Jagd auf ein Phantom: Polizeihauptmeister Karl Simon (Herbert Knaup) gerät mit seinem SEK in eine Politintrige. Foto: Bavaria Film
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Dominik Graf auf der Berlinale „Man muss dem Kino etwas zumuten“

Wiederbegegnung mit Dominik Grafs „Die Sieger“ von 1994 bei den Berlinale Classics: ein Gespräch mit dem Regisseur über Genres und Irrtümer.

Herr Graf, Ihr Film „Die Sieger“ war 1994 ungewöhnlich für das deutsche Kino. Ein Actiondrama mit Starbesetzung, damals 12 Millionen Mark teuer. Wie war es zu dem Projekt gekommen?

Ich hatte bei den Dreharbeiten zum Thriller „Die Katze“ Ende der achtziger Jahre Düsseldorfer SEK-Leute kennengelernt, die erzählten mir faszinierende Geschichten. Der Produzent Günter Rohrbach war von Anfang an sehr interessiert und setzte sich mit unseren Sehnsüchten, was wir erzählen wollten, ernsthaft auseinander. Er wollte aber bei einem erwartungsgemäß teuren Film auch das große Publikum kriegen“ – worunter ja jeder letztlich immer etwas anderes versteht.

Der Film hat damals große Erwartungen geweckt, auch weil nach dem Erfolg von Tarantino plötzlich Genrekino angesagt war. Die deutsche Kritik war dann aber eher verhalten. Wie war Ihre Reaktion?

Ich hatte hochfliegende Träume, zu hoch vielleicht. Manche Filme verändern sich auch, weil die Zeiten drumherum sich verändern. Eine so gewissenlose, mörderische Politintrige erschien dem gerade frisch und fröhlich gewendeten Normalbundesbürger wohl noch unmöglich, obwohl sich ja kurz vorher erst der SEK-Showdown in Bad Kleinen ereignet hatte.

Jetzt läuft die restaurierte Fassung von „Die Sieger“ auf der Berlinale. Verdient der Film nach 25 Jahren eine Neubewertung?

Eine Neubewertung erwarte ich schon deshalb nicht, weil die Art von Genre- Mix, der uns damals vorschwebte, in Deutschland nach wie vor als mindestens merkwürdig, wenn nicht minderwertig empfunden wird. Aber ich freu mich sehr, dass der Film jetzt endlich in gewissem Sinne komplett ist.

Welche Szenen mussten denn restauriert werden?

Es sind etwa 15 Minuten herausgeschnittene Szenen wieder eingefügt worden, wenn auch in VHS-Ästhetik, weil die Negative verschwunden sind. Die Digitalisierung versucht, den inhaltlich und formal düsteren Film in die Gegenwart hinüberzuretten. Einiges gelingt dabei sogar fast besser als damals, zum Beispiel die extremen Licht-Situationen und die tonliche Dynamik.

Ein Kritikpunkt war damals die „unrunde“ Dramaturgie, vor allem in der ersten Stunde. Konnten Sie mit dieser Kritik etwas anfangen?

Ich konnte damit sehr wohl etwas anfangen, weil es genauso gemeint war. Eine lange, in den Details sogar enorm langsame Introduktion, in der die Privatszenen der Polizisten fast wichtiger sind als die Action. Und dann, erst nach etwa 70, 80 Minuten erst explodiert das Ganze und führt in eine klassische Genre-Situation mit Erpressung und Verfolgung. Wir meinten damals, man müsse dramaturgisch anders denken, um das Polizeigenre aus den alten Backformen heraus- zuheben: die Frauen – damals gab’s kaum weibliche Polizisten, die wären heute unverzichtbar –, die Familien, der Sex zu Hause, der Sex in der ersehnten „großen Welt“, die die Polizisten betreten. Das alles sollte wichtiger werden, breiteren Raum einnehmen als sonst üblich. Und dann war es natürlich vom ersten Moment an auch ein Geisterfilm. Es gibt ein Totenreich, gegen das die Protagonisten sozusagen von Anfang ankämpfen. Meine beiden Lieblingsgenres in einem.

Alles, was 1994 bemängelt wurde, versteht man 25 Jahre später – nach Ihren Tatorten, nach „Hotte im Paradies“, „Im Angesicht des Verbrechens“ und „Dreileben“ – viel besser. War „Die Sieger“ im Prinzip ein 12-Millionen-Experiment?

