Berlin, die junge Berlin, die junge Millionenstadt. George Grosz’ „Passanten“, 1926. Foto: © Estate of George Grosz, Princeton/VG Bildkunst, Bonn 2022
© © Estate of George Grosz, Princeton/VG Bildkunst, Bonn 2022

Ein neues George-Grosz-Museum für Berlin An die Bülowstraße, wo das Großstadtleben tobt, passt die Kunst von Grosz perfekt

Wiederbelebung einer Tankstelle: Wo einst Sprit floss, gibt es jetzt Cappuccino im Museumscafé. Zehn Sonderausstellungen in fünf Jahren sind geplant.

Alle paar Minuten donnert eine U-Bahn dicht am Garten vorbei. Die gelben Waggons blitzen kurz zwischen Bambusbüscheln und märkischem Kiefern auf, die eine tiptop sanierte Shell-Tankstelle im beschwingten Design der Wirtschaftswunderjahre wie eine schützende Hecke umschließen. Cappuccino statt Sprit: Welch ein zauberhafter Ort für ein Museumscafé mitten in der Stadt!

Der Weg zu dieser grünen Oase führt an Dönerbuden, billigen Bars und Straßenprostituierten vorbei. Das Spießige, Schrille und Schräge wohnt an der Bülowstraße dicht beieinander, trotz brachialer Sanierung durch die Neue Heimat seit den 1960er-Jahren.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Heute hält die landeseigene Gewobag als größte Vermieterin in der Gegend die Hand schützend über das Milieu und lindert der Gentrifizierungsdruck und lässt die Wohnhausfassaden mehrstöckig von internationalen Street-Art-Künstlern bemalen. Sie steht auch hinter der Stiftung, die das Street-Art-Museum Urban Nation in der Bülowstraße betreibt. Der Straßenstrich zwischen Potse und Nollendorfplatz mausert sich zur Kunstmeile.

Ein George-Grosz-Museum passt da gut hin. Auf der Bülowstraße geht es laut und roh zu wie auf den Großstadtbildern von Grosz, die 100 Jahre alt sind und kein bisschen gealtert. Alles an diesem Museumstandort wirkt ein wenig surreal und dadaistisch.

Der Galerist und Grosz-Liebhaber Juerg Judin ließ die Tankstelle sanieren

Das Eckgrundstück an der Frobenstraße mit der Tankstelle erwarb vor einigen Jahren der Grosz-Liebhaber Juerg Judin, der eine Galerie in der ehemaligen Tagesspiegel-Druckerei an der Potsdamer Straße betreibt. Er ließ die Tanke denkmalgerecht zur Privatvilla mit Garten ausbauen. Nun wechselt Judin den Wohnort und vermietet die Immobilie an den Verein „George Grosz in Berlin“, der schon seit geraumer Zeit nach einer passenden Location für eine Dauerpräsentation in Berlin suchte.

Angeführt wird der Kreis der Grosz-Verehrer von Ralph Jentzsch, dem Nachlassverwalter des Künstlers, der 2018 eine Grosz-Retrospektive im Bröhan-Museum kuratierte. Arbeiten auf Papier aus allen Schaffensperioden begegnet man in der kleineren Dauerausstellung nun wieder, die das Erdgeschoss eines ehemaligen Wohnanbaus füllt: von den giftigen Lithografien der 1917 erschienenen „Kleinen Grosz-Mappe“, auf die der Name des Kleinen Grosz Museums anspielt, bis zu den schrillen Fotomontagen, mit denen der Künstler die US-Konsumkultur nach dem Zweiten Weltkrieg verspottete.

„Gross vor Grosz“ lautet der Titel der ersten Ausstellung

Eine schmale Treppe führt ins Obergeschoss, dort ist Platz für Wechselausstellungen. Zurzeit sind dort 50 frühe Arbeiten unter dem Motto „Gross vor Grosz“ zu sehen. Als Georg Ehrenfried Gross wurde der Künstler 1893 in Berlin geboren, ab 1916 nannte er sich George Grosz. Die ältesten ausgestellten Werke sind Karikaturen, Malaufgaben und Strafarbeiten aus den Schulheften des Elfjährigen.

