Rückkehr der Würde: Sigmund Freud und seine Tochter Anna in London 1939. Foto: Film Kino Text
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Dokumentarfilm über Sigmund Freud Das Unbewusste ist ein offenes Buch

Der Dokumentarfilm „Freud über Freud“ collagiert das Leben des Pioniers der Psychoanalyse als traumartigen Zustand. Inklusive selten gesehener Farbaufnahmen.

Der Spruch, wonach Träume „Schäume“ seien, ist Ausdruck der Abwehr. So faszinierend wie unerbeten kann das Wissen darüber sein, was Träume preisgeben über unbewusste Begehren, über verborgene Ängste und Aggressionen. Träumend erzählen Menschen sich selber etwas über sich, unermesslich schöpferisch und jenseits der Logik von Tag und Ratio. Assoziativ bebildert auch der französische Regisseur David Teboul seinen Dokumentarfilm „Freud über Freud“ über den 1939 verstorbenen Pionier der Psychoanalyse, der Anfang des 20. Jahrhunderts dem Bewusstsein die Tore zum Unbewussten öffnete. Einen „Schlüsselbund“, so Freuds Tochter Anna, habe er der Forschung an die Hand gegeben.

Anna Freud ist eine der vielen Stimmen von Zeitzeugen, die der Film zitiert. Teils kaum bekannte oder neu entdeckte Aufnahmen begleiten die Erzählungen zu Theorie und Biografie, eine traumartig angelegte Collage aus Textpassagen und Szenen, die bei den jüdischen Vorfahren des Wieners Sigmund Freud einsetzt und abschließt mit seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus nach London, wo er kurz nach Kriegsbeginn starb.

Das symbolische Lesen im Buch des Unbewussten ist Freuds monumentale Entdeckung. Spielende Buben entreißen einem Mädchen auf einer Wiese die Blumen, die es gepflückt hat, und Freud erschließt sich mit dieser Traumszene aus der Kindheit den Begriff „deflorieren“, die Blume brechen. Von der Traumdeutung über die Abhandlungen zum Sexualtrieb und das Modell des psychischen Apparats aus Ich, Es und Über-Ich gelangte Freud, im Alter pessimistischer geworden, zur Frage nach Kriegsursachen und jener nach der Reichweite des Sublimierens aggressiver Triebe durch Kultur.

Die Urgroßnichte Napoleons verhilft Freud ins Exil

Gesprochen werden Passagen aus dem Werk und aus der Korrespondenz mit Weggefährten, von Teboul dicht verflochten mit meist schwarz-weißen Dokumentaraufnahmen jener Jahre. Sie zeigen Wiener Straßen, einen Karnevalszug, groteske Masken, Alltagsszenen, Juden in einer Synagoge, Stücke aus Freuds Antikensammlung, seinen Schreibtisch, seine Familie. Einmal ist der gealterte Forscher im Lesesessel am offenen Fenster zu sehen, während seine Frau Martha, hinter ihm stehend, die Hände wie zum Schutz auf seine Schultern legt.

Filmausschnitte lassen auch den psychoanalytischen Freundeskreis lebendig werden, etwa Sandor Ferenczi, Karl Abraham und Marie Bonaparte, eine Urgroßnichte Napoleons. Deutsch untertitelt werden ihre Sätze auf Französisch von Catherine Deneuve gesprochen, Birgit Minichmayr leiht Anna Freud ihre Stimme, Johannes Silberschneider, etwas zu melancholisch wirkend, spricht Freud. Nur sparsam gesellen sich zu den Zitaten brückenbauende Kommentare aus dem Off.

(In den Berliner Kinos Bundesplatz, Capitol, Cinema Paris, Delphi Lux, Eva-Lichtspiele, Filmkunst 66, Filmtheater Friedrichshain)

Bonaparte hatte sich 1925 bei Freud in Behandlung begeben, sie trug seine Lehre nach Frankreich und ermöglichte die Ausreise der Freuds ins Exil. Der wohlhabenden Analytikerin verdanken sich auch rare Filmaufnahmen in Farbe, entstanden in Wien, Paris und London. Besonders berührend sind die Privataufnahmen vom Aufenthalt der Familie Freud, die auf der Reise ins Exil bei Marie Bonaparte in Paris Station machte.

In den Stunden auf ihrer Terrasse genoss der erschöpfte, bereits schwer erkrankte Freud eine Rückkehr der „Würde“, die ihm der erzwungene Aufbruch genommen hatte. Die Fülle der Bilder und Texte scheint im Kontrast zu stehen zum meditativen Duktus von Tebouls Collage. Ihr gelingt das Paradox, den Zauber der Aufklärung aufleuchten zu lassen, indem sie auch das Unbewusste anspricht. Der Film hat das Zeug dazu, fruchtbare Fragen nach mehr Freud zu wecken.

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