Reisegruppe Blumenberg. Der passionierte Laie Klaus Schölzel (links) neben der habilierten Expertin Melanie Möller. Foto: RealFictzion
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Dokumentation über Hans Blumenberg Der Mann, der hinter seinem Werk verschwand

Christoph Rüters Dokumentarfilm „Der unsichtbare Philosoph“ begibt sich auf die Spuren von Hans Blumenberg.

Was für ein selbstmörderisches Unterfangen, eine Dokumentation über jemanden zu drehen, von dem es so gut wie keine Bilder gibt. Hans Blumenberg ließ zeit seines Lebens genau zwei offizielle Fotos von sich kursieren. Und während von Martin Heidegger und Arnold Gehlen, den beiden Philosophen des 20. Jahrhunderts, deren Lektüre er neben derjenigen von Edmund Husserl für unerlässlich hielt, zahlreiche Fernsehaufnahmen existieren, belaufen sie sich bei ihm auf null.

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die an der Popularisierung des Münsteraner Geistestitanen einen wichtigen Anteil hat, wich nicht ohne Not ins Fiktionale aus, als sie ihm 2011 einen Roman widmete, der den Denker und die evasive Figur zu fassen versucht. Doch bevor man Christoph Rüters Film „Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph“ ein Husarenstück nennt, lässt sich das entscheidende Hindernis auch produktiv beschreiben: Warum als Zuschauer denen voraus sein, mit denen er bis zu seinem Tod 1996 am intensivsten sprach?

Für Henning Ritter, den inzwischen verstorbenen Spiritus Rector der „FAZ“Geisteswissenschaften, den er in seinen schlaflosen Nächten anrief, oder für den als Zeugen auftretenden Martin Meyer, den langjährigen Feuilletonchef der „NZZ“, mit dem er ein ähnliches Gespensterverhältnis pflegte, war er nicht mehr als die Stimme aus Altenberge, wohin er sich nach seiner Emeritierung zurückgezogen hatte.

Zeuge der Freitagsvorlesungen

Christoph Rüter selbst kann immerhin darauf verweisen, 1984 noch ein Semester lang die Freitagsvorlesungen des Meisters im Hörsaal 8 der Westfälischen Wilhelms-Universität erlebt zu haben. Bei allem Witz und aller Schärfe verliefen auch diese Vorlesungen in hochgradiger Distanz zum Publikum. In Szenen des Reenactments tritt sein damaliger Assistent Heinrich Niehues-Pröbsting dort noch einmal ans Pult, legt einen imaginären Hut ab, eine imaginäre Aktentasche und zupft sich imaginäre Handschuhe von den Fingern.

Lebendig wird Hans Blumenberg allerdings durch die Tondokumente, die den Film durchziehen. Der unsichtbare Philosoph wird hier nicht nur zu einem eminent hörbaren Philosophen: Über Untertitel und den visualisierten Frequenzgang seiner Stimme wird er sogar wieder sichtbar. Das ist mehr als eine Ersatzhandlung. Denn Blumenberg diktierte seine Manuskripte in staunenswerter Druckreife auf eine Stenorette, deren Bänder er anschließend abschreiben ließ.

Unterwegs im Kleinbus zwischen seiner Geburtsstadt Lübeck und dem schwäbischen Marbach, wo aus den Kellern des Literaturarchivs sein Nachlass derzeit ans Tageslicht gehoben wird, machen drei Cicerones Halt bei wegweisenden Forschern wie dem Heidelberger Theologen Philipp Stoellger. Sie holen jüngere Experten wie die Berliner Altphilologin Melanie Möller an Bord. Und zusammen mit Bettina Blumenberg, der Zweitgeborenen seiner vier Kinder, statten sie dem Lübecker Katharineum einen Besuch ab. Dort machte er 1939 als Jahrgangsbester Abitur, durfte als Halbjude jedoch die Abiturrede nicht halten – woraufhin ein Klassenkamerad einsprang, den Rüter ausfindig machte. Sie besuchen die Verstecke, die er nach einer kurzzeitigen Internierung bis zum Kriegsende 1945 benötigte und ihm in ihrer Höhlenartigkeit früh zur motivischen Obsession wurden.

Von der Anlage her ist das alles nicht sonderlich originell. Durch die sachkundigen Reiseführer, einen in die Werbung gegangenen Ex-Studenten und einen heutigen Taxifahrer neben Rüdiger Zill mit seinem Wissenschaftlerkopf, ergibt sich aber ein würdiger, erfrischend unakademischer Zugriff. Rüter, der schon verdienstvolle Filme über Heiner Müller und Thomas Brasch gedreht hat, walzt weder das Biografische über das Unvermeidliche hinaus aus, noch maßt er sich an, Blumenbergs Lehre zusammenzufassen. Wenn es denn eine gibt, die diesen Namen verdient.

Keine Lehre - ein denkerischer Gestus

Die Bruchstücke, die er einsammelt, zeugen dafür treffend von einem denkerischen Gestus, der mit wechselnden Anteilen literarische Eleganz, Metaphernwut und Begriffsartistik vereint. Dieser Stil, der dazu diente, sich die Übermacht der reinen Wirklichkeit vom Leibe zu halten, trägt oft suggestive Züge, schraubt sich aber auch in pompöse Höhen, in die nicht einmal Blumenbergs Assistenten ihm zu folgen vermochten. Das bildungsgeladen Überkomprimierte seines Schreibens, das wie seine Stimme aus einer fernen Zeit zu kommen scheint, bleibt in seiner unwiederholbaren Fremdartigkeit aber auch ein anhaltendes Faszinosum.

Rüter tut gut daran, die Person, die hinter ihrem Werk verschwinden wollte, nicht mit Gewalt hervorzuzerren. Es kostet nicht viel Fantasie, sich auszumalen, dass die Isolation, in die sich Blumenberg begab, auch eine ausgesprochen triste, wenn nicht gar zwangsneurotische Seite hatte. Umso mehr begegnet man einer der Tröstungen, die er sich in seiner Einsamkeit gönnte. Die Musik von Johann Sebastian Bach, darunter auch aus der Matthäuspassion, über die er eines seiner schönsten Bücher schrieb, prägt diesen Film. Sie zeigte Blumenberg das Gesicht einer Erlösung, zu der auch Ungläubige Zutritt haben.
In Berlin im Filmkunst 66 und Bundesplatz-Kino

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