Ja, vielleicht. In „Die Katze“ hatten die Autoren und ich die Muster noch recht freudvoll bedient, prompt war’s ein Erfolg. Natürlich vor allem wegen Götz George in der Hauptrolle. Danach bekam ich drei, vier sehr innovative Scripts für die Serie „Der Fahnder“ zu drehen. Dadurch spürte ich sozusagen einen anderen Erzähl-Ton und Atem und wollte den ins Kino tragen.

Dominik Graf, 66, hat mehr als 50 Filme für Fernsehen und Kino gedreht. Er war schon oft Gast der Berlinale. Foto: Foto: Martin Schutt/dpa Vergrößern
Dominik Graf, 66, hat mehr als 50 Filme für Fernsehen und Kino gedreht. Er war schon oft Gast der Berlinale. © Foto: Martin Schutt/dpa

Welche Lektion haben Sie von Ihrer Erfahrung mit „Die Sieger“ gelernt?

Man muss dem Kino etwas zumuten, immer die Grenzen – auch die eigenen – ausloten. Nicht nach beschrifteten Schubladen arbeiten, etwa den nett heiteren Kommerzfilm und im Gegensatz dazu den kleinen feinen Kunstfilm bedienen. Sondern darauf bestehen, dass Filme größer sind als die Pläne und die Sehnsüchte, die die Branche mit dem Kino verbindet. Und man muss in seinen Filmen auch für ein anderes Sehen kämpfen, mal die Klassik verteidigen gegen die vorlaute Moderne, mal versuchen, ganz neue Wege zu gehen. Irrtümer sind dabei als Option immer mit einbezogen.

Nur ein Jahr danach haben Sie dann fürs Fernsehen „Frau Bu lacht“ gemacht, der heute als ein „Tatort“-Klassiker gilt. Wenn ein Lernprozess stattfand, hat sich der bei Ihnen sehr schnell vollzogen.

Mein Suchprozess nach „Sieger“ war langwierig. Ich hatte mich schon beim „Sieger“-Dreh auf den ungleich leichteren „Frau Bu“ gefreut. Aber das wunderbare Drehbuch von Günter Schütter litt dann stark unter meiner verunsicherten Regie, mit der ich alles etwas zu putzig inszenierte – nur um diesmal die Dinge anders zu machen.

Hatten Sie danach überhaupt noch Lust aufs Kino?

Das Kino als Abspiel-Ort ist bei uns doch immer ein Fetisch, in doppeltem Sinn eine Projektionsfläche. Gerade die kommerziellen Filme haben ja bei uns selten die ersehnten Publikumszahlen mit wirklich eigensinnig erzählerischer Qualität verbinden können. Die Ablehnung des Publikums darf man letztlich aber nicht zu wichtig nehmen. Wichtiger ist es, sich weiterzuentwickeln.

Reizt Sie die Arbeit am „Tatort“ und an „Polizeiruf 110“, weil innerhalb des Formats letztlich doch viel Spielraum bleibt?

Es waren und sind immer die Autoren für mich, die aus der vermeintlichen Konfektionsware des Abendfernsehens Verblüffendes machen können. Gutes Genrekino im Fernsehen funktioniert wie Maulwurfshaufen: Alles passiert unterirdisch im Verborgenen und plötzlich ist ein außerordentlicher Film da – wenns gelingt – und verschandelt sozusagen die Landschaft. Denn er darf keinesfalls in den Konsens passen. Meinen Drehbuchautoren Christoph Fromm, Günter Schütter, Rolf Basedow und Markus Busch verdanke ich alles.

Glauben Sie, dass Netflix jungen Genrefilmern eine neue Perspektive bieten kann?

Der Serienhype schwächt sich allmählich zwar ab, aber die Streamingdienste werden wohl bald mehr Spiel-Filme produzieren, die den Jungen gute Chancen geben. Öffentlich-rechtliches Produzieren, wie ich es noch kannte, mit den Personen, die dort das Erzählen wirklich befeuerten und denen, die dies heute noch nach Kräften tun: Das hat Legendäres geleistet. Und immer waren die besten RedakteurInnen dabei unter Beschuss ihrer Vorgesetzten. Vielleicht kommt ja trotz allen Verwerfungen von dort auch noch mal was, bevor die Strukturreformen ihre zerstörerische Wirkung voll entfalten.

Podiumsgespräch mit Dominik Graf: „Genre im deutschen Film und Fernsehen“: 11.2., 16 Uhr (Deutsche Kinemathek); „Die Sieger“: 11.2., 21.30 Uhr (HdBF)

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