Der Schauspieler Bruno Ganz. Foto: imago/ ZUMA Press
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Ein Interview mit Bruno Ganz "Ich musste noch nie Wasser abpumpen"

Doris Kuhn

Der Schauspieler Bruno Ganz war einer der ganz Großen seines Faches. Zu seinem Tod veröffentlichen wir ein Gespräch von 2011 - über seine Wahlheimat Venedig.

Bruno Ganz ist in Zürich geboren und nun am 16. Februar dort gestorben. Neben seiner Heimatstadt lebte er lange in Berlin und Venedig. Ein Tagessspiegel-Interview von 2011, in dem er über seine Liebe zu Venedig spricht, veröffentlichen wir aus Anlass seines Todes zum ersten Mal online.

Herr Ganz, Sie leisten sich Residenzen in gleich drei europäischen Städten. Warum?

Das hängt mit meiner Biografie zusammen: Ich stamme aus Zürich, also habe ich dort einen Wohnsitz. Ich bin lange Zeit als Schauspieler am Theater in Berlin gewesen, dort brauchte ich auch eine Wohnung.

Und ich habe 1999 einen Film in der Stadt Venedig gedreht, bei dem ich mir gedacht habe: Warum soll ich hier nicht wohnen? Ich kann etwas Italienisch, denn meine Mutter ist Italienerin. Wieso also nicht: Venedig? Diese Stadt ist das Großartigste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.

Viele Venedig-Besucher sind wie Sie überwältigt - und fahren dennoch wieder heim.

Ich habe erst einmal "Brot und Tulpen" fertig gedreht. Am Ende dieser Wochen stand für mich fest, dass ich mich darum kümmern werde, in Venedig eine Wohnung zu ergattern. Das habe ich dann getan.

Eine Wohnung in Venedig finden - das kann nicht leicht sein.

Ich fand eine Agentur, die mir Immobilien anbot. Da ich zu der Zeit in Triest einen Film drehte, waren es nur anderthalb Stunden Bahnfahrt bis Venedig. Ich konnte mir also jeweils die Wohnungen anschauen, und irgendwann war meine dabei. Zuerst gab es ein Problem, weil man mir das ganze Haus verkaufen wollte, das hätte ich finanziell nie schaffen können. Aber schließlich bekam ich den dritten Stock. Und die Altana darauf, den typischen hölzernen Balkon auf dem Dach.

Haben Sie bei der Besichtigung der Wohnungen prächtige Dinge gesehen?

Es gibt Objekte, die man gar nicht zu sehen bekommt, denn die prächtigen Wohnungen kosten ungeheuer viel Geld. Doch ich bin bei anderer Gelegenheit mit jemandem unterwegs gewesen, der mit Immobilien handelt. Da bin ich in das Innere von richtig großen Palazzi gekommen. Einer davon steht am Canal Grande und ist berüchtigt, denn es heißt, alle Besitzer hätten Selbstmord begangen. Ein Unglückshaus also, für das sich übrigens Woody Allen eine Zeit lang interessierte. Dort sah ich dann das, was man sich unter Innenräumen in Venedig vorstellt: das Piano Nobile, also das Wohngeschoss, riesengroß im ersten Stock, viele Spiegel, Verzierungen, sehr hohe Räume.

Mussten Sie in Ihrer Wohnung viel herrichten?

Ja, das Haus stand zehn Jahre leer. Aber ich hatte Glück, obwohl mir das gar nicht klar war, als ich die Wohnung gekauft habe: Mein Stockwerk wird vom Acqua Alta nicht berührt. Wenn ich bei Hochwasser mit großen Stiefeln in die Stadt gehe und sehe, wie viel dort unter Wasser steht, dann muss ich mir sagen: Ich habe extremes Glück, ich musste noch nie Wasser abpumpen.

Wenn Sie in Venedig leben und jeden Tag von dieser Kulisse umgeben sind: Nehmen Sie die Schönheit noch wahr?

Es gibt eine Phase, während der einen die Alltäglichkeit überrollt. Und es gibt auch die Zeit, in der das Schreckliche überwiegt: das Morbide, der schlechte Zustand vieler Gebäude, der Dreck im Kanal, all das. Da denkt man, man hätte dieses Paradies nun endgültig verloren, diese schönste Stadt, die es überhaupt gibt. Aber dann erobert man sie sich wieder zurück. Ich meine, wer kann schon mit dem Vaporetto zum Rialto fahren und fürs Abendessen einen Branzino kaufen, einen Wolfsbarsch?

