Blixa Bargeld, Sänger von "Einstürzende Neubauten". Foto: Christian Charisius/dpa
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Einstürzenden Neubauten live in Berlin In Edelstahlgewittern

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War es je so krachend laut im Pierre Boulez Saal? Einstürzenden Neubauten spielen im Berliner Konzerthaus verstärkt durch ein Streichquartett.

Trommelfeuer. Stahlgewitter. Sturmangriff. Die Einstürzenden Neubauten haben vor vier Jahren, beauftragt von der Region Flandern, das Album „Lament“ produziert – eine Folge von Songs aus den Schützengräben, ein Bühnenstück über den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs. Völker schlachten einander ab, deren Führer Verwandte sind. 1914 bis 1918, das markiert den Beginn des industriellen Tötens, einer infernalischen technischen Revolution. „Krieg bricht nicht aus – er wartet“. Blixa Bargeld hält ein Schild hoch, mit diesem Satz. Eine Schockerkenntnis. Krieg ist also nicht zu verhindern, nie?

„In Stahlgewittern“. Ernst-Jünger-Worte klingen bei den Einstürzenden Neubauten brutal konkret. Ein Tisch aus Edelstahl, die Musiker traktieren ihn mit Schrottteilen, Ketten. War es je so krachend laut im Pierre Boulez Saal? Auch wenn die Neubauten, verstärkt noch von einem Streichquartett, die Regler hier nicht voll hochdrehen und sich kammermusikalisch zurücknehmen – hätte es je ohne Trommelfeuer ihre Musik gegeben?

„Lament“ heißt Klage, Totenklage. Sie spielen es an diesem Sonntag in Berlin zum letzten Mal. Ruhige Reflexion, brutales Entertainment, Absurdität. „Lament“ führt sich auf als ein sehr deutsches, von glänzenden Ingenieuren gebautes, aber auch europäisches Oratorium. Der Krieg wartet schon: Sie singen „Heil dir im Siegerkranz/God save the King/Friss in des Thrones Glanz/Die fette Weihnachtsgans ...“ Die Neubauten stehen, ätzend scharf, in der Tradition von Brecht und Weill. Travestie ist eine Waffe, trifft ins Herz – wenn Blixa Bargeld mit weißer Stolagirlande auftritt und die Marlene macht, im aufreizenden Sprechgesang. „Sag mir, wo die Blumen sind“, am Bass bezupft und getragen von Alexander Hacke. Mit dem er zuvor die „Willy-Nicky-Telegrams“ zelebriert, den Wortwechsel von Zar Nikolaus und Kaiser Wilhelm; zwei Männer aus einem Adelsstall, bald Todfeinde. Zwei Irre. Die Performance im Boulez Saal, dem Neubau unter Berlins Konzerthäusern, erinnert an wilde Tiere, die in einem etwas zu kleinen Käfig eingesperrt sind. Die Neubauten-Welle drückt gegen die Wände, kommt ins Rollen. Das Unheimliche daran ist, dass der Erste Weltkrieg anfangs als Ausdehnung, Beschleunigung verstanden wurde, von so vielen Künstlern als befreiendes Ereignis bejubelt.

Die Neubauten-Musik erzeugt Zeitflirren

In dem kalten Stück „Der 1. Weltkrieg“, getrommelt auf Plastikrohren mit 120 Beats pro Minute im Viervierteltakt, wird Kriegszeit vermessen: „Jeder einzelne Schlag bedeutet einen Tag Kriegsteilnahme des jeweiligen Landes oder der jeweiligen Allianz.“ Dabei laufen vor dem inneren Auge die Bilder aus Paris, von den Feiern zum 100. Jahrestag des Kriegsendes mit den Präsidenten und Premiers. Bargeld sagt: „Der Krieg ist immer da, immer vorhanden, er ruht nur manchmal.“

Und was macht der Krieg an solchen Gedenktagen? Blixa Bargeld, Alexander Hacke, N. U. Unruh, Rudolf Moser, Jochen Arbeit und die anderen Musiker erzeugen eine Energie, die in viele Richtungen strömt. Keine reine Anti-Kriegs-Demonstration, auch keine Kriegsästhetisierung. Die Neubauten-Musik erzeugt Zeitflirren. Viel stärker als bei Zwanzigerjahreserien zu Asche und zu Staub drängt sich ein dumpfes Gefühl auf, eine Herzschlagmaschine mit fatalem Takt. So ist das wohl dann, wenn die Flut steigt.

Die Stimmung wird heller

Sie sind und waren auch mal eine Punkband. Zerstörung und die Lust daran, das tragen sie im Titel. Und wenn sie auch ein wenig älter sind und im Haus der Barenboim-Said-Akademie auftreten, die Kompositionen der Einstürzenden Neubauten verlieren nicht ihren Sog. Sie wirken bloß ein bisschen klassischer, verbinden sich stärker mit ihren Vorgängern, den Punks der Twenties.

„Let’s Do It A DaDa“ stammt vom Album „Alles Wieder offen“ (2007). Passt exakt: Nach dem Weltkrieg, der damals noch der Erste war, räumen die Künstler auf, Performer wie Kurt Schwitters und Raoul Hausmann. Ihnen ist das Stück gewidmet. Da wird die Stimmung heller. Und so wie die Dadaisten von Zürich und Berlin heute kostbare Museumsstücke sind, erschreckt Bargeld auch keinen Bürger mehr. Das ist ein dickes Grinsen wert. Bis aus der Nachkriegszeit eine Zwischenkriegszeit wird. Plötzlich kräht einer „Hitler“!

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