Ein Talent am Klavier. Ferruccio Busoni. Foto: imago images/Everett Collection
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Ein verkanntes Klassik-Genie Wie Ferruccio Busoni in Berlin sein Spätwerk schuf

Tobias Schwartz

Vor 100 Jahren kehrte Ferruccio Busoni in die Hauptstadt zurück und schrieb kühne Kompositionen. Erinnerung an einen überzeugten Europäer und verkannten Genius.

„Gestern besuchte ich Busoni … Wir haben tüchtig gelacht“", schreibt Stefan Zweig 1918 in einem Brief an seinen französischen Schriftstellerfreund Romain Rolland. Der Erste Weltkrieg, der einen Lockdown zur Folge hatte, durch den sich der italienische Komponist, Pianist, Dirigent und Musiktheoretiker Ferruccio Busoni gezwungen sah, seine Wahlheimat Berlin vorübergehend zu verlassen, neigt sich langsam dem Ende zu.

Gegenstand der Belustigung ist ein einstiger Freund, der im Vorwort zur Neuedition von Beethovens Goethe-Kantate „Meeresstille und glückliche Fahrt“ behauptet hatte, das Werk beweise die Überlegenheit der Deutschen: „und wenn die Welt den Wert Deutschlands nicht erkenne, werde man ihn ihr mittels der Waffen aufzwingen“.

Lachhaft, in der Tat – und fatal. Ihren Humor aber haben Zweig und Busoni, beide überzeugte Europäer und Gegner allen nationalistischen Größenwahns, sich wohl bewahrt, auch wenn er inzwischen eine sarkastische Färbung bekam.

Heute ist Busoni einer der großen bekannten Unbekannten unter den Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts. Deutschland, besonders die deutsche Musik und Kultur, hatten es dem 1866 im toskanischen Empoli geborenen und früh von Brahms geförderten Busoni zunächst angetan.

Also ließt sich der Sohn eines italienischen Klarinettisten und einer Pianistin mit deutsch-österreichischen Wurzeln in Berlin als aufstrebendem europäischen Musikzentrum nieder, nachdem bereits eine Karriere als Wunderkind hinter ihm lag.

Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Als er seine erste Wohnung in der Kantstraße 153 bezog, eröffnete Otto Brahm gerade das Deutsche Theater und verschrieb sich der Dramatik von Ibsen und Hauptmann; in den Kammerspielen sollte später im Rahmen einer Inszenierung Max Reinhardts Busonis „Turandot“-Musik aufgeführt werden.

Arthur Nikisch wurde kurz darauf Chef des Berliner Philharmonischen Orchesters und bald trat Richard Strauss seine Stelle als Kapellmeister an der Hofoper Unter den Linden an.

In Berlin konzentrierte sich das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne und Busoni, der regelmäßig die Philharmoniker dirigierte und auch als Pianist auftrat. Als Tonsetzer befand er sich mittendrin, genauer gesagt: auf der Schwelle zwischen einer späten, erdrückend schweren Romantik und einer experimentellen, freigeistigen Epoche namens Klassische Moderne.

Prophetische Vision von Maschinenklängen

Seine futuristische Schrift „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ von 1907, deren Rainer Maria Rilke gewidmete zweite Ausgabe 1916 einen Streit mit dem konservativen, antisemitischen und später pronazistischen Hans Pfitzner entfachte, endet mit der prophetischen Vision eines maschinell erzeugten elektrischen Klanges. Der entscheidende Satz: „Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung.“

Es ist nur folgerichtig, dass ein Avantgardist wie Arnold Schönberg dieses auch sprachlich faszinierende Werk akribisch durcharbeitete. Und es ist kein Zufall, dass dessen „Pierrot Lunaire“ 1913 vor ausgesuchtem Publikum in jener Wohnung am Schöneberger Viktoria-Luise-Platz 11 zur Aufführung kam, in die Busoni mit seiner Frau 1909 gezogen war.