Was lieben Sie außerdem an Venedig?

Venedig ist eine Stadt, die sich nicht wesentlich verändert. Man steht in einem intakten Gebilde aus einer anderen Zeit. Hier wurde nur wenig abgeschliffen und der Zeit angepasst, nicht da ein höheres Haus und dort ein neues Haus gebaut. Alles blieb so erhalten, wie es einmal gewesen ist, das gibt es ja nirgendwo mehr. Man lebt fast wie vor 500 Jahren, das hat etwas Fantastisches.

Die 270.000 Einwohner werden jedes Jahr von etwa 16 Millionen Touristen überrollt.

Viele von ihnen sehen Venedig wie ein Museum an. Das ist Blödsinn. Venedig ist eine normale, lebendige Stadt. Das Außergewöhnliche an ihr ist, dass man mit den Bewohnern früherer Zeit auf einer Höhe ist: Man kann sich sehr gut vorstellen, wie Menschen vor 500 Jahren hier gelebt haben, weil man im Wesentlichen die gleichen Transportmittel benutzt, weil die Gässchen und die Fassaden noch so aussehen wie damals.

Fehlt Ihnen nichts aus der modernen Welt?

Oh nein, ich vermisse nichts! Ich habe ja sonst die moderne Welt die ganze Zeit, bis eben auf diese paar Wochen, die ich in Venedig verbringen darf. Außerdem muss man nur auf den Lido übersetzen, 20 Minuten mit dem Schiff, dann ist es schon wieder modern. Da fahren die Autos, die Busse.

Ist die Unveränderlichkeit von Venedig tröstlich?

Es ist wie ein Halt. Weil es eine Zone ist, die ausgespart bleibt von diesem Geschwindigkeitsrausch, von dieser besinnungslosen Gier nach Moderne. Die Stadt hat ihre eigene Zeit. Dazu kommt, dass sie von einer atemberaubenden Schönheit sein kann. Wenn es nur irgendein Loch wäre, das sich nie verändert - ich weiß nicht, ob ich das so toll fände.

Spüren Sie das Meer in der Stadt?

Die Lagune natürlich, und das ist sehr angenehm. Wasser ist ja allgegenwärtig: Das Licht reflektiert auf der Oberfläche der Kanäle, die Hauswände spiegeln sich darin, in der Luft liegt die Feuchtigkeit. Das Meer selber, dafür muss man schon zum Lido fahren und in die Adria reingucken. Die Lagune hat nie wirklich eine Anmutung von Meer.

Von San Francisco heißt es, dass es 15 verschiedene Arten von Nebeln gibt, die vom Meer über die Stadt kommen. Kann man das von Venedig auch sagen?

Es gibt schon viele Arten von Nebeln. Sie unterscheiden sich nach den Jahreszeiten. Die schönsten kommen im Januar.

Können Sie die beschreiben?

Man sieht etwa drei Meter weit, dabei werden die Konturen immer unschärfer. Alles, was weiter als drei Meter entfernt ist, kann man nicht einmal mehr als Umriss wahrnehmen. Selbst helles Licht wird grau. Der Nebel hat etwas sehr Einhüllendes und Warmes. Er mag nachts manchmal unheimlich sein, vor allem in den Gässchen, das ist natürlich genährt durch die Literatur. Da denkt man dann an Leute mit Messern, obwohl in Venedig die Kriminalität eher gering ist. Toll ist der Nebel auch, wenn man mit den Schiffen fährt, womöglich die Lagune quert, auf den Lido hinüber. Wenn man dann dort spazieren geht, findet man wieder einen anderen Nebel, er ist eher bewegter, lichter.

Angst macht Ihnen der Nebel nicht?

Wieso denn? Die Schiffe haben Radar und Positionslichter, sie haben ihre Kurse, und sie tuten auch. Die kennen ihre Routen und stoßen schon nicht zusammen. Wenn die Stadt nur noch schemenhaft sichtbar ist, wenn die Palazzi so weich und fließend eingehüllt sind, das ist einfach sehr schön. Wunderbar!

