Emilia Hoving, Jahrgang 1974, Assistentin des Chefdirigenten beim Orchestre Philharmonique de Radio France, gab am Mittwoch ihr Philharmonie-Debüt. Foto: Laura Oja
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Emilia Hoving und das Orchestre Philharmonique de Radio France Sie bringt die Philharmonie zum Tanzen

Sensationell: Die junge finnische Dirigentin Emilia Hoving springt beim Tourneekonzert des Radio-France-Orchesters ein - und begeistert in Berlin.


Sie ist eine Entdeckung, 27 Jahre, Finnin, Assistentin von Mikko Franck, Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France: Emilia Hoving springt kurzfristig ein, als Franck am Mittag vor dem Konzert wegen einer kleinen OP absagen muss.

Hoving tanzt förmlich auf dem Pult bei Strawinskys "Feuervogel"-Suite, und sie bringt die Töne zum Tanzen, dirigiert mit diffizilem Schlag, hält die Spannung, elektrisiert die Luft. Gleißendes Blech, scharfe Hiebe mit blinkendem Schwert beim Kampf in Strawinskys Zaubergarten, das unendlich klagende Fagott, irisierende Streicher zum Harfen-Arpeggio – unter Hovings Leitung brilliert das Orchester aus Paris und entfaltet eine Klangfarbenpracht, dass man sich nicht satthören kann.

Schon der erste Einsatz bei Gabriel Faurés „Pélleas et Mélisande“-Suite op. 80 – weich, sämig, duftig, mit filigran geführten Stimmen wie aus einer anderen Welt – lässt aufhorchen in der Philharmonie. Pandemiebedingt sind Gastspiele großer Ensembles seit zwei Jahren die Ausnahme in Berlin. Man hatte fast vergessen, dass Orchester auch ganz anders klingen können: In Faurés Trauermarsch gemahnen die ohnehin exquisiten Musikerinnen und Musiker aus Frankreich an ein Orgelregister.

Impressionistisch verdämmernde Schlüsse, die Wellenbewegung der Geigen, die melancholischen Holzbläser, die schillernde Opulenz der Tutti, auch der Kriechgang des Kontrafagotts in Ravels Klavierkonzert „Für die linke Hand“ und die tückisch-expressive Staccato-Maschinerie im Allegro, die einem in die Glieder fährt: Hoving beherrscht all das mühelos. Ganz abgesehen von der sichtlichen Eleganz und Innigkeit ihres Dirigats.

Alice Sara Ott am Flügel musiziert mit der gleichen furiosen Intensität, baut Kathedralen aus Tönen und kreiert bei ihrer selbstvergessen, natürlich perlenden Kadenz einen Moment der Glückseligkeit.

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Der Abend gehört den Frauen, ihrem Ausdrucksspektrum, ihrer Unbedingtheit. Auch Lili Boulanger, die kurz vor ihrem Tod mit nur 24 Jahren das stimmungsvolle „D’un soir triste“ komponierte. Nie trägt Hoving zu dick auf, entwickelt Melancholie und Tragik vielmehr aus der inneren Glut der Partitur. Man möchte die junge Maestra unbedingt öfter sehen und hören in Berlin, in Deutschland – bisher ist sie vor allem in Skandinavien und Frankreich aufgetreten.

Als Zugabe folgte Sibelius’ „Valse triste“, und bereits vor der Pause spielt Alice Sara Ott „Für Alina“. Arvo Pärts meditative Miniatur ist der Tochter einer befreundeten Familie gewidmet, die durch den Kalten Krieg auseinandergerissen wurde. Ott widmet es den Menschen in der Ukraine. Und denen, die sie jetzt aufnehmen.

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