Ein großes Skizzenblatt mit Dutzenden Figuren und Szenen von 1907/08 beweist die unbändige Lust am Zeichnen und an satirischer Zuspitzung. Ein Landschaftsaquarell in gedämpften Tönen zeigt eine Winteransicht der Industrielandschaft im pommerschen Stolp, wo der Junge zeitweise mit seiner Mutter wohnt und das Gymnasium besucht. Dort wird er auffällig, als der 15-Jährige die Ohrfeige eines Lehrers mit einer Ohrfeige erwidert.

Männer, die mit geballter Faust den Mond verfluchen

1910 veröffentlicht das Berliner Satireblatt „Ulk“ erstmals eine Arbeit, Grosz hofft auf eine Karriere als Witzblattzeichner. Die Ausbildung an der konservativen Dresdner Kunstakademie ödet ihn an, 1912 wechselt er an die fortschrittlichere Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums, geleitet von Bruno Paul, selbst ein berühmter Karikaturist.

Grosz durchstreift die junge Millionenstadt mit ihren Brachen und Baustellen: „Ich zeichnete Betrunkene, Kotzende, Männer, die mit geballter Faust den Mond verfluchen, Frauenmörder, die skatspielend auf einer Kiste sitzen, in der man die Ermordete sieht. Ich zeichnete Weintrinker, Biertrinker, Schnapstrinker und einen angstvoll guckenden Mann, der sich die Hände wäscht, an denen Blut klebt. Ich zeichnete fliehende Männchen, die einsam und wie wahnsinnig durch leere Straßen liefen.“

So messerscharf er den Stift handhabt, so wenig taugt er als Soldat

Während des Ersten Weltkriegs bringt Grosz sich autodidaktisch die Ölmalerei bei und findet zu seinem unverwechselbaren, aggressiven Zeichenstil. Auf die explodierenden Gewaltverhältnisse reagiert er mit der schonungslosen Entblößung von Autoritäten, der geschärften Darstellung von Brutalität, Schäbigkeit, Armseligkeit. So messerscharf er den Stift handhabt, so wenig taugt er als Soldat.

Zweimal wird er nach einer Einberufung zum Militär sofort so krank, dass er im Lazarett statt im Schützengraben landet und als dienstuntauglich zurückgestellt wird. Auf dem Rückweg von der Front hält er 1915 das Unheroische der Kriegsführung fest.

In diesen Tagen wirken Grosz' Kriegsbilder nochmals zeitlos

Vor den Ruinen zerschossener Häuser ist eine Landstraße mit den Leichen von Zivilisten übersät. Grosz skizziert lediglich die Umrisse der verdrehten Körper. Wie zeitlos wirkt dieses Zeichenblatt in diesen Tagen!

Es ist keine neue Erkenntnis, dass George Grosz kein Kind der Zwanzigerjahre war, in denen er berühmt wurde. Bereits die Gesellschaft und das Berlin der Kaiserzeit hat er mit scharfem Strich demaskiert, sich in dieser Auseinandersetzung gefunden. Die Ausstellung und der ausführliche Katalog lenken den Blick auf ein junges Talent in einer autoritären Gesellschaft, in einer Vorkriegs- und Kriegssituation. Es hat etwas Erschütterndes und Tröstliches, wie Wut und Weltekel in seiner furiosen Kunst aufgehoben sind.

[Bülowstraße 18, 10783 Berlin, geöffnet Sa - Mo u. Do, 11 - 18 Uhr, Fr 11 bis 20 Uhr. Tickets unter: https://www.daskleinegroszmuseum.berlin/. Katalog 30 Euro.]

Das Kleine Grosz Museum soll fünf Jahre auf dem Tankstellengelände zur Miete wohnen. In dieser Zeit sind zehn Sonderausstellungen zu diversen Themen und Schaffensphasen geplant. Für eine Bürgerinitiative ein ambitioniertes Projekt. Aber die Rechnung dürfte aufgehen, dank der einzigartigen Location und der Zugkraft von Grosz. Sein neues Museum ist zwar wirklich klein, aber oho.

Zur Startseite