Wie sieht denn Ihr Alltag in Venedig aus? Gehen Sie morgens zum Bäcker?

In dem Stadtteil, in dem ich wohne, gibt es viele Zweitwohnungen für Ausländer oder für Leute aus Mailand oder Rom. Diese Wohnungen stehen die meiste Zeit leer. Das bewirkt, dass fast alle Einzelhandelsgeschäfte zugemacht haben, die Bäckereien zuerst. Jetzt müssen wir entweder auf den Markt gehen oder in den Supermarkt. Dort holen wir das Brot und was wir sonst so brauchen.

Werden die Läden zu Souvenirshops?

Nicht überall. Das funktioniert nach Angebot und Nachfrage. Es gibt Stadtteile, in denen noch genug Familien leben, das sind die sogenannten Quartieri Popolari wie San Polo oder Castello. Da dort viele Leute wohnen und einkaufen, gibt es alle diese kleinen Läden noch, sogar Fischläden. Doch der Trend geht natürlich nicht dahin, dass die Stadt sich erholt und weitere Quartiere mit Popolari, also mit Einheimischen füllt, sondern der Trend geht dahin, dass die Stadt immer leerer wird und immer mehr reiche Ausländer sich Wohnungen kaufen.

Die Einheimischen werden verdrängt ...

... durch die steigenden Mieten. Das fängt damit an, dass die Leute nach unten ziehen, denn es ist ein Kostenunterschied, je nachdem ob man im ersten Stock wohnt oder im zweiten oder im dritten. Der Preisunterschied ist gewaltig. Oben ist Licht und unten ist es dunkel. In San Polo muss man auch im Sommer den ganzen Tag das elektrische Licht anmachen, weil man in den Wohnungen nichts sieht. Sie sind finster wie Höhlen, denn die Gassen sind so schmal, dass kein Licht nach unten dringt. Deshalb muss man, wenn man Licht will, weiter nach oben, und Licht kostet Geld. Wie alles.

Wie geht es vom Parterre aus weiter?

Der nächste Schritt ist, dass man raus muss aus der Stadt, weil man mit dem, was man verdient, keine Wohnung für die Familie bezahlen kann. Viele Venezianer wohnen in Mestre, auf dem Festland. Sie arbeiten in den Hotels und auf den Märkten und in den Läden, doch sie leben nicht mehr in der Stadt selbst. Die Bevölkerung im historischen Zentrum ist auf 60.000 Einwohner geschrumpft.

Unternehmen die Venezianer nichts dagegen?

Die wehren sich natürlich, einerseits. Andererseits gibt es diesen Fatalismus, mit dem seit Jahren schon Berlusconi geschluckt wird. Da schlucken sie diese Misere eben auch.

Erklären Sie doch bitte die Mentalität der Venezianer etwas mehr.

Das ist eine knallharte Sippe. Schauen Sie sich deren Geschichte an: Sie haben mit ihren Schiffen die halbe Welt beherrscht, sie haben den Türken wahnwitzige Gefechte geliefert. Die Venezianer sind schlau und durchtrieben, sie sind clevere Händler. Ich habe oft über sie gestaunt: An dem Tag, als der Euro eingeführt wurde, bin ich morgens einen Bleistift kaufen gegangen. Da hat mir die Dame mein Wechselgeld so selbstverständlich herausgegeben, als würde das Land seit Ewigkeiten mit Cent und Euro rechnen. Solche Händler sind das.

Das merkt man an den Preisen in Venedig.

Jede Schraube, jede Artischocke, egal was es ist, es muss mit einem Schiff hierher gebracht werden. In dieser Stadt wächst nichts, es wird auch nichts hergestellt außer ein paar Gondeln. Der Rest kommt mit dem Schiff. Es ist ein Riesenaufwand, diese Stadt zu halten.

Sie sagten einmal, Venedig sei die europäischste Stadt, die Sie kennen. Wie definieren Sie eine europäische Stadt?

