Tina Turner und die Ikettes im Jahr 1973. Foto: Rhonda Graam
© Rhonda Graam

Dokumentation über Tina Turner MeToo, sie auch

Der Dokumentarfilm „Tina“ zeichnet das erstaunliche Leben der Rock-Legende Tina Turner nach - und zeigt auch die Schattenseiten. Jetzt läuft er auf der Berlinale.


Höher hinaus geht es selbst im an Superlativen so reichen Rock’n’Roll- Business nicht. In einem vogelnestartigen, von einem Kran hochgestemmten Bühnenvorbau winkt Tina Turner zu einer frenetisch jubelnden Menschenmenge herunter. „Ask Me How I Feel“ heißt die Powerballade.

Wie sie sich fühlt? Wahrscheinlich wie der größte Popstar des Planeten, der sie in diesem Moment tatsächlich ist. Ihr Open-Air-Auftritt vor 188.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro markierte 1988 einen bis heute unerreichten Rekord. Doch es war hart für die Sängerin, so weit, so hoch zu kommen. Das zeigt der Dokumentarfilm „Tina“. „Ich habe nicht gelebt, ich habe bloß überlebt“, sagt sie einmal.

Bis zu vier Shows am Tag

Tina Turner ist 81 Jahre alt, nach einer überstandenen Darmkrebserkrankung hat sie sich ins Privatleben zurückgezogen. Mit dem Film, den die Oscar-prämierten Regisseure Dan Lindsay und T.J. Martin für HBO inszeniert haben, möchte sie sich von ihrem Publikum verabschieden.

Die Sängerin, Kind einer Baumwollfarmerfamilie aus Tennessee, ist mit der Erfahrung von Armut und Gewalt aufgewachsen. Von ihrer Mutter wurde sie geschlagen und zur Großmutter abgeschoben. Über den Traum, der Enge ihres 300-Seelen-Heimatkaffs Nutbush zu entkommen, schrieb sie später den Funk-Hit „Nutbush City Limits“.

Sie entkam wirklich, dank der Musik. Als sie mit 17 ihren späteren Ehemann Ike Turner bei einem Konzert in St. Louis sieht, ist das eine Art Erweckungserlebnis. „Jesus, hör dir diesen Typen an. Ich fiel fast in Trance, als ich ihn sah“, erzählt sie.

Ike, der mit „Rocket 88“ einen frühen Rock’n’Roll-Song schrieb, erkennt ihr Gesangstalent. Er gibt ihr den Künstlernamen Tina – eigentlich heißt sie Anna Mae – und macht sie zum Aushängeschild der Ike and Tina Turner Revue.
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Die Soultruppe hat Hits wie „Proud Mary“ und tritt im Vorprogramm der Rolling Stones auf. „Es war wie in der Kirche, wenn du innerlich bewegt wirst“, sagt Oprah Winfrey, eine der prominenten Stimmen in der Doku. Rasant geschnittene Bilder zeigen Tinas Hochgeschwindigkeitstanzkünste, in einer Schwarzweißsequenz ist zu sehen, wie sie mit Kolleginnen Synchronschritte übt. Bis zu vier Shows absolvierte sie an einem Tag. Später gilt sie als die Frau, die Mick Jagger das Tanzen beigebracht hat.

„Tina“ handelt von einer Emanzipations- und Befreiungsgeschichte. Ike Turner war gewalttätig, die Partnerschaft mit ihm erwies sich bald als Käfig. Tina Turner spricht von Gehirnwäsche und Folter. Er malträtierte sie mit einem Schuhspanner, begoss sie mit kochend heißem Kaffee und zwang sie, sich für die Missetaten bei ihm zu entschuldigen. Ein Foto zeigt sie mit blauem Auge.

„Um sie herum waren alle glücklich, aber sie war immer traurig“, befindet ihr Sohn Craig. 1976 eskaliert die Situation, als Ike sie in Dallas im Auto unterwegs vom Flughafen zum Hotel blutig schlägt. Tina wartet, bis er einschläft, und läuft fort, wobei sie auf dem Highway beinahe von einem Truck überfahren wird. Der Film stellt die Flucht melodramatisch nach, mit Lichthupe auf der nächtlichen Straße und Feuerwerk zum Happy-End.

„Er bekam alles – aber nicht mich“

Happy-End? Von späteren Triumphen ist die Sängerin noch weit entfernt, angeblich hat sie gerade mal 63 Cent in der Tasche. Bei der Scheidung werden Ike das Haus der Familie in L.A. und alle sonstigen Besitztümer zugesprochen, die Song-Rechte gehören ihm sowieso. Außerdem verklagt er sie erfolgreich wegen der abgesagten Konzerte. „Er bekam alles – aber nicht mich“, so Tinas Fazit.

Um sich über Wasser zu halten, tritt sie bei McDonald’s-Conventions und in Quizshows auf, singt in Las Vegas Nachtclub-Klassiker wie „Fever“. Als der Musikproduzent Roger Davies ihr Manager wird, sagt Tina ihm, wovon sie träumt: „Ich möchte die erste Sängerin sein, die wie die Rolling Stones Stadien füllt“.

Das Comeback startete in London

Erst einmal ist es schwierig, einen Plattenvertrag zu bekommen. „Oft bin ich gefragt worden, ob sie immer noch mit Ike zusammen ist“, erinnert sich Davies. Während sich in Amerika nur noch wenige für Turner interessieren, hat sie weiter Fans in Europa. In London nimmt sie einen Song auf, den sie eigentlich hasst: „What’s Love Got To Do With It“.

In der Version der britischen Band Bucks Fizz war er ein Flop. Begleitet von Synthieflöten, Fingerschnipsen und einer leicht funkigen E-Gitarre verhilft er Tina zum Durchbruch als Solokünstlerin. 1984 erscheint ihr Album „Private Dancer“, von dem allein im ersten Jahr acht Millionen Exemplare verkauft werden. Allerdings verliert die Sängerin auch einen Teil ihrer Anhänger. Mit Soul hat ihr Pop nicht mehr viel zu tun.

Was sie mit Ike erlebte, hat Tina 1981 in einem Interview mit der Zeitschrift „People“ öffentlich gemacht: pure Gewalt, heute wäre es ein MeToo-Fall. „Tina“ präsentiert die Sängerin als Comeback-Königin – offenbar hat sie es geschafft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das letzte Kapitel der doch arg konventionellen Dokumentation trägt dann die Überschrift „Liebe“. Für den Film ist Tina Turner in ihrer Villa am Zürichsee befragt worden. Sie trägt einen schwarzen Smoking und sagt: „Heute bin ich glücklich“.

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