Ziemlich beste Freunde. Donald Trump und Benjamin Netanjahu bei den Vereinten Nationen. Foto: Avi Ohayon/dpa
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Donald Netanjahu und Benjamin Trump Wie Israel zum politischen Vorbild für die USA wurde

Werner van Bebber

Die beiden Staatschefs machen mittlerweile sogar gemeinsam Wahlkampf. Was sie dabei antreibt, erklärt der Soziologe Natan Sznaider im Interview.

Natan Sznaider ist Autor und Soziologe. Er gehört zu den Herausgebern des Bandes „Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte“ (Suhrkamp). 2017 erschien das Buch „Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern“. Sznaider lebt in Tel Aviv.

Herr Sznaider, welches Verhältnis hat Donald Trump zu Israel?
Er sieht in Israel ein Land, wie er es gern für die Vereinigten Staaten hätte. Das ist eine fantastische Wahnvorstellung. Israel ist ein ethnischer Nationalstaat und wird in den letzten Jahren von rechts regiert. Trump würde, glaube ich, die Vereinigten Staaten gern zu einem ethnischen Nationalstaat machen. Aber weder die USA noch Israel sehen annähernd so aus, wie Trump es sich vorstellt.

Was bedeutet es, wenn er sich als „König von Israel“ bezeichnen lässt?
Das hat wahrscheinlich mit Trumps Psyche zu tun, einem gewissen Narzissmus und einer Megalomanie. Darin liegt die Verbindung zwischen Trump und den Evangelikalen in den Vereinigten Staaten. Israel ist eigentlich ein christlich-messianisches Projekt. So versteht er das Land. Evangelikale bezeichnen ihn manchmal als „König von Israel“.

Damit wird das radikal-protestantische Konzept von Israel mit dem zweiten Kommen des Messias und der Apokalypse in Verbindung gebracht. Es ergibt politisch Sinn. Das sind nicht nur Idiotien. Dahinter stehen ganz klare politische Ideen und Strategien.

Was ist problematisch an Trumps Vorwurf der Illoyalität an amerikanische Juden, die die Demokraten wählen?

Der alte Vorwurf gegen Juden ist, dass sie eine doppelte Loyalität haben. Sie sind nicht bloß loyal gegenüber dem Staat, in dem sie leben – sondern auch gegenüber dem jüdischen Volk. Der Vorwurf besagte stets: Ihr seid eigentlich keine guten Amerikaner. Trump hat eine Doppelbindung eingebaut.

Er wirft den demokratischen Wählern gerade nicht vor, illoyal gegenüber den Vereinigten Staaten zu sein, sondern gegenüber Israel. Für einen amerikanischen Präsidenten ist das eine merkwürdige Sache.

Trump pflegt offenbar ein gutes Verhältnis zu Benjamin Netanjahu. Hilft das Netanjahu vor den Wahlen, die am 17. September stattfinden sollen?
Das weiß kein Mensch. Auf den Straßen Israels sieht man jetzt viele Plakate mit Trump und Netanjahu, wie sie sich die Hand reichen. Es ist klar, dass nach Barack Obama Präsident Trump sehr gut mit Netanjahu und seiner Politik korrespondiert. Netanjahu hat seine Interessen mit der Republikanischen Partei verknüpft.

Er hat Wahlkampf für die Republikaner gemacht – eine merkwürdige Sache. Denn die israelische Politik hat immer versucht, mit beiden amerikanischen Parteien gut auszukommen. In Amerika hieß das „bipartisanship“. Das hat Netanjahu gebrochen. Er hat seine Freundschaft zu Trump zur Freundschaft zwischen Israel und Amerika hochstilisiert.

Obama hatte versucht, den Vereinigten Staaten auch einen Weg in die arabische Welt zu öffnen. Die Wähler von Netanjahu würden ihn auch wählen, wenn er sich mit Trump nicht verstünde.

Netanjahu hat zwei jungen demokratischen Parlamentarierinnen die Einreise nach Israel untersagt, weil sie der BDS-Bewegung nahestehen. BDS steht für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegenüber Israel. Welche Bedeutung hat die BDS in den Vereinigten Staaten?
Vor allem ist es eine Bewegung an den Universitäten. Sie hat auch keine große Relevanz außerhalb des radikalen Flügels der Demokratischen Partei um die Politikerinnen Ilhan Omar und Rashida Tlaib. Sie ist populär bei Studenten – aber nicht bei Politikern.

Populär bei jungen Leuten: Es könnte eine Bewegung mit Zukunft sein?
Sie hat wahrscheinlich eine größere Zukunft. Man muss sehen, wie man damit umgeht. Israel könnte das souveräner handhaben und muss nicht gleich hysterisch werden. Wenn die beiden Frauen mit ihrer schon fast anti-israelischen Einstellung die besetzen Gebiete ruhig hätten besuchen können, wäre nichts passiert. Klar, dass mit der zunehmenden Dauer der Besatzung auch die Kritik lauter wird. Es ist noch nicht abzusehen, ob Omar und Tlaib die Zukunft der Demokraten sind – oder ob sich die Demokraten gerade wegen dieser beiden wieder weiter in die Mitte oder nach rechts bewegen.

Klar, dass sich in Amerika auch demografisch etwas tut. Alte Strukturen verändern sich, das wird die Beziehung zu Israel ebenfalls verändern. Man muss sagen, dass eine überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Amerikas für die demokratische Partei ist und diese auch wählt. Das macht Trumps anfangs zitierte Aussage ja so problematisch.

Ist die BDS auch in Deutschland das zeitgemäße Vehikel für Antisemitismus?
Zeitgemäßes Vehikel würde ich nicht sagen. Dass in der BDS Leute mit antisemitischen Neigungen sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Ob die BDS als Organisation als antisemitisch angesehen werden kann, halte ich für problematisch. Man kann aber sagen, dass sie politische Idioten sind. Es gibt zwei große politische Narrative des 20. Jahrhunderts – das von der Schoah, dem Holocaust und den Folgen bis zur Gedächtnispolitik und der Unterstützung für Israel.

Etwa wenn Frau Merkel sagt, die israelische Sicherheit sei deutsche Staatsräson. Zugleich gibt es das Narrativ des Kolonialismus und der Entkolonisierung. Das ist gerade für die Menschen im arabischen Raum ungeheuer wichtig. Die empfinden die Existenz Israels als Folge des Holocaust nicht als legitim. Dieses antikolonialistische Narrativ war eines der Dritten Welt, der arabischen Welt und eines linksradikalen Milieus. Es ist das Narrativ, das die BDS wirklich bewegt.

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