Wir sind alt. Das unterscheidet Europa von Amerika. Die Amerikaner haben Pop, und dann ist Schluss. Wir haben eine gewachsene Architektur. Man merkt, dass wir ein alter Kontinent sind, und dass es vor 1000 Jahren schon einen enormen Reichtum an Kultur gab. Venedig ist ein Ort, wo man das auf Schritt und Tritt sehen kann: Allein die Steinmetzarbeit an vielen Palazzi, irgendwann im 16. Jahrhundert von lombardischen Steinmetzen gestaltet, ist ein Wunderwerk des Handwerks und der künstlerischen Konzeption. Das ist Europa.

Haben Sie in Venedig die Klischees mitgemacht? Sind Sie etwa Gondel gefahren?

Ich würde ja gerne Gondel fahren, aber die sind so teuer, diese Hallodris! Am besten man schafft sich einen Gondoliere an, den man bei Bedarf anruft. Das hätte ich gern - vor allem nachts ist es reizvoll, mit der Gondel zu fahren. Das ist schließlich auch eine Fortbewegungsart, die der Stadt entspricht, es knattert nicht immer ein Motor hinter einem.

Sie haben kein eigenes Boot?

Nein. Das Boot selber wäre nicht das Problem. Man braucht eine Anlegestelle, und die gehört zu den begehrtesten Dingen in Venedig.

Was sind die anderen?

Das Hüttchen, diese Badekabine, auf dem Lido. Der Parkplatz an der Piazzale Roma - seit Generationen vererbt. Das Grab auf der Friedhofsinsel San Michele - seit Generationen vererbt. Und der Liegeplatz für das Boot. Das sind die vier Sachen, die bei Venezianern immer in der Familie bleiben.

Schauen Sie sich manchmal die Touristenhölle hinter Punta Sabbioni an?

Die Touristen werden sowieso alle schiffsweise nach Venedig hereingekippt. Da muss ich nirgends hinfahren, die ganze Stadt ist voll von ihnen. Dafür hat zum Leidwesen der Venezianer der Hemingway-Tourismus aufgehört.

Was sind denn Hemingway-Touristen?

So nannte man die Amerikaner, die im Hotel Gritti abstiegen und locker mal 10.000 Euro in der Woche ausgaben, nur um dort zu wohnen. Natürlich gingen die auch entsprechend essen und waren entsprechend angekleidet. Das ist vorbei.

Was die Stadt jetzt hat, ist der Massentourismus. Die Touristen kommen frühmorgens mit dem Schiff von Zeltplätzen auf dem Festland. Abends werden sie wieder dorthin zurückgebracht. Sie füllen Venedig den ganzen Tag, das ganze Jahr über.

Das muss eine Stadt verändern.

Es ist manchmal niederschmetternd, diese Unmassen von Menschen, deren Anblick nicht wirklich Freude macht. Sie kommen mit dem Vorsatz in die Stadt, kein Geld auszugeben, und als Erstes kaufen sie sich eine Narrenkappe für 15 Euro. Dann schieben sie sich durch den Ramsch von Souvenirs und sehen nichts von dieser Stadt. Sie haben nicht einmal San Marco wirklich gesehen! Allein um die Basilika anzuschauen, nur von außen, bräuchte ich mehrere Stunden.

War das bei den Hemingway-Touristen anders?

Früher wusste wenigstens ein Teil der Touristen, was Venedig ist. Sie kannten die Geschichte und wollten einen bestimmten Stein in einer Kirche sehen. Sie gingen selbstverständlich in die Gallerie dell' Accademia, oder sie wollten die Scuola Grande di San Rocco ansehen, weil da alle wichtigen Tintorettos hängen, und so weiter. Der Hemingway-Tourismus wiederum war zentriert auf Harry's Bar. Das ist auch wieder eine Sache für sich.

Macht Sie diese Menge der Besucher aggressiv oder deprimiert?

Ich übe mich in Gleichmut. Als Gegengewicht gibt es die italienische Lebensart.

Kennen Sie denn viele Venezianer?

Ja, ich kenne eine ganze Menge Leute. Wenn man mit denen über das Versinken der Stadt reden will, machen sie höchstens eine abfällige Geste. Zu mehr lassen sie sich nicht herab. Denn diese Stadt wird ewig bestehen. Das glauben jedenfalls die Venezianer. So ist das eben in Italien: Jeder findet seinen eigenen Kirchturm am tollsten.

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