Posen für die Kamera. Shardar Goshen und Theophilus Vesely. Foto: Jeanette Bak
© Jeanette Bak

„Dying Swans“ auf Youtube Sie tanzen gegen die Krise an

Die Stuttgarter Tanzkompanie will mit ihrem Projekt „Dying Swans“ Hoffnung in schweren Zeiten spenden. Zu sehen sind wunderschöne 16 Tanzsoli.

Viele Tanzkompanien haben während des Lockdowns Streamings gezeigt, doch nicht alle können sich damit anfreunden. Eric Gauthier, der künstlerische Leiter der Stuttgarter Kompanie Gauthier Dance, hat sich bewusst dagegen entschieden.

Das ganze Flair einer Theateraufführung gehe beim Streamen verloren, sagt er: „Wenn die Leute zu Hause hocken und Popcorn essen – das ist nicht dasselbe.“ Doch für den Kompaniechef stellte sich immer dringlicher die Frage, wie er seine 16 Tänzer:innen bei der Stange halten kann.

Als Gauthier seinen Tänzer:innen mitteilte, dass im Februar und März und wohl auch im April coronabedingt keine Vorstellungen stattfinden können, ließen sie die Köpfe hängen. „Da habe ich gedacht: Sie sehen alle wie sterbende Schwäne aus“, erzählt er am Telefon. Er wollte, er musste etwas unternehmen, um ihnen wieder Mut zu machen. Wenig später war die Idee zum Projekt „The Dying Swans“ geboren.

Bei Gauthier Dance sind acht Frauen und acht Männer engagiert, entsprechend hat der Kompaniechef auch acht Choreografen und acht Choreografinnen beauftragt, jeweils ein Solo sie zu kreieren. Das Line-up kann sich sehen lassen. Es sind internationale Stars dabei wie Mauro Bigonzetti aus Italien oder Itzik Galili aus Israel, aber auch freie Choreograf:innen aus der Stuttgarter Szene.

Aus Berlin hat Constanza Macras mitgemacht. Weil die Performances zunächst nicht auf der Bühne gezeigt werden können hat Gauthier in einem zweiten Schritt 16 Filmemacher:innen gesucht, um die Inszenierungen aufzunehmen. Er fand sie an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg.

Hochästhetische Videokunstwerke

Blieb noch die Frage nach der Musik. „Ich habe zunächst gedacht, das wir uns einfach eine Musik suchen. Aber da war ich ein bisschen naiv. Denn Musik im Film zu benutzen, ist extrem teuer.“ Deshalb engagierte Gauthier auch noch 16 Komponist:innen, insgesamt hat er 64 Künstler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen mit Jobs versorgt.

Entstanden sind 16 hochästhetische Videokunstwerke, die sich alle in ihrer Bildsprache unterscheiden. Die Tanzsoli wurden entweder auf der Bühne oder im Ballettsaal aufgenommen; gedreht wurde auch in Wohnhäusern oder in der Landesbibliothek, draußen in Parks oder an einem Kanal.

Die Vorgabe war, dass die Soli nicht länger als zwei bis drei Minuten sein sollten. Wie stark sie sich auf das legendäre Solo „Der Sterbende Schwan“ von Michel Fokine beziehen, war den Choreograf:innen überlassen. Es wird heftig geflattert, Fokines Armbewegungen sind abgewandelt und mit einer zeitgenössischen Energie aufgeladen worden. Viele Solos fangen einen emotionalen Ausnahmezustand ein zwischen Verzweiflung und Aufbegehren.

Ab Donnerstag auf Youtube zu sehen

Gauthier selbst ist der einzige, der sich direkt auf die Pandemie bezieht. In seiner Choreografie „Covid Cage“ kommt dem Tänzer Andrew Cummings die eigene Wohnung wie ein Käfig vor. Als eine Frau mit weißem Haar die Wohnung betritt, bekommt er erst Panik.

Dann sieht man das Pflaster auf dem Oberarm der Frau – da, wo sie geimpft wurde. Es folgt eine lange, innige Umarmung von Mutter und Sohn. „This is not the end“, heißt es im Abspann. Das Projekt, das Gauthier in Rekordtempo auf die Beine gestellt hat, will Hoffnung machen. Und die Tänzer:innen sind fabelhaft – verletzlich und kraftvoll, expressiv und anmutig.

Die Videoclips kann man sich ab Freitag (16. April) auf dem Youtube-Kanal des Theaterhaus Stuttgart anschauen. Wenn es die Infektionslage zulässt, werden die Stücke dann am 22. und 23. Mai bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen live aufgeführt.

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