und Kinder hörte, die bei lebendigem Leib verbrannten. „Wenn ich könnte, würde ich die Menschen, die das getan haben, mit meinen Händen töten.“

Zur Delegation, die in die Ukraine gereist ist, gehört auch Romani Rose. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, 1946 in Heidelberg geboren, sagt: „Es gibt in Deutschland keine Angehörigen unserer Minderheit, die nicht vom Holocaust betroffen sind.“

Er selber hat 13 Familienmitglieder verloren, den Großvater in Auschwitz, die Großmutter in Ravensbrück. Seine Eltern haben über das, was sie vor 1945 erlitten hatten, mit ihren Kindern nur andeutungsweise geredet, „sie wollten uns schützen“.

Sein Vater Oskar Rose hatte untertauchen können. Er nannte sich Alexander Adler, gab sich mit gefälschten Papieren als italienischer Musiker aus, der für die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ vor Wehrmachtssoldaten auftrete. Seine Courage war so groß, dass der tiefgläubige Katholik 1943 nach München fuhr, um Kardinal Faulhaber zu treffen.

Er wollte um Beistand für die 14.000 katholischen Sinti und Roma bitten, die nach Auschwitz deportiert worden waren. Im erzbischöflichen Palais wurde er nur vom Sekretär des Kardinals empfangen. Unterstützung fand Oskar Rose nicht, aus Angst vor Enttarnung verließ er fluchtartig die Stadt.

Vor vier Jahren entdeckte eine Kirchenhistorikerin einen Vermerk in Faulhabers Tagebuch. Für den „Zigeuner Adler“ habe er nichts tun können, hatte der Kardinal notiert. In Auschwitz starben bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 mehr als 19.000 Sinti und Roma.

„Wir sind ganz normale Deutsche.“ Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Foto: imago/Metodi Popow Vergrößern
„Wir sind ganz normale Deutsche.“ Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. © imago/Metodi Popow

Seit mehr als 600 Jahren leben Angehörige dieser Minderheit in Deutschland. Der Zentralrat bereitet gerade eine Ausstellung über Sinti in der Frühen Neuzeit vor. „Wir waren und sind ganz normale Deutsche, deutsche Sinti und Roma“, sagt Romani Rose.

Dann erzählt er auch, dass er sich oft frage: „Wie kann das sein?“ Wie kann es sein, dass eine Partei im Bundestag sitzt, deren Vorsitzender die NS-Verbrechen als „Fliegenschiss“ verharmlost? Wie kann es sein, dass in Deutschland ein neuer Terrorismus von Rechtsaußen entstanden ist? Wie kann es sein, dass in Ostdeutschland Rechtspopulisten immer stärker werden?

Rose weiß keine Antwort. Er versteht sich als Verfassungspatriot, warnt vor der Radikalisierung des Nationalismus in Europa. Der Hass von Rassisten richte sich zunächst gegen Minderheiten. Letztlich ziele er auf die Abschaffung demokratischer Werte. „Die Nationalsozialisten haben nicht nur Juden, Sinti und Roma ermordet. Sie haben einen Krieg begonnen, der am Ende auch Deutschland zerstörte.“ 70 Jahre lang habe die europäische Integration für Wohlstand und Frieden gesorgt. Hass könne man nur gemeinsam besiegen.

Über manche Opfer ist wenig bekannt

Der Völkermord an den Roma lässt sich nicht von dem an den Juden trennen, das zeigt sich bei der Reise. Sie wurden von denselben Tätern – deutschen Einsatzgruppen, der Wehrmacht im Kampf gegen sogenannte Partisanen, einheimischen Helfern – getötet, oft an denselben Tatorten. Über manche Opfer des Porajmos, wie die Roma den Zivilisationsbruch nennen, ist nur wenig bekannt. Viele waren auf Wanderschaft, nirgendwo registriert, deshalb sind ihre Namen vergessen.

Auch in der Sowjetunion wurden Roma als Fremde beargwöhnt. Aber sie hatten immerhin Aufstiegschancen. Dafür ist die Biografie von Igor Krykunov ein Beispiel. Der 66-jährige Intendant des Kiewer Roma-Theaters begleitet die Bustour durch die Ukraine. Grinsend erzählt er, eine „Fehlgeburt“ gewesen zu sein, der erste Schauspieler einer Handwerkerfamilie.

Mit 17 zog er nach Moskau, wurde am Romen Theater ausgebildet, dem 1931 gegründeten ältesten Roma-Theater. Er hat Filme in Russland und Polen gedreht, in der Ukraine kennt man ihn als Sänger. Im Kiewer Roma Theater ist er als „Woschak“ zu sehen, Titelheld eines Stückes des georgischen Dramatikers Edgar Egadse.

Woschak, so heißt der Älteste eines Tabors, einer Gruppe fahrender Roma. Während des Zweiten Weltkriegs werden sie in Rumänien inhaftiert, das damals mit Deutschland verbündet war. Ein Spiel auf Leben und Tod beginnt. „Eine Tragödie“, so Krykanov. Wie nahe sie ihm geht? „Das ist für uns alle ein sehr persönlicher Stoff.“ Auch er hat während der Besetzung Angehörige verloren, darunter die Großmutter. Sie war erschossen worden, nachdem sie sich bei einer Kontrolle gewehrt hatte.

Das Kiewer Roma Theater ist seit 1991 in einem sowjetischen Kulturpalast untergebracht. Eröffnet wurde es mit einer Adaption von Puschkins Versepos „Die Zigeuner“. An jedem 26. Mai, dem Geburtstag des Dichters, reinigen die Schauspieler in einer Performance das Denkmal vom Taubendreck. „Wir Roma waschen Puschkin, weil wir ihn lieben.“

Seitdem Krieg mit Russland, kommt es wieder zu Anschlägen. An der Grenze zu Polen, wo viele Roma leben, die vor dem Krieg geflüchtet sind, haben Rechtsradikale 2018 ein Lager angegriffen. Ähnliches passierte in Kiew, zwei Roma starben. Konsequenzen müssen die Täter kaum fürchten, manche Polizisten sympathisieren offen mit ihnen. Haben die 50 000 ukrainischen Roma wieder Angst? „Dafür sind wir schon zu lange hier“, versichert Krykunov. „Aber mit solchen Methoden kann man keinen Staat aufbauen. Wer Gewalt duldet, hilft den Spaltern.“

Wolodymyr Selenskyj, der neue Präsident, ist gewissermaßen ein Kollege von Krykunov. Vor ein paar Jahren lernten sie sich bei einem Konzert in Kiew kennen, damals war Selenskyj hauptberuflich noch Fernsehstar. Der Präsident will die Korruption bekämpfen und über Frieden verhandeln.

Selenskyj sei ein „guter Kerl“, findet Krykunov. Allerdings müsse er noch beweisen, dass er Format habe. „Die Politik braucht mehr Herz“, fasst der Intendant die Lage zusammen. In der Diplomatie ist Empathie gefragt. Man muss sich in die Position des Anderen hineinversetzen können. Darin sind Roma, die als Minderheit in vielen Ländern leben, Fachleute.

Hinweis: Die Recherche für diesen Text wurde von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gefördert.

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