Gestapo-Razzia. Szene aus der Fernsehserie "Die Rote Kapelle" (1972). Foto: Farbfilm
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Dokumentarfilm "Die Rote Kapelle" Wie die Gestapo auch nach 1945 noch Geschichte schrieb

In der DDR wurden die Widerständler zu KPD-Helden, in der BRD zu Vaterlandsverrätern gemacht. Nun erzählt ein Film die wahre Geschichte der "Roten Kapelle".

Der Botschafter ist erbost. Mitten in der Nacht hat man ihn aus dem Bett geholt, nun steht er im Bademantel vor einem Mann, der behauptet, Informationen zu besitzen, bei denen es um Leben und Tod gehe. Am 22. Juni um vier Uhr werde Deutschland die Sowjetunion angreifen, in ziemlich genau 24 Stunden also. „Die Nachricht muss sofort nach Moskau übermittelt werden“, fordert Leopold Trepper, der Kopf einer Pariser Agentengruppe, die schon seit Wochen massive Truppenbewegungen der deutschen Besatzer gen Osten registriert hat.

Doch in Vichy, dem Sitz der französischen Kollaborations-Regierung, wo sich auch die internationalen Diplomaten niedergelassen haben, will der Sowjetbotschafter nichts wissen von der Dringlichkeit. „Seit einem Jahr bekomme ich solche Schaudermeldungen“, sagt er. „Ich werfe sie alle in den Mülleimer.“ Seinem nächtlichen Gast wirft er vor, dass er als Geheimdienstler überhaupt einen Fuß in die Botschaft gesetzt hat. Eine Eigenmächtigkeit, die alle Regeln der Konspiration verletzt.

Stalin wollte von ihren Warnungen nichts wissen

Es folgen schwarz-weiße „Wochenschau“-Aufnahmen: Soldaten, die Grenzbäume niederreißen, vorstoßende Panzer, Stuka-Angriffe. Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 überfällt die Wehrmacht die Sowjetunion, exakt wie vorhergesagt. Die unvorbereitete Rote Armee wird überrannt, im Oktober stehen Hitlers Truppen kurz vor Moskau. Dabei hatte auch eine Widerstandsgruppe aus Berlin die Sowjets gewarnt, dass ein Angriff bevorstehe. Doch als der Hinweis auf Stalins Schreibtisch landete, schrieb der Diktator daneben, er stamme „von einem Desinformator“, den man „zu seiner Hurenmutter zurückschicken“ solle.

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Eines verbindet die Agenten in Paris mit den Berliner Oppositionellen: von ihren Gestapo-Verfolgern werden sie „Rote Kapelle“ genannt. Carl-Ludwig Rettinger greift für seine Dokumentation über „das verdrängte Widerstandsnetz“ – so der Untertitel – auf Szenen aus dem Defa-Spielfilm „KLK ruft PTX - Die Rote Kapelle“ (1970) und der westdeutschen Fernsehserie „Die Rote Kapelle“ (1972) zurück. Beide sind ideologisch gefärbt und erzählen nur die halbe Geschichte. In der DDR wurden die Widerständler zu KPD-Helden verklärt, in der BRD galten sie als Vaterlandsverräter.

Spione wurden sie, weil die Flugblätter nicht geholfen hatten

Rettinger konfrontiert diese Geschichtsmythen mit den Erinnerungen der hinterbliebenen Kinder und Enkel. Die Berliner Gruppe um den Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und den Juristen Arvid Harnack war ein loser Zusammenschluss von Freundeskreisen, von denen viele einen bürgerlich-liberalen Hintergrund besaßen. Auffallend ist der große Anteil von Frauen an dem Netzwerk, darunter die Übersetzerin Mildred Harnack, eine gebürtige Amerikanerin, und die Pressereferentin Libertas Schulze-Boysen.

Erst, als es ihnen nach Kriegsbeginn nicht mehr genügte, nachts Flugblätter an Wände zu kleben, nahmen sie Kontakt mit den Sowjets auf, denen sie Militärgeheimnisse lieferten, zu denen Schulze-Boysen im Luftfahrtministerium Zugang hatte. Ab 1941 kooperierten sie mit den Zellen, die von „Grand Chef“ Leopold Trepper und „Petit Chef“ Anatoli Gurewitsch im Auftrag des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU in Brüssel und Paris aufgebaut worden waren.

[In Berlin läuft "Die Rote Kapelle" in den Kinos B!Ware, Babylon und Brotfabrik]

Als es der deutschen Militärabwehr mittels eines Peilwagens gelingt, einen Sender der Agenten in einem Brüsseler Bürogebäude zu orten, werden die Gruppen zerschlagen. Chef-Fahnder Hauptmann Harry Piepe behauptet nach dem Krieg im West-Fernsehen, dass ihm das Codebuch des Netzes in die Hände gefallen sei. In Wirklichkeit wurden die Chiffrierdaten im Konzentrationslager Breendonk unter Folter aus Gefangenen herausgepresst. Überhaupt war, zumindest in der BRD, die Erinnerung an die "Rote Kapelle" lange Zeit von den einstigen Tätern geprägt. Antikommunismus war auch bald nach 1945 wieder gefragt.

Von den Tätern wurde keiner nach 1945 juristisch belangt

Der Bundesnachrichtendienst, hervorgegangen aus dem Militär-Nachrichtendienst "Fremde Heere Ost" des Generalmajors Reinhard Gehlen, schrieb in einem 400-seitigen Bericht den Gestapo-Mythos fort und warnte vor einer erneuten roten Verschwörung. Auf den haltlosen Beschwörungen basierte eine Titelgeschichte des Magazins "Stern" mit der Überschrift "Die Agenten sind unter uns". Kein Mitglied des Sonderkommandos, das auf die Gruppe angesetzt worden war, ist jemals dafür juristisch belangt worden. 102 Widerstandskämpfer der „Roten Kapelle“ wurden hingerichtet, begingen Selbstmord oder starben im KZ. Ihnen ist dieser im besten Sinne aufklärerische und bewegende Dokumentarfilm gewidmet.

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