Eine Gedenktafel erinnert daran: Bis zu seinem Tod 1924 diente sie ihm als Wohnsitz, mit Ausnahme der Kriegs- und Nachkriegsjahre 1914 bis 1920, in denen der „feindliche Ausländer“ ins neutrale Zürich vertrieben wurde.

Avanciertes Klavierwerk

Traditionalistisch und doch wegweisend – so ließe sich das Werk Busonis beschreiben. Mit seinem durch facettenreiche Schönheit bestechenden, eher konventionellen Violinkonzert bewegt er sich gerade noch auf der Höhe seiner Zeit.

Und sein von Alfred Brendel, dem ersten Gewinner des jährlich ausgetragenen Bozener Busoni-Klavierwettbewerbs, als „monströs überladen“ kritisiertes Klavierkonzert überwältigt tatsächlich. Hätte der Busoni-Freund Gustav Mahler ein Klavierkonzert komponiert, es wäre wohl ähnlich monumental ausgefallen.

Von früher Reife zeugt seine zweite Violinsonate, die er in Berlin schrieb. Avancierter entwickelt sich sein Klavierwerk, vor allem seine alles andere als kleinen oder leichten Sonatinen, die die Sonatenform regelrecht dekonstruieren. Kurz: Jahre vor der „Erfindung“ der Zwölftonmusik erschüttert Busoni die herkömmlichen Vorstellungen von Tonalität und Harmonik.

Mit der Rückkehr setzt letzte Schaffensphase ein

Hundert Jahre ist es jetzt her, dass der große, oft verkannte Schwellen-Komponist nach Berlin und in seine Wohnung am Viktoria-Luise-Platz zurückkehrte. Man hatte ihm eine Meisterklasse an der Akademie der Künste angeboten: Zu seinen Schülern zählten etwa Kurt Weill und Ernst Krenek.

Mit der Rückkehr setzt eine letzte, wesentliche Phase seines Schaffens ein, deren Hauptwerk, die Fragment gebliebene Oper „Doktor Faust“, erst posthum uraufgeführt werden konnte. In Berlin war das zu Unrecht wenig geliebte, überaus komplexe Werk zuletzt an der Staatsoper unter Daniel Barenboim zu erleben, mit Roman Trekel in der Hauptrolle.

Allerdings konnte niemand bisher in ihr so brillieren wie einst Dietrich Fischer-Dieskau. Busoni, den Max Oppenheimer auf einem Gemälde klarvierspielend verewigt hat, schrieb zuvor bereits drei Opern. Zum einen „Die Brautwahl“ nach E. T. A. Hoffmann, den er verehrte wie sonst wohl nur Goethe und dessen Bücher in seiner riesigen Bibliothek enormen Raum einnahmen. Dann den Einakter „Arlecchino oder Die Fenster“ und eben „Turandot“, zu der er seine Bühnenmusik umgestaltet hatte.

Früher Verfechter des geeinten Europas

Sein Opus Magnum aber wurde das „Doktor Faust“-Fragment. Mit dem selbstverfassten Libretto entfernt er sich, wie später Thomas Mann mit seinem „Doktor Faustus“, vom Goethe-Text. Das Ergebnis ist eine Künstleroper, die ins Transzendente driftet – wobei Faust immer ein Zweifelnder bleibt.

Ferruccio Busoni war ein früher Verfechter der Idee eines geeinten Europa. Und einer, der immer wusste, dass kein Volk anderen Völkern überlegen ist, sondern allein derjenige, der es versteht, Grenzen zu überschreiten.

Begraben liegt er auf dem Friedenauer Friedhof, auf dem auch Paul Zech, Oskar Pastior und Marlene Dietrich ruhen. Sein Grab ziert eine Skulptur von Georg Kolbe, die, so beschreibt es der Busoni-Biograf Reinhard Ermen, einen „der Menschheit zufallenden Genius“ darstellt. Man braucht bloß die Arme auszubreiten und diesem Genius offen zu begegnen.

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