Selbsterklärter Orgelnerd. Für Konzertreisen ließ sich Cameron Carpenter 2014 seine Digital Touring Organ bauen. Foto: Thomas Grube
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Ein unterschätztes Instrument? „Die Orgel ist der Vorläufer des Computers“

2021 ist das Jahr der Orgel. Cameron Carpenter hat das Instrument schon als Kind für sich entdeckt. Ein Gespräch.

Cameron Carpenter hat mit seinen Auftritten, unter anderem in der Berliner Philharmonie, das Image der Orgel als sakralem Instrument verändert und neue Fans für die Konzertorgel gewonnen. Der 39- Jährige wurde im US- Bundesstaat Pennsylvania geboren und hat die American Boychoir School und die Juilliard School besucht. Seit 2010 lebt er in Berlin.

Um die Möglichkeiten der digitalen Orgel voll auszureizen und auf Touren nicht immer ein anderes Instrument spielen zu müssen, ließ er sich die fünfmanualige digitale International Touring Organ bauen. Er stellte sie 2014 erstmals der Öffentlichkeit vor im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Weißensee. Carpenter spielt neben dem klassischen Orgelrepertoire auch Bearbeitungen. Sein Album „Rachmaninoff & Poulenc“ mit dem Berliner Konzerthausorchester erschien 2019. Während des Corona- Lockdowns im Frühjahr 2020 trat er mit der Touring Organ vor Berliner Pflegeheimen auf.

Herr Carpenter, was ist das Besondere an der Orgel, was unterscheidet sie von allen anderen Instrumenten?
Zeit. Nur die Orgel befreit den Spieler von den Ketten der Zeit – indem sie einen Ton endlos hält. Wenn mindestens ein Register eingeschaltet ist, bleibt der Ton so lange, wie die Taste gedrückt wird. Das klingt harmlos oder nebensächlich, aber es ist elementar. Denn es bedeutet, dass die Musik nicht an die Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers gebunden ist.

Als Sänger, Geigerin oder Blechbläserin schaffe ich vielleicht drei, maximal zehn Sekunden. Aber die Orgel ist keine Verlängerung des Körpers, sie ist eine freistehende Maschine. Sie basiert auf binärer Mathematik. 1 und 0 an der Kaffeemaschine bedeutet natürlich nicht nur Ein und Aus, sondern auch Ja und Nein.

Eine Polarität, die nicht nur der Digitalisierung, sondern dem ganzen Universum zugrunde liegt. Die Orgel ist der Vorläufer des Computers, und die digitale Orgel, wie ich sie spiele, ist weder ein Newcomer noch eine Evolutionsstufe der traditionellen Pfeifenorgel. Vielmehr geht sie dieser voraus, sie ist geradezu ihre Bedingung – weil diese eben binär funktioniert.

Was dachten Sie, als Sie hörten, die Orgel ist „Instrument des Jahres 2021“?
Ich war natürlich begeistert. Immer, wenn der Orgel irgendwo Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht wird, bin ich entzückt. Außerdem freue ich mich, dass das „Jahr der Orgel“ ausgerufen wurde und nicht etwa das „Jahr der Pfeifenorgel“. Es wäre ein Fehler, nicht auch die digitale Orgel miteinzubeziehen. Oder die Hammondorgel. Und sogar das Harmonium.

Zumindest in Europa schwinden die Bindungskräfte der Kirchen rapide. Was bedeutet das für die Ausbildung des Orgelnachwuchses?
Die Kirche war jahrhundertelang ein Partner der Orgel und die Orgel das öffentliche Instrument schlechthin. Johann Sebastian Bach hat die Orgel in der Thomaskirche nie alleine gespielt, schon für den Betrieb der Blasebalge waren Helfer nötig. Dass ein junger Organist heute die Möglichkeit hat, 24 Stunden am Tag zu Hause zu üben, ist ein hohes künstlerisches Gut. Die Identität eines Künstlers oder einer Künstlerin entwickelt sich in der Regel in Einsamkeit. Wer die digitale Orgel verdammt, macht meiner Meinung nach ein antikünstlerisches Statement.

Wie haben Sie als Kind die Orgel für sich entdeckt?
Ich wurde im Homeschooling unterrichtet. In den USA ist das legal. Mit vier bekam ich eine Enzyklopädie für Kinder, das war 1985, prä-Internet. Darin wurden alle Instrumente ausführlich beschrieben. Die Orgel hat mich sofort fasziniert. Als Kind war mir nur klar: Ich trete gerne auf, verkleidete mich gerne, bin unendlich angezogen von der Orgel – und unendlich ratlos gegenüber der Kirche. Ein Konflikt, den ich in der Pubertät deutlich spürte.

