Heiner Müller steht 1994 vor der Büste von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble. Foto: Jan Bauer/ dpa
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Dramatiker Heiner Müller Protagonist der Zukunft

Heiner Müller ist im Angesicht des Todes viel fragiler, wehmütiger und im Schweren immer federleichter geworden: Die Literaturkolumne "Fundstücke".

In diesem Januar hätte er seinen 90. Geburtstag gehabt. Aber Heiner Müller konnte ja nie so alt werden. Als er ein paar Jahre nach der Wende die Diagnose Speisenröhrenkrebs bekam, wollte er deswegen sein vergehendes Leben nicht mehr ändern, trank weiter Whisky und rauchte seine Zigarren. Die Leber aus Platin und der Kopf selbst nach einer Flasche Chivas Regal noch brillant. Ende 1995 starb Heiner Müller – und schien ab da im Nachruhm unsterblich.

Ein Vierteljahrhundert später wird er von den Theatern zwar immer noch in Programmheften oder auch mit Texteinsprengseln auf der Bühne zitiert (etwa bei Aufführungen „nach“ Shakespeare). Doch seine Stücke stehen kaum noch auf dem Spielplan. Obwohl genuine Theaterstücke von genuinen Dramatikern überhaupt immer seltener auf deutschen Spielplänen stehen und stattdessen performative Aneignungen von Filmdrehbüchern oder Romanen, ist die plötzliche Abwesenheit des Theaterautors H. M. doch auffällig. Zumal im 30. Jubiläumsjahr der Wende, bei der ihm am besten gefiel, als inmitten einer Masse von Leuten, die „Wir sind das Volk“ bekundeten, ein Einzelner sein Plakat mit der Botschaft „Ich bin Volker“ emporhielt.

Alles legendär, vieles vorbei

In den Vor- und Nachwendejahren war Heiner Müller auf Podien und bei Interviewern ungeheuer beliebt, weil er als Wanderer zwischen den Welten, halb DDR-Dissident, halb DDR-Star, mit bitterem Scharfsinn und sarkastischem Witz nie geizte.

Alles legendär, vieles vorbei. Auch das spezifische Müllergemisch aus blutigem Pathos und Horrorhumor in den Dramen, die sich – vom „Lohndrücker“ über den „Auftrag“ bis zu „Germania Tod“ – an Weltgeschichte, Macht, Sex und irgendwie realutopischem Sozialismus abarbeiteten, auch das wirkt heute aus der Zeit gefallen. Dabei ergeht’s Heiner Müller im Theater wohl ähnlich wie zuvor schon Brecht. Stücke à la „Mutter Courage“, „Der gute Mensch von Sezuan“ oder „Galileo Galilei“ sind dialogisch meisterlich geschrieben, aber erscheinen mit ihrer eleganten Dialektik und schlauen Übersichtlichkeit zu perfekt und dadurch eher unterkomplex: gegenüber den nicht mehr in Antagonismen wie Kapitalismus und Kommunismus auflösbaren Widersprüchen der Gegenwart. Müller, der nicht bloß der Erbe, sondern auch Überwinder Brechts sein wollte, hat sein Vorbild freilich durch den ihm eigenen, gewiss aktuelleren Geschichtspessimismus konterkariert. Und dennoch bleibt Brechts und Müllers Problem: Bei ihnen beiden ist der Autor immer erkennbar intelligenter als ihre Figuren. Alles ist von einem höheren Standpunkt bewegt, die Dramaturgie schließt das Moment der Selbstüberraschung und des Unergründlichen, des poetischen Geheimnisses aus. Das ist der Unterschied zu Shakespeare, Kleist, Tschechow oder selbst Horváth.

Ein fast philosophischer Poet

Was nun immer weitergespielt wird: Heiner Müllers bald 25 Jahre alte Inszenierung von Brechts „Arturo Ui“, mit Martin Wuttke und der rausgestreckten blutigen Zunge und den an der Rampe zum Hakenkreuz verrenkten Armen (Premiere am 3. Juni 1995). Brecht & Müller vereint als schönes Museumsstück. Im Übrigen inszeniert man am BE jetzt „heiner 1 - 4“: lauter Müllertextfragmente, auch aus seinen tollen Interviews. So tolle Brecht-Interviews gibt es leider nicht.

Aber was Müller noch mit der jüngeren Brecht-Rezeption vereint: die Annahme, dass die Poesie, die Gedichte mindestens momentan das Haltbarste seien. Tatsächlich ist Heiner Müller, als er im Angesicht des Todes (und als noch mal alter junger Ehemann und Vater einer Tochter) viel fragiler, wehmütiger und im Schweren immer federleichter geworden. Kein Dramatiker mehr, sondern bar jeder Theatralik ein fast philosophischer Poet. Man lese nur in der Müller-Werkausgabe „Die Gedichte“ (Suhrkamp Verlag, Berlin, 360 Seiten, 33 Euro). So aus dem Todesjahr 1995 „Ende der Handschrift“: „Neuerdings, wenn ich etwas aufschreiben will / Einen Satz ein Gedicht eine Weisheit / Sträubt meine Hand sich gegen den Schreibzwang / Dem mein Kopf sie unterwerfen will / Die Schrift wird unlesbar Nur die Schreibmaschine / Hält mich noch aus dem Abgrund dem Schweigen / Das der Protagonist meiner Zukunft ist.“

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