Auch in Berlin ist der Dichter präsent: das Heinrich-Heine Denkmal im Weinbergspark. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Ein Hörbuch zum Werk von Heinrich Heine Seine Gedanken waren immer frei

Die letzten acht Jahre seines Lebens war Heinrich Heine bettlägrig. Doch geistig blieb er hellwach in seiner "Matratzengruft", wie man jetzt hören kann.

„Anfangs wollt‘ ich fast verzagen, und ich glaubt, ich trüg es nie. Und ich habe es doch getragen – aber fragt mich nur nicht, wie.“ Die Verse, die Richard Grasshoff an den Anfang und ans Ende seines Heinrich-Heine-Hörbuchs stellt, dürften gerade so machen Pandemiegeplagten aus dem Herzen sprechen.

Der Dichter allerdings, dem das tönende 75-minütige Porträt gilt, hat weitaus schlimmere Qualen durchleiden müssen als Berufsverbote und Dauerlockdowns: Nachdem er sich schon in jungen Jahren eine Neurosyphilis zugezogen hatte, die sich über die Nervenbahnen auf das Rückenmark auswirkt, kam es erst zu Sehstörungen, Lähmungserscheinungen und Schmerzkrämpfen, ab 1848 war er dann vollständig bettlägerig. Körperlich ein Verfallender, geistig aber noch so klar, gedanklich so scharfsinnig wie zuvor.

Bis zu seinem Tod acht Jahre später wird Heine sein Bett zur „Matratzengruft“. In die Kissen gedrückt, arbeitet er aber unermüdlich weiter, schreibt Gedichte und Prosa, übersetzt Texte aus seiner Muttersprache Deutsch ins Französische, die Sprache seiner Wahlheimat. Und er empfängt in seiner Pariser Wohnung Freunde und Bewunderer aus aller Welt.

Heine ist stets im Angriffsmodus

Aus den Berichten der Zeitzeugen und Heines Werken hat Richard Grasshoff eine Textcollage komponiert, die umfassende Einblicke in die Gedankenwelt des politisch denkenden Dichters ermöglich. Im Wechsel der Stimmen von Annette Daugardt und Uwe Neumann wird dabei der Facettenreichtum seiner Persönlichkeit auch ganz praktisch-akustisch erlebbar. Mit seinem Hörbuchverlag Vocalbar hat sich Grasshoff auf Klassiker der deutschsprachigen Literatur sowie Philosophisches spezialisiert.

Als schöpferischer Geist wie als Bürger ist Heine stets im Angriffsmodus, fordert Veränderung, Weiterentwicklung. Doch seine beißenden Satiren über die pedantischen Deutschen können auch umschlagen in sentimentale Gefühlsaufwallungen, wenn ihn das Heimweh packt, der Spott über das bevorstehende ewige Leben als „Tugendflamme im Äther“ wird kontrastiert durch Todesangstfantasien vor dem „bösen Thanatos“. Geistreich-giftig ist das Gedicht von der Morgentoilette der Marie Antoinette, die mit ihrer adligen Entourage das traditionelle Hofzeremoniell zelebriert, kopflos allerdings, als Reigen guillotinierter Geister.

Zum Höhepunkt wird ein religiöser Maulkampf

Wunderbar selbstironisch berichtet der Autor davon, wie er sich als Student in Berlin vom Philosophen Hegel zum Irrglauben verführen ließ, der Mensch sei ein „zweibeiniger Gott“, und wie er dann, von devoten Jüngern und Jüngerinnen verehrt, selig in seiner eigenen Glorie existierte, bis die Krankheit ihn ins irdische Elend zurückwarf. Dann wieder folgen in diesem poetischen Potpourri eine romantische Träumerei von der Flucht in die Waldeinsamkeit oder ein Loblied auf die Ehefrau Mathilde, deren stets heiteres Gemüt Heine über schwere Stunden hinweghilft.

Zum Höhepunkt des Hörbuchs aber wird die wortgewaltige, 12-minütige „Disputation“, ein in beißenden Versen geschilderter „Maulkampf“ im mittelalterlichen Spanien. Wie ein jüdischer Rabbiner und ein katholischer Mönch die Überlegenheit der eigenen Religion nachzuweisen versuchen, das fechten Anette Daugardt und Uwe Neumann hier äußerst effektvoll vor den Mikrofonen aus.

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