Mit elf trat ich der American Boychoir School in Princeton bei, wir machten Tourneen in den USA und Europa, zusätzlich gab ich Konzerte in Kirchen und Konzertsälen. Und doch war da immer dieser Konflikt. Ich hatte sogar eine Phase, in der ich dachte: Wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich vielleicht gläubig werden. Es gelang mir nicht.

Wie ging es beruflich weiter?
Beim Studium an der Juilliard School musste ich feststellen: Bei den internationalen Wettbewerben werden Organisten nicht angenommen. Weil es für sie im Fall eines Sieges keine Präsentationsmöglichkeiten gibt. Mir wurde klar: Wollte ich eine Karriere haben, die meine Ambitionen als Performer befriedigt, musste ich sie mir nehmen, außerhalb der Kirche. Ich gründete eine kleine Managementfirma in New York, 2010 zog ich nach Berlin. Und dann trat die International Touring Organ in mein Leben.

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Was genau hat Sie an der traditionellen Orgel nicht befriedigt?
Eigentlich bin ich ein Pfeifenorgel-Nerd. Jemand, der sein Leben einer Orgel in einer französischen Kathedrale widmet, hat meine ganze Bewunderung. Aber für Auftritte, die an einem Tag in Südkorea, am nächsten in South Carolina stattfinden, braucht man ein konsistentes Instrument. Ein überzeugendes Konzert zu geben auf einer Orgel, die ich nur ein paar Stunden kenne, ist einfach eine große Herausforderung. Im Übrigen bin ich der Meinung, man muss jede Orgel aus sich heraus beurteilen. Jede ist anders. Generalisierungen führen bei der Orgel zu gravierenderen Fehlern als bei jedem anderen Instrument.

Wie vertraut sind Sie mit den Orgeln in Berlins Kirchen und Konzertsälen und gibt es eine, die Sie besonders schätzen?
Die beste ist wahrscheinlich die von St. Matthias am Winterfeldplatz. Das war auch die erste Orgel, an der ich in Berlin aufgetreten bin. Mit 75 Registern ist sie die größte in einer katholischen Kirche in Berlin – und die kompletteste.

Was bedeutet „komplett“ in diesem Zusammenhang?
Flexibilität, Ausdruck, Klang, einfach die ganze Totalität. Auch in der Philharmonie oder im Konzerthaus stehen gute Orgeln. Aufgrund seiner Kriegsgeschichte hat Berlin aber nicht den Orgelreichtum, den man erwarten könnte.

Was wird die Pandemie für den Beruf des Organisten verändern?
In gewisser Weise haben Organisten am meisten zu verlieren, denn mehr noch als Geigerinnen oder Pianisten müssen sie einen großen Raum voller Menschen kommandieren. Das lernt man nicht auf Instagram. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Orgelszene zurückschlittert ins kultische Denken der 60er und 70er Jahre. Damals war Musikwissenschaft wichtiger als aufregende Auftritte, die exakte Kopie historischer Tempi bedeutsamer als die Befriedigung eines großen Publikums.

Sie blicken pessimistisch in die Zukunft?
Selbst wenn die Pandemie morgen komplett verschwindet, gibt es immer noch den Klimawandel – und das, was er für Orchestertourneen bedeutet. Der Londoner Künstlermanager Jasper Parrott hat schon 2019 – also vor der Pandemie – in einem Interview mit dem Magazin „Van“ gesagt, das klassische Musikgeschäft werde mit dem Verschwinden der Orchestertourneen kollabieren.

Hinzu kommt: Wenn das Konzertleben demnächst in einer Schrumpfversion, als Schatten seines früheren Selbst, zurückkehren sollte – wer wird dann wohl die ganzen verschobenen Termine verstopfen? Cameron Carpenter natürlich! Können Sie sich ausmalen, was das für junge Talente an der Orgel bedeutet? In der Szene herrscht Verzweiflung.

Das sind sehr schwarze Töne. Wollen wir das Gespräch mit einer lichteren Note beenden?
Natürlich. Ich denke auch, dass sich die Orgelwelt neu finden wird. Talent ist zeitlos. Wer musikalisch etwas zu sagen hat, wird einen Weg finden.

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